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Alpen

13.05.2018

Der Berg boomt - und Bergsteiger wünschen immer mehr Luxus

Ein wahres Hochgefühl: Eine Brotzeit auf dem Gipfel.
Bild: Andreas Gebert, dpa (Archiv)

Es war einmal eine kleine Schar Alpinisten, die sich der Einsamkeit der Berge hingab. Einsam ist es heute kaum mehr. So hat sich der Alpentourismus verändert.

Beginnen wir bei Marie. Königin von Bayern. Ihrem Miesbacher Stopselhut. Den ledernen Schnürstiefeln. Der Lodenhose. Und dem skandalös kurzen, dunkelblauen Kleid, das nur bis zu den Knöcheln reicht. So wandert die Königin damals, Mitte des 19. Jahrhunderts, durch ihre geliebten Berge, kraxelt auf Gipfel, wagemutig und schwindelfrei, pflückt Edelweiß, atmet die frische, klare Bergluft. Was sie damals noch nicht weiß: Sie wird nicht nur als Mutter des Märchenkönigs Ludwig II. in die Geschichte eingehen, sondern auch als Pionierin des bayerischen Alpinismus. Als eine, der mehrere Berge von Schwangau bis nach Berchtesgaden ihre Gipfelkreuze zu verdanken haben. Seit damals aber, als die zierliche Frau mit den schwarzen Haaren und den blauen Augen durch die Alpen wanderte, hat sich viel verändert.

Touristenzahlen in den Alpen steigen stark

Aus einer kleinen Bergsteiger-Schar, die sich der Einsamkeit der Berge hingab, ist inzwischen eine Massenbewegung geworden. Vor allem, seit immer mehr Seilbahnen gebaut wurden. Etwa die Kreuzeck-Pendelbahn, die 1926 fertiggestellt wurde und als erste Seilschwebebahn der deutschen Alpen gilt. Die Berge wurden so für immer mehr Menschen zugänglich. Aus dem stillen Abenteuer von einst wurde eines für jedermann. Und aus Bayern und seinen Bergen – immer schon ein Mythos, eine romantische Sehnsucht – ist eine Marke geworden, die Jahr für Jahr Millionen Menschen anzieht.

Und der Enthusiasmus bricht nicht ab. Die Besucherzahlen steigen von Jahr zu Jahr: Allein zwischen 2003 und 2017 gab es in Bayern bei den Touristenankünften einen Zuwachs um 62 Prozent. Im selben Zeitraum erreichte das Allgäu sogar ein Plus von 95 Prozent – auf 3,8 Millionen Ankünfte im vergangenen Jahr. Das zeigen Zahlen der Allgäu GmbH, der Dachorganisation für den Allgäu-Tourismus. Und es ist ein gewaltiges Geschäft, das hinter diesen Zahlen steckt: 2017 wurden im Allgäu 12,9 Millionen Gästeübernachtungen gezählt. Etwa 101 Euro gibt ein Übernachtungsgast im Allgäu pro Tag aus – so wurden 1,3 Milliarden Euro eingenommen. 32 Millionen mehr als noch ein Jahr zuvor. Hinzu kommen Millionen Tagesgäste, von denen jeder etwa 30 Euro am Tag ausgibt.

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Der Gipfel des Burgberger Hörnles, etwa eine halbe Stunde von Kempten entfernt, ist an diesem grauen Maitag in Wolken gehüllt. Sie sehen aus wie Zuckerwatte, hängen so tief, dass die Baumkronen darin zu verschwinden scheinen. Walter Hölzler, Bergsteiger und Bergführer, sitzt in einem kleinen Café am Fuße des Berges, vor sich ein Glas Apfelschorle. Trotz der kühlen Temperaturen trägt er nur ein T-Shirt. Hölzler – drahtig, freundliches Lächeln, fester Händedruck – ist ja auch wesentlich kälteres Wetter gewohnt. Bis zu minus 30 Grad hat er erlebt, als er in Asien auf die Achttausender geklettert ist.

Walter Hölzler ist Bergführer und spürt, dass es in den Alpen immer voller wird.
Bild: Ralf Lienert

Wenn er nicht gerade am anderen Ende der Welt unterwegs ist, führt er Wanderer durch die Allgäuer Alpen. Und auch er sagt: In den Bergen wird es immer voller. „Momentan findet ein Boom statt, der nicht zu bremsen ist.“ Hölzler glaubt, dass das zum einen daran liegt, dass es den Menschen wirtschaftlich gut geht – aber statt nach Ägypten würden viele lieber ins sichere Allgäu fahren. „Außerdem entsteht bei vielen Menschen immer mehr ein Gesundheitsgedanke. Man achtet auf gesundes Essen und auf viel Bewegung.“

Das hat zur Folge, dass es auf einigen Wanderwegen langsam eng wird. „An manchen Modebergen ist es nicht anders als in einem überfüllten Freibad.“ Etwa auf dem Klettersteig durch das Höllental. Rund 800 Menschen seien da am Tag manchmal unterwegs. „Da stehen die Leute Schlange, ein bisschen wie im Hochseilgarten.“ Und unten im Tal kriege man keine Parkplätze mehr, müsse lange an den Bergbahnen anstehen.

