Vier Stockwerke über Augsburg legen ein paar Quadratmeter Zeugnis ab vom Leben eines Mannes. Vieles in und neben den Regalen hier ist irgendwie normal, ein Bild aus der Kindheit, ein Lexikon, die Bibel. Aber in diesem Arbeitszimmer befinden sich eben auch die Dinge, die Christian Pülz ausmachen. Da ist eine ganze Bücherwand mit juristischer Fachliteratur, da sind die Modell-Autos, die schicken Uhren, die Moutainbike-Magazine, all die Schallplatten. Und dann ist da noch eine Fotografie an der Wand. Sie zeigt eine BMW R nineT Vintage 21, ein Motorrad, das für Christian Pülz viel mehr ist als das. Es ist ein Symbol. Für das, was ihm die Corona-Impfung genommen hat. Und für das, was er sich wieder holen will.
Christian Pülz ist 48 Jahre alt, freiheitsliebend, er bezeichnet sich selbst als "Genussmenschen". Bilder von früher zeigen ihn auf dem Motorrad, beim Mountainbiken und Wandern, viel Natur. Hauptsache, aktiv. Alkohol nur in Maßen, keine Zigaretten, keine Drogen. Ein Bluttest, den er im Sommer 2021 machen ließ, bescheinigte ihm rundum Top-Werte. Er kaufte sich noch eine BMW R nineT Vintage 21. fahren konnte er sie aber kaum noch.
Augsburger Rechtsanwalt Christian Pülz ließ sich mit AstraZeneca impfen
Der Leidensweg, den Christian Pülz schildert, beginnt am 10. Juni 2021 mit einem Anruf: Bei einer Hausärztin ist Impfstoff übrig, woanders stehen die Leute Schlange. "Kommst du?" Pülz weiß, wie gesund er ist, will aber andere schützen. Also kommt er. Die Hausärztin führt ein kurzes Sammel-Aufklärungsgespräch, drückt jedem ein Aufklärungsblatt mit Nebenwirkungen in die Hand, verweist noch auf das Thrombose-Risiko. Das allerdings bestehe beim gleich verabreichten Impfstoff, Vaxzevria von AstraZeneca, eigentlich nur bei jungen Frauen. Pülz vertraut darauf, auch die Bundesregierung bewirbt ja die Impfung offensiv, von größeren Nebenwirkungen ist nie die Rede. Und selbst wenn was sein sollte: In einem Land wie Deutschland werde man sich schon um ihn kümmern. In Dänemark ist Vaxzevria zu diesem Zeitpunkt schon seit drei Monaten aus dem Verkehr gezogen – wegen zunehmender Berichte über Gerinnungsstörungen.
In der Nacht nach der Impfung erlebt der Augsburger das, was viele erleben: Schüttelfrost. Unangenehm ist er, bald aber verschwunden. Eine normale Nebenwirkung. Pülz geht wieder seiner Arbeit als Rechtsanwalt nach, macht Sport, alles ist wie immer. An Tag sechs aber, als er gerade einen Vertrag prüft, findet er keine Worte mehr, lallt, bekommt heftige Kopfschmerzen und Fieber – 43 Grad. Er torkelt zum Arzt. Weil er dort nicht einmal mehr seinen Namen nennen kann, kommt ein Rettungswagen und bringt ihn in die Augsburger Uniklinik. Dort kommt er auf die Intensivstation, erste Behandlungen scheinen noch anzuschlagen.
Irgendwann muss er auf die Toilette, um sich zu übergeben. Dann ist alles weg.
Post-Vac-Syndrom: Corona-Impfungen können Nebenwirkungen haben – wie alle anderen auch
„Wie bei jeder anderen Impfung auch kann es bei den Corona-Impfungen Nebenwirkungen geben“, sagt Jördis Frommhold. Die 42-Jährige gilt als eine der renommiertesten Long-Covid- und Post-Vac-Expertinnen, eine Vorreiterin auf einem Gebiet, auf dem Expertise noch immer Mangelware ist. Hoch oben im Norden, in Heiligendamm und in Rostock, hat sie Anlaufstellen für all jene aufgebaut, die entweder unter den Folgen der Virus-Infektion oder der Impfung leiden. Zwar machen Post-Vac-Patienten einen deutlich geringeren Anteil aus. Was aber auffällt: Bei ihr melden sich Menschen aus der ganzen Republik, auf der Suche nach jemandem, der ihre Beschwerden ernst nimmt. „Für Post-Vac-Patienten sieht es echt dünn aus, das muss man leider so sagen“, bedauert Frommhold. „Sie werden an vielen Stellen einfach abgewiesen.“ Entsprechend sind auch die vielen Statistiken mit äußerster Vorsicht zu deuten. Wirklich verlässliche Zahlen gibt es kaum. Das liegt daran, dass nicht alle Fälle erfasst werden, daran, dass die Frage, hinter welchem Symptom die Impfung als Auslöser steckt, mitunter umstritten ist.
