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Landkreis Donau-Ries

18.05.2018

Der Vollzeitjob neben dem eigentlichen Job

Ehrenamtliche Bürgermeister haben vielfach eine Doppelbeschäftigung. Neben ihren Aufgaben als Gemeindechefs gehen sie ihrem ganz normalen Beruf nach. Unsere Fotos zeigen Genderkingens Bürgermeister Roland Dietz im Rathaus und als Hundeführer. Für viele sind damit Belastungen verbunden, die kaum noch praktikabel sind.
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Ehrenamtliche Bürgermeister haben vielfach eine Doppelbeschäftigung. Neben ihren Aufgaben als Gemeindechefs gehen sie ihrem ganz normalen Beruf nach. Unsere Fotos zeigen Genderkingens Bürgermeister Roland Dietz im Rathaus und als Hundeführer. Für viele sind damit Belastungen verbunden, die kaum noch praktikabel sind.
Bild: privat

Im Kreis sind 24 Bürgermeister ehrenamtlich tätig. Viele haben prall gefüllte Terminkalender, weil neben der Arbeit im Ort auch noch die „reguläre“ Arbeit ruft.

Über zu wenig Arbeit habe er sich in den vergangenen zehn Jahren noch nie beschweren müssen, scherzt Werner Siebert. Seit 2008 ist er Bürgermeister in Fünfstetten – und das quasi im Nebenjob. Daneben geht er 38,5 Stunden in der Woche seiner „regulären“ Tätigkeit als TÜV-Sachverständiger nach. Für seinen Job als Rathauschef müsse er weitere 32 Stunden pro Woche investieren, rechnet der 48-jährige Siebert vor. Sein Arbeitgeber unterstütze aber sein politisches Engagement und räume ihm eine gewisse Freiheit ein. Ohne diese wäre es noch schwieriger, beides unter einen Hut zu bekommen. Siebert ist in der Region freilich nicht alleine mit dieser Situation. Es gibt 24 ehrenamtliche Bürgermeister im Landkreis Donau-Ries, 20 sitzen hauptamtlich im Chefsessel ihrer Kommune.

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Dieses „Problem“ wurde kürzlich auf der Bürgermeisterdienstbesprechung im Landratsamt thematisiert. Ob das Amt in Haupt- oder Ehrenamt ausgeübt wird, macht für eine Kommune finanziell einen deutlichen Unterschied: Statt etwa 50000 Euro für einen ehrenamtlichen Rathauschef müsste eine Gemeinde je nach Familienstand und Anzahl der Kinder für einen hauptamtlichen rund 100000 Euro aufwenden. Hinzu kämen die entsprechenden Ruhestandsbezüge nach Ausscheiden aus dem Amt. „Für manche Kommunen wäre das ein Riesenschritt, das Doppelte oder noch mehr zu bezahlen“, weiß Siebert. Für ihn wäre ein denkbarer Kompromiss, dass man die Bezüge etwas erhöht, der Bürgermeister aber ehrenamtlich bleibt.

Früher hatte man mehr Luft

Der Vollzeitjob neben dem eigentlichen Job

Für seinen Kollegen aus Genderkingen, Roland Dietz, geht die Entwicklung in eine andere Richtung. „Irgendwann wird es den Bürgermeister im Ehrenamt nicht mehr geben.“ Dietz, 54, sitzt ebenfalls seit 2008 im Rathaus. Damals hätte man „noch mehr Luft“ gehabt. In der Zwischenzeit sei aber enorm viel „von oben runterdelegiert“ worden, auch die Zahl der Besprechungen habe sich spürbar erhöht – gleiches gilt für die E-Mails, die täglich eingehen. „Es ist sehr zeitintensiv, das alles abzuarbeiten“, sagt Dietz, der Hundeführer bei der Polizei ist. Dort arbeitet er in Teilzeit, in der Regel zwischen 26 und 32 Stunden in der Woche. „Das hängt bei der Polizei aber immer von der jeweiligen Lage ab.“ 35 bis 40 Stunden, schätzt Dietz, nehme sein Amt als Bürgermeister in Anspruch. „Ich habe den Vorteil, dass ich im Schichtdienst bin. Ich arbeite immer samstags und sonntags, da bleibt unter der Woche mehr Zeit für die Amtsgeschäfte.“ Auch wenn die Belastungen in den vergangenen Jahren gestiegen sind, so habe er seine erste Kandidatur nie bereut. „Der Job macht Spaß, weil man als Bürgermeister viel bewegen kann und immer neue Leute kennenlernt.“

Dies bestätigt auch Roland Wildfeuer, Bürgermeister in Daiting. Der 59-Jährige ist ebenfalls Polizeibeamter. „Die zeitliche Belastung ist da, aber man kann wirklich etwas tun für die Bevölkerung – gerade in kleinen Gemeinden.“ Dass Daiting einen hauptamtlichen Rathauschef bekommen könnte, hält er für ausgeschlossen. „Das ist ein so großer Block. Das wäre finanziell nicht machbar und auch nicht vermittelbar“, so Wildfeuer. Er arbeitet vollzeit, wöchentlich 35 Stunden. Rund 20 kommen für die politische Tätigkeit hinzu. „Es ist nicht so, dass mich das überrollt. Wenn ich für den Job als Bürgermeister mal mehr Zeit brauche, kann ich Urlaub nehmen oder Überstunden abbauen. Da tue ich mich als Beamter vielleicht etwas leichter.“ 2020, wenn die nächste Kommunalwahl ansteht, ist Wildfeuer bereits in Pension. Deswegen werde er „Stand jetzt“ auch noch einmal antreten.

