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Landkreis

18.10.2019

Als man den Fox im Landkreis auf Tuchfühlung tanzte

Heiße Zeiten gab es in den Diskotheken im Landkreis Dillingen: Schlagerstar Jürgen Drews trat Mitte der 1980er Jahre im La Mer in Gundelfingen auf.
Bild: Spielberger

Plus Vor 60 Jahren eröffnete die erste Diskothek in Deutschland – und auch im Landkreis Dillingen schossen danach die Musiktempel aus dem Boden. Leser berichten von Zeiten, in denen vieles ganz anders war.

Der Start der ersten Diskothek in Deutschland muss ziemlich ernüchternd gewesen sein. Als am 19. Oktober 1959, also heute vor 60 Jahren, die „Jockey-Tanz-Bar“ in Aachen eröffnete und den Gästen von einem DJ „tote Musik“ von Schallplatten abgespielt wurde, sollen das die Gäste als wenig inspirierend empfunden haben. Der wenig geglückte Anfang änderte aber nichts daran, dass die Discos einen über Jahrzehnte andauernden Siegeszug antraten. Auch in der Region schossen Musiktempel aus dem Boden. Big Ben, B1, La Bamba, La Fleur, Tutti Frutti, Why not, so lauteten die Namen. Und viele Landkreis-Bürger schwelgen, wie bei einem Aufruf im Facebook-Auftritt unserer Zeitung zu merken war, heute in Erinnerungen, wenn sie auf das einstige Disco-Leben angesprochen werden.

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"Wenn jemand ein Messer dabei hatte, dann hat er damit Leberkäs aufgeschnitten"

Regina Weber arbeitete damals als Verkäuferin im Modehaus Kimmerl in Dillingen. „Das war eine glamouröse, schöne Zeit“, blickt die heute 57-jährige Bachhaglerin zurück. Die Stimmung sei mit der Gegenwart gar nicht zu vergleichen. „Es war Freundschaft, Zusammenhalt und Liebe in der Luft“, sagt Regina Weber und erinnert an den Song „Love is in the air“ von John Paul Young, der Ende der 1970er Jahre die Menschen in Schwung brachte. Die Bachtalerin besuchte mehrere Diskotheken in der Region, das VIP in Gundelfingen (wo heute der Rewe steht) sei aber ihr Favorit gewesen. Schlabberlook sei damals in den Discos nicht angesagt gewesen. „Wir sind schön angezogen ausgegangen“, erinnert sich die 57-Jährige. „Da waren wir alle discofanatisch.“

Ihre Freundin tanzte grundsätzlich jeden Samstag im Big Ben. Die Diskothek sei für Mädchen auch deshalb interessant gewesen, weil dort viele junge Soldaten aus der Luitpoldkaserne auftauchten. Die Zeiten seien auch deshalb so schön gewesen, weil es keine Gewalt oder die Angst vor Ausschreitungen gegeben habe. „Wenn jemand ein Messer dabeihatte, dann hat er damit den Leberkäs aufgeschnitten“, sagt Regina Weber.

Derzeit die einzige Disco im Kreis: das Evergreens in Lauingen.
Bild: Stadler

Dass die Zeiten sich geändert haben, weiß auch der Donauwörther Rudolf Spielberger. Dessen Familie war damals in der Disco-Szene in der Region eine feste Größe. Von 1981 bis 1985 betrieben die Spielbergers das VIP in Gundelfingen, später beim Stadion das La Mer – und von 1976 bis 1982 das B1 im Dillinger Stadtteil Hausen. Der 75-Jährige, dessen Eltern 1964 mit dem Tanzcafé in der Donauwörther Reichsstraße angefangen hatten, ist bereits im Alter von 25 Jahren ins Diskotheken-Geschäft eingestiegen. Er schwärmt heute noch vom B1. „Das war das Allerbeste, wir haben es im Schiffsstil eingerichtet.“ Die Disco sei immer voll gewesen, und es habe prickelnde Shows gegeben. Das Ganze sei ein Forum zum Anbandeln gewesen. „Wie heute Elitepartner“, sagt Spielberger mit einem Schmunzeln. Fox habe man einst „auf Tuchfühlung getanzt“. Inzwischen seien die Auflagen immer mehr geworden. „Eine Security brauchten wir früher nicht, das haben wir selbst geregelt.“ Damals seien auch Rocker aus dem Landkreis Heidenheim ins B1 gekommen. „Denen haben wir die Messer und die Jacken abgenommen, dann durften sie in die Disco rein“, erzählt Spielberger.

