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Kino und Theater

07.02.2021

So nutzen Kino- und Theaterbetreiber der Region den Lockdown

Alexander Rusch will den Lockdown nutzen, um das Cineplex in Aichach und an den anderen Standorten zu renovieren. Er hofft, dass er ab Ostern wieder öffnen darf.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Seit November bleiben Kino- und Theatersäle leer. Statt Trübsal zu blasen, nutzen zwei Betreiber aus Aichach und Augsburg die Zeit, um Arbeiten durchzuführen.

Der Saal liegt in vollkommener Dunkelheit. Nur schemenhaft lassen sich die langen, gepolsterten Stuhlreihen erkennen, die der zwölfeinhalb Meter breiten Leinwand zugewandt sind. Fast kann man das erwartungsvolle Flüstern der Besucher hören, das Rascheln von Popcorn, fast wartet man darauf, dass die Leinwand beleuchtet wird und der erste Werbespot beginnt. Alexander Rusch geht zu einem kleinen Kästchen, das neben der Tür in die Wand eingelassen ist, öffnet es und schaltet das Licht ein – und der Spuk ist vorbei.

Seit fast einem Jahr waren die Kinosäle in Aichach nicht mehr voll belegt

Zwölf an den Seitenwänden angebrachte Lampen gehen flackernd an und tauchen die leeren Stuhlreihen in schummriges Licht. „Das ist unser größter Kinosaal“, sagt Rusch und schließt das Kästchen wieder. Der größte Kinosaal, das bedeutet im Cineplex in Aichach Platz für 165 Kinobesucher. Auch wenn so viele Menschen hier schon seit fast einem Jahr nicht mehr zusammen einen Film gesehen haben.

Seltsam klein wirkt der Saal so ganz ohne Zuschauer. Zu der Zeit, als der Saal gebaut wurde, sei die sogenannte „Black Box“ beliebt gewesen, erzählt Inhaber Rusch, darum sei der Raum so dunkel gehalten. Mit seinem schwarzen Hemd und der dunklen Jeans verschmilzt der 38-Jährige beinahe mit dem Hintergrund. Nur seine roten Schuhe fallen auf – ebenso wie die 16 Kinosessel, die genau in der Mitte des Zuschauerraums angebracht und mit knallig rotem Leder bezogen sind. Das sind die 4D-Sessel, die den Zuschauern mit zwei eingebauten Motoren ein Rundum-Erlebnis bieten können. Seit November stehen sie aber still, ebenso wie die Heizung. Entsprechend kalt ist es im Saal.

Für Kinos ist es wichtig, dass sie deutschlandweit gleichzeitig öffnen können

Trotzdem lässt sich Rusch die gute Laune nicht nehmen, sieht eher die Möglichkeiten, die sich jetzt für ihn bieten. Er möchte den Online-Shop verbessern, die Kinosessel austauschen, die Säle ein bisschen moderner gestalten. Damit alles bereit ist, wenn die Gäste wieder kommen dürfen. In der Branche hoffe man, dass es um Ostern herum so weit sein könne, sagt er. Wichtig sei für die deutschen Kinos aber in erster Linie, dass alle gleichzeitig öffnen dürften, und nicht wie im vergangenen Jahr je nach Bundesland um Wochen oder Monate versetzt. Denn Kinobetreiber sind davon abhängig, gute Filme zu bekommen. Und die bekommen sie nur, wenn es sich lohnt.

Schon zum dritten Mal wurde der Filmstart des neuen James Bonds verschoben. Alexander Rusch vom Cineplex in Aichach ist davon überzeugt, dass Fans den Film trotzdem im Kino sehen werden.
Bild: Ulrich Wagner

Darum hat das Cineplex nach dem ersten Lockdown im Frühjahr auch nicht am 15. Juni wieder geöffnet, wie es in Bayern erlaubt war, sondern erst einen Monat später. „Der 15. Juni hätte sich schon deshalb nicht gelohnt, weil das ein Montag war. Das neue Kinoprogramm beginnt aber immer am Donnerstag.“

Finanziell haben sich die vier Monate Betriebszeit nicht gelohnt

Dazu komme, dass es eben einfach keine neuen Filme gegeben habe. Darum spekulierten die Kinobetreiber auf den Science-Fiction-Film „Tenet“ von Christopher Nolan, der Mitte Juli 2020 in Deutschland herauskommen sollte. „Wir wollten zwei Wochen vorher mit zwei bis drei Nischen-Filmen wieder öffnen. Die echten Kino-Fans kommen ja sowieso, wenn sie die Möglichkeit haben, und wir hätten genug Zeit, um die Abläufe unter den neuen Hygiene-Bestimmungen zu beobachten.“ Doch dann verschob sich die Veröffentlichung von „Tenet“ auf den 12. August. Und Rusch zog nach, verschob die Wiedereröffnung, die sogar teilweise schon für den 2. Juli angekündigt war, auf Mitte Juli.

Nicht einmal vier Monate später musste der 38-Jährige wieder schließen. Hat sich die Wiederöffnung für diese Zeit gelohnt? „Nein“, sagt Rusch offen und lacht kurz auf. „Finanziell hat es sich eigentlich überhaupt nicht gelohnt.“ Trotzdem habe er seine Mitarbeiter immerhin aus der Kurzarbeit holen können.

