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Lesung

14.11.2018

Eine Ikone des Fußballs bei den Kulturtagen

Toni Schumacher plauderte in Donauwörth über sein Leben als Fußballer, Brüche in der Karriere und blickte kritisch auf die aktuelle Situation.
Bild: Helmut Bissinger

Lesung Die Kölner Torwart-Legende Harald „Toni“ Schumacher stellt in Donauwörth sein Buch „Einwurf“ vor. Es geht um den Rauswurf und die Karriere danach.

In der Komfortzone habe er nie gelebt, war immer ein Kämpfer, sagt Harald „Toni“ Schumacher. Mit 18, 19 Jahren hat er mithilfe einer Psychologin autogenes Training erlernt. Schumacher, heute 64, nimmt kein Blatt vor den Mund – in seinem Buch nicht und auch nicht vor seinem Publikum im Donauwörther Zeughaus. Öffentlich habe er nicht alles machen können, als er am Zenit seines Fußballerlebens im Tor der deutschen Nationalmannschaft stand, sagte er jetzt bei einer Lesung im Rahmen der Donauwörther Kulturtage. Die Fragen stellte Interviewer Tobias Kaufmann, Medienchef beim Traditionsverein.

Er beherrscht die Bühne wie das Tor. Der beste Keeper der 1980er- Jahre, Europameister, WM-Held. Aber kann er auch schriftstellern? „Einwurf“ heißt sein zweites Buch. Sein erstes, das ist nicht nur Insidern bekannt, schlug 1987 hohe Wellen. Der Profi sprach in seiner ersten Veröffentlichung schonungslos von Dopingvorwürfen, Sex- und Alkoholeskapaden. Die damalige Konsequenz: Das Buch landete in der Bestsellerliste ganz oben, aber der FC schmiss ihn raus. Das ist 30 Jahre her.

In der Halbzeitpause entlassen

In „Einwurf“ schreibt der gebürtige Dürener über sein Leben danach. Er erzählt von seinem Wechsel in die Türkei, über seine Stationen bei Bayern München, Borussia Dortmund oder als Trainer bei Fortuna Köln, wo er legendär in der Halbzeitpause entlassen wurde. Genauso über Verletzungen, Schmerzen und seine Mutter. „Aber ich erzähle nicht alles“, sagt er, „sonst kauft ja niemand mehr mein Buch.“ So gerät der Abend zu einer lockeren Plauderei über den Fußball damals und das Geschäft heute.

Vor dem Nichts habe er nach dem Rausschmiss gestanden. Bis heute habe keiner gesagt: „Tut uns leid, was damals passiert ist.“ Seine Zeit sei abgelaufen gewesen. Welcher Verein würde ihn, den Verräter, aufnehmen. Fast wäre er dann aber in Frankreich gelandet, am Ende war es der FC Schalke 04. Später, in Istanbul, musste Toni Schumacher wieder kämpfen. In Istanbul habe es weder Nutella noch Cornflakes gegeben. Aber die Türken hätten ihn geliebt. „Sie haben mich auf Händen getragen.“ So sind zu seiner Lesung auch auch einige Fenerbahce-Anhänger gekommen und sie schmelzen dahin, als der „Toni“ mit ihnen türkisch spricht. Nach drei Jahren verabschiedeten sie ihn seinerzeit am Bosporus wie einen Helden.

Verstanden habe er die Suspendierung bis heute nicht, denn er habe die Wahrheit erzählt und nicht geglaubt, dass man dafür bestraft würde. „Meine Mutter hatte zu mir immer gesagt: „Du musst ehrlich und fleißig sein.“ Er sei weder unehrlich noch faul gewesen.

Fußballprofis heute gläsern

Dass die Profis heute gläsern seien, habe viele Nachteile. „Ein kleines Beispiel: Als wir einmal aus Braunschweig abends am Geißbockheim angekommen sind, noch im Trainingsanzug, da haben wir gesagt: Was machen wir, Jungs? Fahren wir nach Hause, ziehen uns um? Dann hieß es, nein, die Frauen lassen uns dann bestimmt nicht mehr in die Stadt. Komm, wir fahren in den Trainingsklamotten in die Disco. Da haben wir am Eingang die Sporttasche abgegeben – und dann haben wir gefeiert. Mach das heute mal! Drei Sekunden später bist du im Netz, in fünf Sekunden weiß der Trainer das.“

Die Besucher der Lesung wollen bei der anschließenden Fragerunde vieles ganz genau von ihm wissen: Wie war das beim Comeback als Vizepräsident des FC Köln. 2012, als die Geißböcke zudem in einer schwierigen finanziellen Situation waren? Wie hat er die vielen Verletzungen überstanden? „Eigentlich gar nicht“, sagt Schumacher, und zählt eine lange Liste von Blessuren auf, die ihm geblieben sind. Oft sei er mit Schmerzen im Tor gestanden, gekniffen habe er nie. Das hätte auch keiner verstanden („Hast du eine Macke, liegst du auf der Couch“). Was hält er vom Video-Beweis? „Der macht den Fußball kaputt“, sagt der „Tünn“, „nur komisch, dass er bei der WM so gut geklappt hat.“

Nach einer Stunde hat Schumacher genug erzählt. Dass er beide WM-Finals verloren hat, reicht nur zu einer Randnotiz über die dünne Luft in Mexiko City. Und die Fußballfans, sind die zufrieden? „Zum einen Teil sind sie es, denn sie strömen in die Stadien und sorgen dafür, dass unser Sport weiter boomt. Zugleich habe ich aber auch miterlebt, wie die Fans gegen offensichtlichen Kommerz protestieren, etwa bei Helene Fischers Auftritt in der Halbzeitpause des Pokalfinales.“

Nach zwei Stunden huscht die Legende in das Fahrzeug, das ihn zurück nach Köln bringt. Am anderen Tag hat Schumacher nach der Stippvisite an die Donau wichtige Termine am Rhein. Zurück bleiben Fußballfans und einer, der sich wundert: „Der ist ja nett.“

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