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Interview

02.12.2020

Chöre im Kreis Günzburg sind verstummt: „Es fehlt ein Stück Lebensqualität“

Der Günzburger Gospelchor konnte corona-bedingt heuer nur viermal zusammen proben. Sämtliche Auftritte fielen flach, auch das traditionelle Konzert am dritten Adventssonntag findet nicht statt.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Im Pandemie-Jahr sind die Chöre verstummt. Was Julia Lerch, die den Gospelchor Günzburg leitet, in diesen Zeiten vermisst und wie sie die Sänger bei Laune hält.

Sie leiten seit sechs Jahren den Gospelchor Günzburg. Wann haben Sie zuletzt mit dem Chor gesungen/geprobt?

Julia Lerch: Lang, lang ist’s her. Die letzte Probe vor dem Lockdown im November war am 28. September. Davor hatten wir auch schon eine sehr lange Pause. Vor dem ersten Lockdown war unsere letzte Probe am 2. März. Danach haben wir entschieden, dass wir es nicht verantworten können, zu singen. Da sich das Virus am stärksten über Aerosole verbreitet, ist Singen die größte Gefahr. Wir waren vorsichtig, denn in unserem Chor gehört eine gewisse Anzahl der aktiven Mitglieder zur Risikogruppe, und Vorstand sowie Chorleitung haben eine Fürsorgepflicht den Sängern gegenüber. Insgesamt haben wir in diesem Jahr also nur viermal geprobt. Normalerweise üben wir einmal in der Woche, außer in den Ferien. Außerdem hatten wir nur einen einzigen Auftritt im Februar. Alle anderen Events mussten corona-bedingt leider gecancelt werden.

Was fehlt Ihnen mehr: Die Musik oder die Gemeinschaft?

Lerch: Beides. Es fehlt einfach ein Stück Lebensqualität. Wer Singen als Bereicherung im Leben sieht, der ist in den letzten Monaten sicher zu kurz gekommen und wird auch in den kommenden Wochen sehr viel vermissen.

Mitglieder im Chor mussten mit Abstand proben

Vor dem zweiten Lockdown light im November durften die Chöre in Bayern unter bestimmten Auflagen wieder singen. Unter anderem mussten die Mitglieder zwei Meter Abstand halten. Wie hat das bei der Probe des Gospelchors funktioniert?

Lerch: Normalerweise proben wir immer im Pfarrheim in Reisensburg. Aber dort war es nicht möglich, auf Abstand zu singen, da die Größe des Raumes für so viele Sänger nicht ausreichte. Wir hätten maximal 17 Sänger unterbringen können. Und mit Maske singen, ist sowieso ein fragwürdiges Unterfangen. Auf der Suche nach einem derzeit alternativen Proberaum sind wir auf das Forum am Hofgarten gestoßen, wobei uns die Stadt Günzburg sehr entgegenkam.

Julia Lerch, 41, ist Rektorin der Grundschule Waldstetten und leitet dort den Schulchor. Seit 2014 leitet sie den Gospelchor Günzburg, den ihre Mutter Christine im Jahr 1998 ins Leben gerufen hatte. Julia Lerch ist außerdem seit 2018 stellvertretende Kreischorleiterin in Mittelschwaben.
Bild: Lerch

Bevor wir dann einen Probenversuch starten konnten, haben Vorstand und Chorleitung eine Abfrage durchgeführt, wer unter diesen doch ungewöhnlichen Bedingungen überhaupt bereit wäre, an den Proben teilzunehmen. Ich war sehr positiv überrascht, dass über zwei Drittel der Aktiven dabei sein wollten. Die erste und einzige Probe war dann im großen Saal des Forums. Es hat etwas gedauert, sich einzuhören, es klang – mit Abstand – ganz anders als sonst, keiner hörte den anderen, jeder Sänger war quasi Solist. Die erste halbe Stunde war gewöhnungsbedürftig, aber letztlich war es eine harmonische Comeback-Probe, über die sich alle gefreut haben.

Haben Sie damals schon weihnachtliche Stücke geübt? Denn eigentlich findet ja traditionell am dritten Adventssonntag die Gospelweihnacht statt.

Lerch: Nein, wir haben nicht speziell für die Gospelweihnacht geübt, da uns zu diesem Zeitpunkt fast schon klar war, dass diese heuer leider nicht stattfinden wird. Uns war es nach einer so langen Pause wichtig, den Chor wieder zusammenzuführen – gesangstechnisch und menschlich – und einfach unsere Lieblingssongs zu singen.