Kino-Snacks können seit April nach Hause bestellt werden

Auf dem Weg von Saal 5 nach unten ins Foyer fallen die Bodenmarkierungen ins Auge, die den Besuchern bis vor drei Monaten die Laufrichtung vorgegeben haben. Der Geruch von Popcorn erfüllt die Luft und vermittelt in Kombination mit den durch die Fensterfronten einfallenden Sonnenstrahlen das wohlige Gefühl eines Kinonachmittags. Doch von den gewohnt prall gefüllten, bunten Popcorn-Tüten und Ein-Liter-Bechern voll Cola, die gefährlich auf einer Hand balanciert werden, während man mit der anderen nach dem Ticket sucht, ist weit und breit nichts zu sehen.

Die Markierungen am Boden haben den Kinobesuchern die einzuhaltenden Abstände angezeigt. Rusch hofft, dass sie bald wieder ihren Dienst leisten können.
Bild: Ulrich Wagner

Stattdessen macht Mitarbeiterin Julia die typischen Kino-Snacks, die für heute auf der extra dafür angelegten Website bestellt wurden, gerade für die Auslieferung bereit. Damit hat Rusch nach dem Vorbild von Kollegen aus Münster an allen acht Standorten des Cineplex im April 2020 begonnen. „Wir sind sowieso regelmäßig hier, drehen die Wasserhähne auf und spülen die Cola-Anlage durch.“ Mit den Bestellungen bleibe zudem der Kontakt zu den Kunden erhalten. Das wolle man auch so weiterführen.

Im Abraxas steht Künstlern das Equipment für Videodrehs zur Verfügung

Auch im Kulturhaus Abraxas in Augsburg hat man sich gezwungenermaßen an die Situation angepasst. Durch eine Förderung des Bundes im Rahmen der ersten Auflage des Programms „Neustart Kultur“ konnte sich das Kulturhaus nach dem ersten Lockdown technisches Equipment zulegen, mit dem Videos und kostenpflichtige Livestreams im Internet möglich sind. Das werde auch gut genutzt, zumindest die Videoproduktion, erzählt Fiebig. Denn für Berufsschauspieler sei es besonders wichtig, weiter präsent zu bleiben. Im Schnitt finde etwa einmal pro Woche eine solche Videoproduktion statt. „Für uns ist es wichtig, dass wir nach außen hin weiter aktiv bleiben.“

Er ist leger in Kapuzenpullover und Jeans gekleidet, trägt im Beisein anderer pflichtbewusst seine FFP2-Maske. Auf dem Weg durch das kühle Gebäude muss er häufig seinen Schlüssel zücken, denn die Türen sind alle sorgsam abgesperrt. Im Theatersaal, wo die Videoproduktionen gedreht werden, herrscht gespenstische Stille. Der Bühnenbereich liegt trotz des künstlichen Lichts in völliger Dunkelheit, weder Requisiten noch Kameras sind zu sehen. Nur ein einsamer Scheinwerfer steht an der Wand.

Der Leiter des Kulturhauses Abraxas in Augsburg, Gerald Fiebig, hat dafür gesorgt, dass den Schauspielern technisches Equipment zur Verfügung steht.
Bild: Wolfgang Diekamp

Der Leerstand wird für Renovierungsarbeiten genutzt

Auch der Gastronomiebereich ist leer, Stühle und Tische sind entfernt worden. „Wir sind in einer Übergangsphase, der Vertrag des alten Pächters ist ausgelaufen, der Neustart wurde durch die Pandemie verzögert.“ Der Leerstand werde genutzt, um die Räume zu renovieren. Wie Kinobesitzer Alexander Rusch lässt auch Fiebig sich nicht unterkriegen.

Im vergangenen Sommer habe man festgestellt, dass Sitzplatzreservierungen für die Theaterbesucher komfortabler seien als freie Platzwahl, das wolle man weiterführen. Auch die technische Ausstattung könne in Zukunft gut genutzt werden, um professionelle Videos oder Livestreams während der Aufführung zu erstellen. Und die IT-Infrastruktur im Haus wird verbessert. Trotzdem will Fiebig in diesem Zusammenhang nicht davon sprechen, dass die Pandemie Vorteile mit sich gebracht habe. „Wir werden in Zukunft positive Nachwirkungen von den neuen Einführungen haben, aber man hätte sich gewünscht, dass dafür nicht so ein extrem hoher Preis gezahlt werden muss – und ich spreche nicht von einem finanziellen Preis.“

Gerald Fiebig: "Wir machen das Beste daraus"

Zu 50 Prozent ist Fiebig in der Corona-Hotline der Stadt Augsburg tätig, denn ohne ein richtiges Programm fallen Aufgaben wie die Vorbereitung und Bewerbung von Aufführungen weg. In seinem Büro im ersten Stock lehnt Fiebig sich in seinem Stuhl zurück und legt die Fingerspitzen aneinander. „Die Pandemie war für die Live-Kultur verheerend. Aber wir machen das Beste daraus.“

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