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Geschichte

03.12.2017

Charlotte Knoblochs Retterin lebte in Huisheim

Kreszentia Hummel rettete Charlotte Knobloch (im Bild) das Leben. Von 1951 bis 1969 lebte sie in Huisheim: „Wir sind jeden Tag in der Kirche gewesen. Mir tun heute noch die Knie weh.“

Kreszentia Hummel kümmerte sich 18 Jahre um den Haushalt des Pfarrers. Wie Zeitzeugen sie in Erinnerung haben und wie die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern die Zeit erlebt hat.

Huisheim/München/Israel Der 87-Jährige Johann Fackler erinnert sich noch sehr genau an Kreszentia Hummel, die alle nur Zenzi nannten. Die Schwester und Haushälterin des früheren katholischen Pfarrers Josef Hummel sei eine „sehr beliebte, christliche und bescheidene Frau gewesen“. Sie lebte von 1951 bis 1969 in Huisheim. Was er aber erst sehr spät erfahren hat und weitgehend unbekannt ist: Zenzi hat außerordentlichen Mut bewiesen und einer sehr prominenten Frau das Leben gerettet: Charlotte Knobloch, viele Jahre im Vorstand und auch Vorsitzende des Zentralrates der Juden.

„Darüber wurde in Huisheim nie gesprochen. Uns hat sie die Geschichte erst sehr spät und eher zufällig erzählt. Wir hatten über einige Ecken gehört, dass sie gestorben sei und wollten ihr Grab in Franken besuchen. Da stellte sich heraus, dass die Information, sie sei gestorben, falsch war und wir konnten sie im Seniorenheim noch einmal besuchen. da hat sie uns die Geschichte erzählt“, erinnert sich Fackler. Gerne habe sie sich an die Zeit in Husiheim zurückerinnert, so Fackler. „Sie hat zu ihrem Bruder gesagt, dass sie in Huisheim hätten bleiben sollen. An keinem anderen Einsatzort des Bruders sei es so schön gewesen.“

Kürzlich erhielt Zenzi die höchste Auszeichnung, die der Staat Israel an nichtjüdische Menschen vergibt: Den Titel "Gerechter unter den Völkern" erhalten Menschen, die während des Nationalsozialismus’ Juden vor den Vernichtungslagern der Nazis retteten – und dabei ihr eigenes Leben riskierten. „Kreszentia Hummel hat mich gerettet, meine Kinder, meine Kindeskinder. Ich verneige mich vor ihr nicht nur heute, sondern an jedem Tag meines Lebens“, sagte Knobloch beim Festakt in München, bei dem zudem ein Ehepaar aus Landsberg geehrt wurde.

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Um seine Tochter vor der drohenden Deportation zu retten, hatte ihr Vater im Jahr 1942 ein sicheres Versteck für sie auf dem Land gesucht. Sein Bruder, der Onkel von Charlotte Knobloch, hatte Zenzi Jahre zuvor als Haushälterin beschäftigt. „Weil es vom zeitlichen Rahmen stimmig war, hat sie mich als uneheliches Kind ausgegeben“, sagt Knobloch. Im Dorf zerrissen sich die Leute das Maul über Hummel, als sie Charlotte Knobloch als ihr uneheliches Kind mit dem Namen Lotte ausgab. „Sie hat dem Dorftratsch nicht widersprochen, um mich zu schützen.“ Für so manchen sei es „eine Genugtuung“ gewesen, dass ausgerechnet die fromme Kreszentia ein uneheliches Kind hat.

Für die damals zehnjährige Charlotte Knobloch war das Leben bei Zenzi in Arberg, bei Ansbach, eine Zäsur. „Ich kam aus einem behüteten Elternhaus und musste plötzlich ohne die Familie auskommen“, erinnert sich die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Ihr Vater habe ihr aber klar gemacht, welche große Chance zu überleben der Unterschlupf bei Zenzi in Franken sei. „Aufgrund der Erfahrungen in den Jahren zuvor wusste ich, was uns als Juden drohte.“ Zenzi selbst habe gehofft, durch ihre Tat etwas Gutes zu tun, das den beiden Brüdern helfe, lebend aus dem Krieg zurückzukehren, so Knobloch. Tatsächlich überlebten beide den Krieg. Einer übernahm den Bauernhof, der andere wurde Pfarrer und die Schwester seine Haushälterin.

Geholfen habe ihr in der Zeit ihre Liebe zu den Tieren sagt sie. „Viel Kontakt zu anderen Menschen hatte ich damals nicht. Weil die Männer im Krieg waren, mussten die Frauen und Kinder in der Landwirtschaft die schwere Arbeit erledigen, auch ich“, erinnert sich Knobloch. Der wenige Kontakt verringerte aber auch die Gefahr, dass sich Knobloch verriet oder andere hinter das Geheimnis kamen. In die Schule ging sie nur, wenn es die Zeit zuließ, weil in der Landwirtschaft gerade weniger zu tun war. Im Alltag sei sie „mitgelaufen“ und habe auch mal ein Lob bekommen, wenn sie eine Arbeit in der Landwirtschaft besonders gut erledigte, so Knobloch.

Zensi hat sie als fromme und anständige Frau kennengelernt, von deren Hilfsbereitschaft sie gerne berichtet, wenn sie beispielsweise in Schulen Vorträge hält. „Ich will damit zeigen, dass es auch gute Deutsche in der Zeit gab, auch wenn es viel zu wenige waren.“ Bei der Frage, ob sie mit der frommen Zenzi jeden Sonntag in die Kirche gehen musste, schmunzelt Knobloch. „Wir sind jeden Tag in der Kirche gewesen. Mir tun heute noch die Knie weh.“ Um nicht aufzufallen, habe sie mitgebetet. Der Pfarrer von Arberg war eingeweiht und redete häufiger mit der jungen Charlotte Knobloch.

Hoffnung, dass die Herrschaft der Nationalsozialisten endet und sie ihre Familie vielleicht doch wiedersehen könnte, keimte bei Knobloch erstmals nach der Niederlage der Wehrmacht in Stalingrad auf. Bei die Landung der Alliierten in der Normandie sei dann die Zuversicht gewachsen.

Nach dem Krieg bemühte sich Zenzi darum, Kontakt zu Knoblochs Onkel in Amerika herzustellen. Bevor es dazu kam, machte der Vater, der den Holocaust überlebte, seine Tochter ausfindig und holte sie zurück zu sich. Der Kontakt zwischen den Frauen ist bis zum Tod von Hummel im Jahr 2002 nie abgebrochen. Knobloch war auch auf der Beerdigung ihrer Lebensretterin.

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