Schwere Nebenwirkungen, die von der Corona-Impfung ausgelöst werden, sind selten – doch ganz auszuschließen sind sie nicht. Laut Zentrum Bayern Familie und Soziales (ZBFS) haben seit 1. Januar 2021 insgesamt 1629 Bürgerinnen und Bürger einen Antrag auf Versorgung wegen Corona-Impfschadens gestellt. Davon sind 810 Verfahren entschieden – in 81 Fällen wurden die Anträge anerkannt, 704 wurden abgelehnt und 25 zurückgenommen, 872 Verfahren sind offen.
Die Beschwerden, unter denen Post-Vac-Patientinnen und -Patienten leiden, sind vielfältig. Relativ häufig tritt etwa das Fatigue-Syndrom auf, das geprägt ist von tiefsitzender Kraftlosigkeit, Atembeschwerden oder Nervenschmerzen. Viele Post-Vac-Fälle sind gravierend.
Schwere Impfschäden sind selten – zur Anerkennung dauert es oft sehr lange
Was Christian Pülz nach dem Zusammenbruch auf der Toilette widerfährt, ist ein solcher gravierender Fall, einer der schwersten offiziellen in Deutschland. Die Impfung löst in seinem Körper eine Autoimmunreaktion aus, die wiederum eine lebensgefährliche Brückenvenenthrombose verursacht. Die Ärzte kämpfen mit allem, was die moderne Medizin hergibt, fräsen ihm auch den Schädel auf, um Druck zu nehmen. Zwischen den vielen Operationen bekommt die Frau des damals 47-Jährigen einen Anruf aus der Klinik: Man werde ihn wohl verlieren, heißt es. Wenn er zurückkomme, dann solle sie damit rechnen, einen Schwerstpflegefall zu Hause zu haben.
Gut eineinhalb Jahre danach steht Christian Pülz aufrecht, vier Stockwerke über Augsburg. Er ist ein gepflegter Mann, in Erscheinung und Ausdruck. Alles musste er wieder lernen: das Gehen, das Sprechen, das Leben. Die Narbe, die sich fast über den kompletten Kopf erstreckt, ist kaum zu sehen. Doch vieles vom Juni 2021 bleibt. Das Implantat, das ihm nach der Schädel-OP eingesetzt wurde, drückt auf die Schläfe. Auf dem linken Auge ist Pülz teilweise blind, er leidet unter Konzentrationsschwierigkeiten, der Umgang mit Zahlen fällt ihm schwer, auch psychische Probleme kamen auf. In seiner Wohnung hat er einen Korb angelegt mit all den Präparaten, die er derzeit nehmen muss. "Mein Souvenir von einem kleinen Piks", sagt er und lacht bitter.
Doch abfinden will sich Pülz mit alldem nicht. Er hat aus seinen Erfahrungen seine Mission gemacht – und will das, was ihm und anderen Impfgeschädigten widerfahren ist, aufarbeiten. Sein eigener Fall ist eindeutig: "Vakzininduzierte Immunthrombozytopenie" steht in dem Bescheid, den er im Dezember 2022 vom ZBFS bekam und der schwarz auf weiß seinen Impfschaden anerkennt. Andere Betroffene erleben immer wieder, wie an ihren Beschwerden gezweifelt wird, wie sie entweder als psychosomatisch abgetan werden oder ein Zusammenhang mit der Impfung bestritten wird. Dass er nur einer von wenigen anerkannten Fällen in Deutschland ist, dass er rund ein Jahr auf seinen Bescheid warten musste, dass er und andere Impfgeschädigte nach wie vor im Stich gelassen werden – all das will Christian Pülz ändern. Ohne dafür bezahlt zu werden, leistet er inzwischen dutzenden Post-Vac-Betroffenen rechtlichen Beistand.
Post-Vac-Ärztin Jördis Frommhold: Betroffene "wünschen sich Solidarität"
Das Gefühl, im Stich gelassen zu werden, erlebt auch die Ärztin Jördis Frommhold in ihrem Alltag. „Die Menschen, die zu uns kommen, sind keine Impfzweifler oder Leute, die sich zur Impfung gedrängt gefühlt haben“, erzählt sie. „Das sind Menschen, die sich durch die Impfung solidarisch mit der Gesellschaft gezeigt haben – aber sich nun eben auch ihrerseits Solidarität wünschen.“ Viele ihrer Patientinnen und Patienten haben einen längeren Leidensweg hinter sich, sehen sich von Ärzten nicht ernst genommen. „Sie fühlen sich hilflos, weil scheinbar keiner für sie zuständig ist“, sagt Frommhold.
Und sie stehen gleich vor einem doppelten Problem: Viele ihrer Patientinnen und Patienten hätten Angst, dass sie bleibende Schäden davontragen würden, fänden aber keinen Arzt, der sich für sie zuständig fühle. Dabei könne man vielen Problemen sehr wohl therapeutisch begegnen. „Selbst wenn wir nicht die eine Pille gegen Impfschäden haben, können wir doch unsere Möglichkeiten nutzen, den Patienten zu helfen – und vor allem können wir lernen“, sagt Frommhold. Bei neuen Erkrankungen basiere Medizin immer wieder auf Erfahrungen, die die Wissenschaft sammeln müsse. Das Problem: Je länger Symptome ohne Behandlung bleiben, umso größer ist die Gefahr, dass die Krankheit chronisch wird.