„Die vielen Menschen nehmen einem die Leidenschaft für das ursprüngliche Bergerlebnis“, sagt Hölzler und schaut durch die Fenster des Cafés nach draußen, in die Weite des Illertales. Bei schönem Wetter kann man von hier das Nebelhorn sehen, den Krottenkopf, die Mädelegabel und die Trettachspitze. Hölzler hält kurz inne, dann sagt er: „Das ist ein zweischneidiges Schwert. Es ist viel los in den Bergen, aber wir leben auch davon.“

Bergsport boomt - Naturschützer sorgen sich

Angesichts des boomenden Tourismus sind viele Naturschützer in Sorge. Die Belastungsgrenze der bayerischen Alpen sei überschritten, warnt der Bund Naturschutz. „Es ist ja positiv, wenn viele Menschen in die Natur gehen. Aber der Alpenraum ist besonders sensibel“, sagt der Landesvorsitzende Richard Mergner. In den Höhenlagen gebe es nur in wenigen Monaten Vegetation, außerdem lebten in den Bergen viele empfindliche Tierarten. „Wir brauchen einen naturnahen, sanften Tourismus“, sagt Mergner. Vor allem im Winter sei aber das Gegenteil der Fall. „Da geht es in die falsche Richtung. Mit Millionen wird der Wintertourismus gefördert, in Regionen, die von der Klimaerwärmung bedroht sind.“

ergner spricht damit die intensive Beschneiung mit Schneekanonen an. Das Problem dabei: Die Vegetationsdecke verändert sich, riesige Mengen an Wasser und Energie werden verbraucht und die Saisonzeiten für den Wintersport ausgeweitet. Aber auch im Sommer gibt es Mergner zufolge Nachholbedarf. Er wünscht sich Lenkungskonzepte für die Touristenströme, damit sensible Bereiche besser geschützt werden. „Denn an schönen Tagen sind so viele Leute in den Bergen, dass es kaum mehr verträglich ist.“

Nicht nur die Touristenzahlen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Sondern auch die Menschen selbst. „Der Gast kommt öfter, bleibt aber kürzer“, sagt Simone Zehnpfennig von der Allgäu GmbH. „Die Leute machen mehr Kurztrips, fahren übers Wochenende weg, nutzen Brückentage.“

60 Prozent der Gäste kämen im Sommer, 40 Prozent im Winter. Und: Der Trend gehe zum „multioptionalen Gast“. Das heißt: Der Radler kommt zum Fahrradfahren in die Berge, am Abend aber will er ein Hotel mit einem guten Restaurant und einem schicken Wellnessbereich.

Dass sich die Alpentouristen immer mehr Komfort wünschen, hat auch Ernst Wagner bemerkt. 28 Jahre lang war er der Wirt der Kemptner Hütte, mittendrin in der Allgäuer Bergwelt auf 1846 Metern Höhe. Die Hütte selbst ist ein Stück Alpinismusgeschichte. 1891 wurde sie gebaut, war seither Lager für Wanderer und Kletterer, willkommene Rast nach dem etwa vierstündigen, kräftezehrenden Aufstieg von Oberstdorf.

Das Schutzhaus gehört der Sektion Allgäu-Kempten des Deutschen Alpenvereins, dem größten Bergsportverband der Welt. 1869 wurde der Verein gegründet – heute zählt er mehr als 1,2 Millionen Mitglieder. Und auch hier spürt man den Berg-Boom: Allein im Jahr 2017 ist die Mitgliederzahl um 4,5 Prozent gestiegen.

Wagner sitzt am Esstisch in seinem Haus in Durach bei Kempten. Durch ein großes Fenster schimmert mattes Frühlingslicht, die Nagelfluhkette, die man von hier eigentlich sehen kann, ist an diesem diesig-wolkigen Tag nur zu erahnen, so als hätte jemand ein unscharfes Foto geschossen.

