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Wahlkampf

16.08.2018

Rinderspacher macht den Genossen Mut

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Der SPD-Landtagsfraktionschef spricht in Höchstädt über 100 Jahre Freistaat Bayern. Er hat eine Botschaft

Dienstagabend, 17.30 Uhr. Auf ihrem schönen Marktplatz genießen viele Höchstädter den warmen Sommerabend. Auch das neue griechische Restaurant hat draußen bestuhlt und Gäste angelockt. Mitten unter ihnen Markus Rinderspacher, der Fraktionsvorsitzende der SPD im Bayerischen Landtag samt Pressesprecher und Referentin. Rinderspacher soll wie angekündigt um 18 Uhr zum Thema „100 Jahre Freistaat Bayern“ sprechen. Schließlich feiert auch die Höchstädter SPD demnächst ihren 100. Geburtstag. Zufällig ist im Oktober auch Landtagswahl in Bayern. 17.45 Uhr: der Versammlungsraum drinnen ist noch leer, aber draußen gibt sich eine kleine Gruppe Höchstädter gegenüber Rinderspacher als Sozialdemokraten zu erkennen. Er begrüßt sie.

17.50 Uhr: Mit Karacho erscheint der Ortsvorsitzende Wolfgang Konle, parkt sein Fahrrad mitten auf dem Marktplatz, reißt die SPD-Plakate aus den Satteltaschen, begrüßt den Festredner, stürmt ins Lokal und stellt die Plakate auf. 17.55 Uhr: Das Fähnlein der pünktlichen Sozialdemokraten hat nun drinnen Platz genommen. „Was moinsch, wieviel kommen – weniger als zehn?“, ist die bange Frage. Ein anderer beruhigt: „Vor halb siebne wird niemand komma.“ 18 Uhr: Markus Rinderspacher scheint nervös zu werden: „Wann wollten wir anfangen – 18 Uhr?“ fragt er Konle und gar den Berichterstatter. Konle spricht von 18.30 Uhr, der Berichterstatter von 18 Uhr, wie es auch im Tageswegweiser der DZ, bei der Vorankündigung und auch auf der Website der SPD-Schwaben zu lesen war. 18.10 Uhr: Endlich kommen neue Gäste. 18.15 Uhr: immer mehr Sozialdemokraten strömen herein, aus Wertingen, Gundelfingen, Dillingen, der Saal füllt sich. Nun sind es fast so viele, wie es an Jubiläumsjahren zu feiern gilt. Rinderspacher scheint erleichtert, hilft dem Ortsvorsitzenden gar beim Zustellen neuer Tische und Stühle. 18.30: Nach dem Willkommen durch Wolfgang Konle und einem Statement des Landtagsabgeordneten Herbert Woerlein beginnt Rinderspacher seine Festrede: „Danke, dass ihr so zahlreich erschienen seid.“

Und dann zündet der Oppositionsführer im Bayerischen Landtag ein Reden-Feuerwerk, das am Schluss mit lang anhaltendem Applaus der Genossen belohnt werden sollte. Rinderspacher spricht frei, mit Verve und Engagement, mit Herzblut und Geist, fundiert und detailreich, über eine Stunde. Man könnte meinen, der 49-Jährige wäre selbst dabei gewesen, als der Sozialdemokrat Kurt Eisner am Freitag, 8. November 1918, den Freistaat Bayern ausrief und am Samstag, 21. Dezember 1918, im Gasthaus „Schwane“ in Höchstädt die SPD Höchstädt gegründet wurde. Auf letzteres hatte 3. Bürgermeister Hans Mesch aufmerksam gemacht. Kein Wunder also, dass Rinderspacher beim Fasching in Veitshöchheim als Kurt Eisner auftauchte, während der andere Markus dort zum Prinzregent Luitpold mutierte.

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Freilich verliert sich der Politiker Rinderspacher nicht in der Historie. Auch wenn er sozialdemokratische bayerische Ministerpräsidenten wie Eisner und Hoegner als Vorbilder preist, findet er immer auch den Bezug zur Gegenwart, kritisiert die CSU-Regierung in Bayern oder warnt vor wachsendem Nationalismus und Populismus in Deutschland, Europa und der Welt. Wenn eine Demokratie brüchig zu werden scheine, müsse man sie wieder stabilisieren. Man müsse, wie Willy Brandt sagte, mehr Demokratie wagen. Der Bürger müsse mehr im Vordergrund stehen, den Kommunen mehr Freiheiten und Handlungsspielräume eingeräumt werden. Sie dürften nicht, wie es auch heute in Bayern sei, als Bittsteller kommen müssen, wenn es etwa um Fördergelder gehe. Und wenn CSU-Politiker wie Markus Söder das Ende des Multilateralismus (bayerisch: mia san mia, amerikanisch: America first) forderten, hätten sie das kleine Einmaleins des common sense in Deutschland und Europa nicht verstanden. Rinderspacher weiß an diesem Abend in Höchstädt aber auch, dass nicht nur die Demokratie stabilisiert werden muss, sondern ebenso das Selbstbewusstsein der bayerischen Sozialdemokraten. Und so warnt er seine Genossen, vor aktuellen Demoskopie-Werten zu sitzen wie das Kaninchen vor der Schlange. Der anhaltende Schlussapplaus im Poseidon zeigt, dass der „begnadete Redner“ (Zitat Konle) seinen Genossen etwas von ihren Selbstzweifeln nehmen konnte.

Inzwischen ist es kurz vor 20 Uhr. Der schöne Höchstädter Marktplatz ist immer noch bevölkert. Doch Markus Rinderspacher und seine Entourage haben jetzt keine Zeit mehr. Sie müssen nach München zurück hetzen, ein weiterer wichtiger Termin steht an. Schließlich ist Wahlkampfzeit und am 14. Oktober wird gewählt, in Höchstädt, im Landkreis Dillingen, in ganz Bayern. Doch die verlorene halbe Stunde vom Beginn der Veranstaltung hätte für Fragen an ihn ganz gutgetan.

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