Definitiv keine weitere Amtszeit strebt Johann Bernreuther, 63, an. In Otting muss also 2020 ein Nachfolger gefunden werden. Ein ehrenamtlicher Bürgermeister wie bisher? „Wenn der bürokratische Aufwand weiter so zunimmt, ist das fast nicht mehr machbar“, sagt Bernreuther, der seit 16 Jahren Dorfoberhaupt ist. „Von außen“ könne man sich gar nicht vorstellen, was an der Tätigkeit alles mit dran hängt. Bernreuther fasste deshalb für sich Ende des vergangenen Jahres einen weitreichenden Entschluss: Er gab seinen Hauptjob als Maschinenbaukonstrukteur auf. „Man muss sich überlegen, ob es geht, ohne jede Verschnaufpause weiterzumachen.“

Dass in einer kleinen Gemeinde wie Otting ein hauptamtlicher Rathauschef installiert wird, kann er sich andererseits auch nur schwer vorstellen. Die finanzielle Herausforderung wäre schon groß. „Der Gemeinderat hat bislang aber noch nicht darüber beraten. Jedoch man muss bei der nächsten Wahl sicher diskutieren, was man anders macht und ob es irgendeine Art von Ausgleich gibt“, so Bernreuther.

Thema vor der nächsten Wahl?

Auch Philipp Schlapak hat sich mit diesem Thema schon beschäftigt. Möglicherweise wird er es, vor der kommenden Wahl, auch im Gemeinderat ansprechen. Der 46-Jährige ist seit 2014 Bürgermeister in Wolferstadt. Als er kandidierte, habe er schon ungefähr gewusst, was ihn erwartet. „Aber es ist schon anstrengender als gedacht.“ Vor allem die Vielzahl an Terminen, gerade auch abends, habe es in sich. „Wenn man mehrmals pro Woche erst um elf oder zwölf nachts heim kommt, kann man am nächsten Tag nicht um 6 Uhr in der Früh wieder topfit sein.“

Deshalb habe er die Arbeitszeit in seinem regulären Job immer weiter reduzieren müssen. Bei einer Baufirma war der Diplom-Agraringenieur „die rechte Hand des Chefs“. Dann habe er nach dem Amtsantritt als Gemeindechef jedoch zunächst auf etwa 25 Wochenstunden reduziert, mittlerweile ist er in dem Unternehmen nur noch geringfügig beschäftigt. „Ich habe es nicht geschafft, beides unter einen Hut zu bringen“, gesteht Schlapak. In Wolferstadt sei man es gewöhnt, dass der Bürgermeister praktisch immer da ist. „Da geht es nicht, dass plötzlich keiner präsent ist.“ Deshalb habe er beruflich immer weiter reduzieren müssen. Sonst würde in der Gemeinde zu viel liegen bleiben, so Schlapak.

Georg Schnell, 59, leitet seit zehn Jahren die Geschicke in Tagmersheim. Klagen will er nicht über die vielen Aufgaben. „Ich habe gewusst, auf was ich mich einlasse.“ Bei seinem Antritt sei ihm schon klar gewesen, dass er seine alte Stelle als Sozialpädagoge in leitender Funktion nicht in dem Umfang wie zuvor wird machen können. Er ist aber weiter geringfügig beschäftigt, arbeitet 3,5 Stunden in der Woche. Für seine Tätigkeit als Bürgermeister müsse er 40 bis 45 Stunden investieren. „Es ist ein Vollzeitjob, wenn ich da nur an unsere Investitionen wie Dorferneuerung, Freibad oder Dorfladen denke. Man ist praktisch ehrenamtlich hauptamtlich.“

Ohne eigene Verwaltung im Hintergrund sein man ein wenig „Einzelkämpfer“. Hätte er mehr in seinem eigentlichen Beruf gearbeitet, hätte auch er manches Projekt in der Gemeinde vielleicht nicht so forcieren können. Hauptamtlichkeit zu beantragen, wäre für ihn aber kein Thema. Wobei er in einer solchen Konstellation durchaus generelle Vorteile sieht: Wenn man mehr Zeit einbringen kann, könne auch die Qualität steigen. Außerdem fänden sich bei besserer Bezahlung vielleicht mehr Bewerber. Wobei für Georg Schnell beim Posten als Bürgermeister zuerst eine andere Eigenschaft zählt: „Das wichtigste ist die Eignung.“

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