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12.02.2020

Zehntausende müssen abkochen: Wie sicher ist unser Trinkwasser?

Sauberes Trinkwasser ist ein hohes Gut. Doch in immer mehr Kommunen können die Menschen das Wasser aus der Leitung nicht mehr trinken.
Bild: Oliver Berg, dpa (Symbol)

Plus In Donauwörth muss das Wasser abgekocht werden. In Teilen Gersthofens bleiben die Wasserhähne zu, weil die Leitungen gespült werden müssen. Woran liegt das?

Mit dem Wasser ist es wie mit dem Strom: Man ist es gewöhnt, dass es da ist. Weil das Wasser aus dem Hahn fließt, wenn man ihn öffnet. Und solange es keine Probleme gibt, macht sich auch kaum jemand Gedanken darüber.

In immer mehr Kommunen aber ist das Gegenteil der Fall. In Donauwörth ist seit Montag klar, dass Bürger das Leitungswasser nicht trinken sollen. Grund dafür sind erhöhte Trübungswerte und coliforme Keime, die in Laborproben gefunden wurden. Coliforme Keime können bei empfindlichen Menschen Erbrechen oder Durchfall auslösen. Für 18.300 Bürger in Donauwörth gilt nun bis auf Weiteres: Sie müssen das Leitungswasser erst abkochen, ehe sie damit Zähne putzen, Essen zubereiten oder Obst und Salat waschen.

In einigen Orten im Kreis Augsburg gibt es seit Jahren Probleme

In mehreren Orten im Landkreis Augsburg hat man sich daran bereits gewöhnt – wenn auch notgedrungen. In Diedorf etwa wurde im August 2018 bei einer Routinekontrolle ein coliformer Keim im Trinkwasser gefunden. Erst musste das Leitungswasser abgekocht werden, dann wurde es anderthalb Jahre lang gechlort, nun soll vorsichtshalber wieder abgekocht werden. Auch in Königsbrunn, Meitingen, Gessertshausen, Bobingen und Dinkelscherben waren Keime im Trinkwasser festgestellt worden. In Aystetten landete Ende Januar ein Handzettel in den Briefkästen, auch dort wurde ein Keim im Wassernetz gefunden, auch dort heißt es nun abkochen.

Im weniger Kilometer entfernten Gersthofen ist das bereits seit August 2019 der Fall. Auch dort waren coliforme Keime festgestellt worden, es musste gechlort werden. Doch durch die Chemikalien haben sich Rückstände in den Leitungen gelöst. Seit dieser Woche muss nun Zug um Zug das insgesamt 130 Kilometer lange Wasserleitungsnetz der Stadt gespült werden.

Für die Anwohner im jeweiligen Gebiet ist das mit unangenehmen Folgen verbunden: Sie sollen die Wasserhähne geschlossen halten und dürfen auch die Toilettenspülung nicht bedienen. Insgesamt acht Wochen soll die Prozedur dauern. Vor dem City-Center, der Einkaufspassage in der Stadt, stehen nun blaue Dixi-Klos, die Kinder der Pestalozzischule hatten nach dem Sturmtief Sabine auch am Dienstag frei – wegen der Leitungsspülung.

Wo also liegt das Problem, wenn Wasser aus der Leitung in immer mehr Orten nicht mehr getrunken werden darf? Und gibt es generell ein Problem mit dem Trinkwasser in Bayern? So weit will Wilfried Schober nicht gehen. Er ist Sprecher des bayerischen Gemeindetags und sagt: "Insgesamt ist die Trinkwasserqualität in Bayern sehr gut. Die Wasserqualität wird ständig überprüft." Das schreibe schon die Trinkwasserverordnung vor.

Probleme mit dem Trinkwasser: "Den einen Grund dafür gibt es nicht"

Auch beim Landratsamt in Augsburg, wo das Gesundheitsamt mit der Thematik immer wieder befasst ist, will man nicht von einem grundlegenden Problem sprechen. "Ein Trinkwasser-Störfall unterscheidet sich vom anderen, den einen Grund dafür gibt es nicht", sagt Sprecher Jens Reitlinger.

Wo die Ursachen dann im Einzelnen liegen? In Donauwörth ist man noch nicht so weit. Es müsse etwa geklärt werden, ob die Verunreinigung mit dem jüngsten Hochwasser zu tun hat. Und nicht immer ist die Sache so schnell geklärt wie in Rommelsried (Kreis Augsburg), wo die Bürger im Herbst 2018 nach einer Woche das Abkochen sein lassen konnten, nachdem ein toter Siebenschläfer im Hochbehälter gefunden worden war. In Diedorf ist der genaue Grund für einen Keimfund bis heute unklar, auch in Gersthofen steht nicht fest, woher die Belastung im Trinkwasser stammt.

Ann-Kathrin Behnisch vom Verband der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft sagt: "Wir können heutzutage immer mehr Inhaltsstoffe testen." Deswegen gebe es auch in immer mehr Kommunen Auffälligkeiten. Hinzu kommt das Problem mit sogenannten Totleitungen – das sind Wasserleitungen, die nicht genutzt werden, aber trotzdem am Netz hängen. Weil dort Wasser längere Zeit steht, gelten sie als Gefahrenquelle.

Zehn bis 15 Prozent der Leitungen sind marode

Klar ist aber auch: Die Probleme nehmen auch zu, weil die Wasserleitungen in Bayern immer älter werden. Zwischen zehn und 15 Prozent aller Abwasserkanäle und Trinkwasserleitungen sind marode, wie aus Zahlen des Landesamts für Umwelt hervorgeht. In Schwaben trifft das sogar auf 15 bis 20 Prozent der Leitungen zu. Auch bei vielen Hochbehältern, in denen das Wasser aufbereitet wird, ist die Technik veraltet, Brunnen sind undicht. Viele der Leitungen stammen aus den 1950er und 1960er Jahren. Doch deren Lebensdauer ist begrenzt, sie liegt bei etwa 50 bis 80 Jahren. Doch viel zu lange ist bei diesem Thema zu wenig passiert, auch weil neue Leitungen teuer für die Kommunen und damit letztlich für die Bürger sind.

Je älter aber die Rohre werden, desto größer werden tendenziell die Probleme: Zum Teil werden sie undicht und verlieren Wasser. Und je älter eine Wasserleitung ist, desto rauer wird das Material im Inneren – ein Nährboden für Keime. Auch deshalb wurde in Bayern die Informationskampagne "Schau auf die Rohre" ins Leben gerufen, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Schließlich ist das öffentliche Trinkwassernetz, das unter Bayerns Städten und Gemeinden verlegt ist, 115.000 Kilometer lang.

Lesen Sie dazu auch den Bericht aus Donauwörth: Verunreinigtes Trinkwasser: Was sich im Alltag ändert

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