Peter Schilling sang "Major Tom" in Wertingen

Josef Mengele erinnert sich noch gut an die Disco-Zeiten in Wertingen. Im Alter von 17, 18, Ende der 1970er legte der heute 56-Jährige sogar im „Why not“ als DJ auf: „Zuvor hieß die Disco Amarillo Club, kurz Rillo von allen genannt, und war im Gebäude untergebracht, wo heute der Drogeriemarkt Müller ist. Ich war immer am Sonntagnachmittag im Einsatz“, teilt Mengele mit. Dort gab es im Laufe der Jahre sogar Künstlerauftritte, erinnert der Ex-DJ. So war etwa Tom Spencer in Wertingen, Peter Schilling mit seinem Major-Tom-Hit, Nicki oder die Goombay Dance Band. Unten im Gebäude war das Queens Pub, betrieben wurden die Lokale von Josef „Sepp“ Helfer, der später von der Disco-Mafia ermordet wurde und auch mit Künstlern wie etwa Fancy („Slice me nice“) befreundet war.

Wie auf einem Schiff: das legendäre B1 in Hausen.
Bild: Spielberger

Eine weitere Disco in Wertingen war „Beim Jupp“. Das Gebäude steht nicht mehr, war aber – gegenüber vom Radl-Baur – eigentlich eine Kegelbahn, betrieben von Josef Baur. Dorthin ging die Wertinger Jugend gerne am Wochenende, nicht zuletzt wegen der legendären Bar und der Sofas. Hier amüsierte sich auch Peter Kolb schon Anfang der 1970er Jahre. „Ich hörte dort Die Flippers, John Kincade („Dreams are ten a penny“), aber auch AC/DC“, berichtet der 66-Jährige. Legendär war dort auch der bereits verstorbene Willi Doss alias DJ Obelix, wegen seiner Statur so genannt, der später auch im Why not auflegte. Ein beliebter Treff war in den 1990er nach Discobesuchen in Augsburg, Meitingen und Co. das „La Legere“ in der Augsburger Straße (später das Raucherstüberl, jetzt Asylbewerber-Wohnheim). „Wir saßen dort oft bis in die frühen Morgenstunden“, erinnert sich die Wertingerin Sabrina Gutekunst.

Die einzig verbliebene Disco im Landkreis Dillingen ist das Evergreens in Lauingen, das die Familie Felber aus Rehling betreibt. Georg Felber ist bald 50 Jahre im Diskotheken-Geschäft, er hatte 2004 im Lauinger Norden das frühere Empire aufgebaut und den Musiktempel bis 2012 betrieben. Inzwischen öffnen seine beiden Töchter immer am Samstag die Disco nach einem festen Muster. Jeden ersten und dritten Samstag steht die Schlagernacht an, an jedem zweiten Samstag sind die 90er Jahre mit House, Black und Freestyle angesagt. Und an jedem vierten Samstag lautet das Motto Geburtstagsparty. Felber hat selbst in den 1970er Jahren bei der Band Red River Schlagzeug gespielt. Und im Evergreens legt er auch selbst gelegentlich auf. „Mir macht das Spaß“, sagt der 67-Jährige. Besonders stolz ist Felber auf das Empire, das damals die angesagteste Disco in weitem Umkreis gewesen sei. Inzwischen habe sich vieles in Bauwagen und private Treffs verlagert, bedauert der Rehlinger. Auch der Musikgeschmack werde immer individueller. Früher seien die Dinge einfacher gewesen, sagt Felber: „Die Leute hörten Creedence Clearwater Revival und Smokie – und waren glücklich.“

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