Wer einen Impfschaden erleidet, hat Anspruch auf staatliche Entschädigung – so steht es im Infektionsschutzgesetz. Zuständig sind demnach die Versorgungsämter der Bundesländer, in Bayern das ZBFS. Ein Gutachter prüft je nach Fall die medizinischen Unterlagen und entscheidet dann, ob eine Entschädigung bezahlt wird. Das Prozedere ist langwierig – allein schon, weil der Impfschaden selbst mindestens sechs Monate andauern muss, um als solcher anerkannt zu werden. Zeit, die viele Betroffene nicht haben. Doch selbst wenn der Bescheid positiv ausfällt: Je nach Schweregrad steht Impfgeschädigten eine Grundrente von 164 bis 854 Euro pro Monat zu. "Ein Witz", sagt Christian Pülz, der selbst 526 Euro monatlich zugesprochen bekam. "Den Betroffenen fällt oft das ganze Leben auseinander. Medikamente, Behandlung, Versorgung – das müssen sie erst mal selbst zahlen. Für einen Sozialstaat, der die Aufgabe hat, die Schwachen und Bedürftigen zu versorgen, ist das eine Schande – insbesondere angesichts der von ihm betriebenen Impfkampagne."
Doch das ist nicht der einzige Grund, warum Pülz von "staatlichem Versagen" spricht. Nach Einschätzung des Rechtsanwalts sind die Hersteller, die mit den Impfstoffen enorme Gewinne machten, für Mängel ihres Produkts nur schwer zur Verantwortung zu ziehen. Bei Beschaffung der Impfstoffe hätten sich alle EU-Regierungen verpflichtet, im Haftungsfall für mögliche Schadensersatzforderungen, Anwalts- und Gerichtskosten aufzukommen. In Deutschland habe die Bundesregierung noch vor Start der Impfkampagne eine Verordnung erlassen, nach der Hersteller nur bei grober Fahrlässigkeit oder Vorsatz für Impfschäden haften sollten. Gleichzeitig sei keine rechtliche Grundlage geschaffen worden, mit der der Staat diese "Haftungslücke" schließe. Das Ergebnis: "Die Geschädigten bekommen wahrscheinlich wenn überhaupt die mickrige Zahlung vom Versorgungsamt – und sonst nichts."
Impfstoff-Hersteller kamen bei Verträgen gut davon
Warum wurden die Hersteller so begünstigt? Die Bundesregierung sagt, die Ausnahmen von sonst üblichen Vorschriften seien notwendig gewesen, um schnell an Impfstoff zu kommen. Gesundheitsminister Karl Lauterbach hofft, dass sich das ändern könnte, dass die Pharmaunternehmen doch noch mit ins Boot steigen. „Denn die Gewinne sind ja exorbitant gewesen. Und somit also wäre das tatsächlich mehr als eine gute Geste, sondern das könnte man erwarten“, sagte er in einem Interview mit dem ZDF.
Auch wenn die Hürden, entschädigt zu werden, hoch sind, gehen immer mehr Betroffene vor Gericht. In ganz Deutschland sind inzwischen dutzende Klagen gegen Hersteller eingereicht. Ende April wird in Frankfurt am Main wohl der erste Zivilprozess gegen Biontech verhandelt. Auch Christian Pülz will vor Gericht gehen. Er beklagt, die alte Bundesregierung habe nur unzureichend über Nebenwirkungen aufgeklärt, die neue verharmlose Impfschäden. Es brauche in der Fläche schnell deutlich mehr spezialisierte Beratungs- und Therapieangebote wie Post-Vac-Ambulanzen. Bislang müssten sich Geschädigte jede Hilfe erstreiten, statt sie zu bekommen.
Eine Vermutung will Jördis Frommhold, die Ärztin, dennoch ausräumen: dass die Geschwindigkeit der Impfstoff-Entwicklung etwas mit Nebenwirkungen oder Impfschäden zu tun habe. „Ich bin der festen Überzeugung, dass die Impfung wichtig und richtig war, sonst hätten wir viel mehr Tote zu beklagen gehabt“, sagt die Ärztin. Die Pandemie wäre ohne die Impfstoffe sicher nicht so abgelaufen, wie sie jetzt abgelaufen ist. „Aber in der Medizin gibt es nichts, was ohne Nebenwirkungen ist“, sagt Frommhold. „Das ist auch nichts Schlimmes – man muss es aber kommunizieren.“ Nun sei der Zeitpunkt gekommen, auf die Betroffenen zu schauen und sie ernst zu nehmen.
Sein altes, unbeschwertes Leben bekommt Pülz nicht mehr, er sagt, das wisse er. Aber er wolle weiterkämpfen. Für andere – und den Traum, endlich wieder seine BMW R nineT Vintage 21 zu fahren.