Ernst und Elvi Wagner waren von 1973 bis 2001 die Wirte auf der Kemptner Hütte bei Oberstdorf. Sie helfen ihren Kindern Gabi und Petra auf der Kemptner Hütte und der Otto-Mayr-Hütte
Bild: Ralf Lienert

Wagner, ein freundlicher Mann, Karohemd, kurzes graues Haar, faltet die Hände vor sich auf dem Tisch und sagt: „Es hat sich über die vergangenen Jahrzehnte wahnsinnig viel verändert.“ Er hält kurz inne, dann beginnt er zu erzählen. „Die Leute wollen heute alle heißes Wasser. Als ob das das Wichtigste wäre. Es riecht doch auf der Hütte jeder gleich. Und nach drei Tagen freut man sich dann auf eine Dusche daheim“, sagt er. „Früher hat sich da niemand beschwert.“

Wie Bergsteiger immer anspruchsvoller wurden

Wagner steht auf, geht ins Wohnzimmer, das mit seinen Holzbalken fast wie eine Berghütte aussieht. Auf einer kleinen Empore sind alte Holzski und verschlissene Wanderschuhe zu sehen, auf den Kissen der Kachelofenbank sind Kühe abgebildet. Ein bisschen braucht er das eben, diese heimelige Berggemütlichkeit, in der er so viele Jahre gelebt hat. 1973 hat er die Kemptner Hütte übernommen, bis zum Jahr 2000 verbrachte er alle Sommer dort. Nun tritt seine Tochter in seine Fußstapfen.

Elvi Wagner, die mit ihrem Mann Jahrzehnte auf der Hütte gelebt hat, kommt dazu. Sie trägt eine blaue Strickweste und ein grünes Halstuch, setzt sich auf die Eckbank, auf der ein gerüschtes Kissen mit der Aufschrift „Hock di na“ liegt. Auch sie sagt, dass vieles anders geworden ist, droben, auf dem Berg. „Für die Leute ist es heute ganz schlimm, dass es auf der Hütte keinen Handy-Empfang gibt“, sagt sie. Deswegen laufen die Touristen noch am späten Abend etwa zehn Minuten zu einem Platz, wo es ein Signal gibt. „Die Leute haben da einen richtigen Trampelpfad angelegt, seit es sich rumgesprochen hat, dass es dort Netz gibt“, sagt sie und schüttelt den Kopf. „Ohne Empfang geht für die die Welt unter.“

Gemütlich sei das alles nicht mehr, findet Ernst Wagner. Er schaut aus dem Fenster, auf das Alpenpanorama, die schneebedeckten Gipfel, an denen die Wolken kleben. Dann schüttelt er kurz den Kopf, so als würde er ein bisschen wehmütig an früher denken. „Und gesungen wird heut auch nicht mehr“, sagt er dann. Stattdessen sorgen sich die Hüttengäste eher darum, ob sie am Abend nach dem Duschen ihre Haare föhnen könnten. „Aber wenn das fünf Leute gleichzeitig machen, reicht der Strom nicht und es wird dunkel in der Hütte.“

Wie sehr sich das Bergsteigen verändert hat, das zeigt auch das Alpinmuseum in Kempten. Die Ausstellung erzählt von mutigen Pionieren, von Extremsportlern, von Gipfelbesteigungen und Rekorden. In den Vitrinen sind alte Eispickel, Bohrmeißel, Haken und Karabiner, eine Expeditionsausrüstung aus den 1970er Jahren, mit Benzinkocher, Isomatte und Daunenschlafsack, zu sehen.

Ein paar Schritte weiter gibt es einen Auszug aus einem Tagebuch von Hans Pausinger, Bergsteiger im frühen 20. Jahrhundert. Ein paar Sätze, die die Faszination, die die Berge seit jeher auf die Menschen ausübten, ein bisschen erklären: „Allein im Gebirge, nachdenken, empfinden – das Erlebte, Empfundene aufzeichnen“, ist dort zu lesen. Auch heute sehnen wir uns noch nach diesem Gefühl – obwohl, oder gerade weil das Alleinsein inzwischen vielerorts selten geworden ist.

Und dann gibt es im Museum noch die alten Wildlederschuhe, getragen von Francesco Jori, Bergführer und Freikletterer. 1921 gelang ihm die Erstbegehung der 1500 Meter hohen Agnèr-Nordwand in den Dolomiten – mit diesen Schuhen. Ein bisschen erinnern sie an die Schuhe, die derzeit in der Bayerischen Landesausstellung in Kloster Ettal zu sehen sind. Sie gehörten Königin Marie von Bayern. Der Frau, die mit Stopselhut und knöchellangem Kleid durch die Berge wanderte und auf Gipfel stieg. Der Frau, mit der alles begann.

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