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Augsburg

10.04.2019

Warum Siedlergemeinschaften noch aktuell sind

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3 Bilder
So stellt man sich eine Siedlung vor: Im Bärenkeller-Nord dominieren Ein- und Zweifamilienhäuser mit relativ großen Grundstücken.
Bild: Annette Zoepf

In Augsburg sind 19 Siedlungen im Verband Wohneigentum organisiert. Einer der Vorsitzenden erzählt, welche Themen ihn umtreiben.

Das Foto im Flur der Siedlergemeinschaft Bärenkeller-Nord gibt einen guten Überblick über das Wohnquartier, in dem Ein- und Zweifamilienhäuser dominieren. Aufgenommen wurde das Bild vor einigen Jahrzehnten vom einzigen Hochhaus des Stadtteils. Das steht immer noch und dient auch für das aktuelle Foto nebenan als Ausgangspunkt. Auf den ersten Blick unterscheiden sich die beiden Aufnahmen nicht sonderlich: Von Solardächern, Anbauten, ein paar neuen Häusern und frischen Anstrichen abgesehen, hat die 1933 gegründete Siedlung an der Stadtgrenze zu Neusäß und Gersthofen ihren Charakter bewahrt.

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Sie entstand in einer Zeit hoher Arbeitslosigkeit und größter Wohnungsnot als Selbsthilfeprojekt. Die künftigen Bewohner bekamen damals per Los Grundstücke zugeteilt, mussten aber vor dem Bau selbst für die Infrastruktur sorgen. 86 Jahre später herrschen wirtschaftlich stabile Zeiten, die Wohnungsnot ist aber wieder zum Thema geworden. „Immer wieder fragen Leute bei uns nach, ob wir nicht freie Wohnungen haben“, sagt Michael Liegel.

Manche Siedler lassen ihr Haus leer stehen

Der neu gewählte Vorsitzende von Augsburgs größter Siedlergemeinschaft muss die Menschen enttäuschen. Denn der Verein vermietet keine Wohnungen, sondern ist ein Zusammenschluss von Hausbesitzern, die ihre Immobilien überwiegend selbst nutzen. Wie sich bei einem Rundgang durch die Straßen zeigt, lassen manche offenbar lieber ihr Haus leer stehen, als es zu vermieten. „Die Besitzer sind gestorben und die Erben sind sich nicht einig oder haben noch nicht geklärt, was mit dem Haus passieren soll“, erklärt Liegel.

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Charakteristisch für die oft nicht allzu geräumigen Siedlerhäuser sind die großen Grundstücke. Auch das Zweifamilienhaus, in dem der 63-jährige Vorsitzende lebt, bietet viel Raum drumherum. „Wir hätten theoretisch den Platz für ein zweites Haus.“ Auch wenn die Stadt das Thema Nachverdichtung vor ein paar Jahren aufgebracht hat, wollen Liegel und die anderen Erben ihre Entscheidung diesbezüglich nicht übers Knie brechen. Schließlich gebe es bislang im Bärenkeller weder einen Bebauungsplan noch sonstige Richtlinien.

Als gelernter Betonbauer ist Liegel schon von Berufs wegen mit dem Bauen vertraut. Durch sein langjähriges Engagement in der Siedlergemeinschaft hat sich der Familienvater und mittlerweile vierfache Opa vor seiner Wahl zum Vorsitzenden mit Gesetzen und Richtlinien befasst.

Manchmal allerdings muss er neben seinem Fachwissen auch viel Diplomatie an den Tag legen. Etwa, wenn bei den allwöchentlichen Siedler-Sprechstunden Nachbarstreitigkeiten zur Sprache kommen. Parkplätze, Ruhestörung oder ein Zaun, der angeblich in das Grundstück des Ratsuchenden hineinragt, seien typische Anliegen.

Siedlervereine sind auf Mitgliedersuche

Warum sich Michael Liegel darauf einlässt und als Vorsitzender Verantwortung übernimmt? Irgendjemand müsse es ja machen, sagt er. Oder anders ausgedrückt: „Erfolg ist nicht, was man im Leben für sich erreicht, sondern was man für andere tut“, zitiert er den Publizisten Peter E. Schumacher. Als der langjährige Vorsitzende Gerhard Geßler im vergangenen Jahr überraschend starb, war lange nicht klar, wie es mit der Siedlergemeinschaft weitergeht. Der 63-Jährige erklärte sich bereit, die Nachfolge anzutreten, zumal er jetzt in Rente geht. Liegels erklärtes Ziel ist es, neue Mitglieder zu gewinnen. Denn neu hinzugezogene Siedler scheuten oft den Weg in den Verein. Dabei beinhalteten die 30 Euro Jahresbeitrag nicht nur die kostenlose Beratung und attraktive Versicherungskonditionen, sondern auch günstige Tarife bei Strom und Gas.

Neue Siedlungen kommen nicht mehr dazu

Dass es immer schwieriger wird, Mitglieder zu gewinnen, bestätigt auch Monika Strauß, Leiterin der Bezirksgeschäftsstelle des Verbandes Wohneigentum. Sie betreut 62 Siedlungen, davon 19 in Augsburg sowie gut 600 Einzelmitglieder. Darunter seien einige, wie etwa Bärenkeller-Nord, die ihren Ursprung in den 1930er-Jahren haben. Etliche hätten sich in den 50er- und 60er- Jahren formiert. „Die 1990 gegründete Marie-Juchacz-Siedlung in Oberhausen ist die jüngste“, sagt Strauß. Leider kämen keine Siedlungen mehr hinzu, dabei „wird an jedem Eck gebaut“.

Eine Mitgliedschaft lohnt sich nach ihren Worten nicht nur wegen der finanziellen Vorteile. Der Verband Wohneigentum sei auch Sprachrohr der Hausbesitzer. „Der erste Anstoß zur Abschaffung der Straßenausbaubeiträge kam von unserem Landesverband“, so die Geschäftsstellenleiterin. Auch wenn Siedlergemeinschaften nicht gerade eine Wachstumsbranche sind, schätzt Strauß die dort geleistete Arbeit. Sie sei ein wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens in den Stadtteilen. Im Bärenkeller etwa veranstaltet die Siedlergemeinschaft Süd-Mitte die Maibaum- und Adventsfeier. Momentan, so gibt Nord-Vorsitzender Liegel zu, seien die vier Siedlungen im Stadtteil noch Einzelkämpfer. Das würde er gerne ändern.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Siedlergemeinschaften: Probleme leichter gemeinsam lösen

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