Gospelweihnacht in Günzburg fällt heuer aus

Gibt es denn einen Ersatz für die Gospelweihnacht? Oder findet sie online statt?

Lerch: Nein, da ist nichts geplant. So wichtig die Digitalisierung geworden ist – bei einem Weihnachtskonzert muss neben dem Gesang das Ambiente und Flair spürbar sein –, was online sehr schwierig ist. Daher hoffen wir auf ein Wiederhören und -sehen im Jahr 2021.

Guter Chorgesang hat ja mit Üben zu tun. Wie halten sich die Sänger stimmlich fit, wenn sie nicht gemeinsam singen können? Haben Sie sich online zum Singen verabredet?

Lerch: Hier geht’s uns wie den Schulen – Präsenzunterricht hat oberste Priorität! Online über 40 Leute zusammenzubringen ist schwierig. Ich habe einen guten Notensatz gefunden, den ich per Video verschickt habe. Da konnte dann jeder seine Partitur vor sich legen, das Video verfolgen und seine Stimme üben. Außerdem: Wer dem Singen wohlgesonnen ist, der findet eine Möglichkeit, am Ball zu bleiben. Und sei es nur, indem er das Radio einschaltet und mitträllert oder seine Stimme unter der Dusche oder in der Badewanne trainiert.

Stimmung im Chor ist trotz Corona-Krise gut

Wissen Sie, wie derzeit die Stimmung bei den anderen Gospelchor-Mitgliedern ist?

Lerch: Die Stimmung ist Gott sei Dank gut. Ich bekomme immer wieder positive Rückmeldungen mit der Hoffnung verbunden, bald wieder singen zu können.

Heuer konnte der Günzburger Gospelchor corona-bedingt nicht auftreten.
Bild: Bernhard Weizenegger (Archivfoto)

Was geht den Gemeinden und Städten im Landkreis verloren, wenn Sänger über Monate hin verstummen?

Lerch: Das Kulturgut „Musik“, speziell das Singen, ist in allen Lebensbereichen vertreten, von der Geburt bis zum Tod. Alle wichtigen Ereignisse im Leben sind mit Musik und Singen verbunden: Feste, Feiern, Freude und Trauer. Das alles vermissen die Menschen zurzeit! Ein kluger Kopf hat einmal gesagt: „Musik bringt dich besser durch Zeiten ohne Geld, als Geld dich durch Zeiten ohne Musik bringt.“

Einige Chöre kämpfen ums Überleben

Fürchten Sie denn um die Zukunft des Gospelchors aber auch anderer Laienchöre, die ohnehin schon mit Mitgliederschwund und jetzt noch mit der Pandemie zu kämpfen haben?

Lerch: Ich denke, es gibt einige Chöre, die ums Überleben kämpfen. Das müssen wir zum Glück noch nicht. Aber momentan weiß ja niemand, was die chorische Zukunft bringen wird. Wir hoffen nicht, dass sich jemand an das „chorlose“ Leben gewöhnt hat. Mein größter Wunsch ist, dass alle wieder aktiv angreifen und weiterhin dabei sind. Natürlich arbeiten wir daran, dass wir die Mitglieder nicht verlieren.

Wie halten Sie die Mitglieder denn bei der Stange?

Lerch: Wir haben einen regen Austausch über Whats-App-Gruppen, per E-Mail und Telefon. Wir gratulieren zu Geburtstagen, melden uns an besonderen Festtagen und und informieren unseren Verein über alle wichtigen Neuerungen. Wir möchten den Mitgliedern vermitteln, dass sich Vorstand und Chorleitung natürlich auch in der jetzigen Situation Gedanken machen und alles tun, um den Chor – sobald es wieder erlaubt ist – ins „aktive“ Leben zurückzurufen.

Julia Lerch setzt mit dem Schulchor der Grundschule Waldstetten aus

Sie leiten normalerweise auch an der Grundschule Waldstetten den Schulchor. Wie sieht es damit in Corona-Zeiten aus?

Lerch: Bis zum Lockdown waren von insgesamt 91 Schülern über 40 im Schulchor. Chor wird an unserer Schule sehr groß geschrieben, wir haben auch die „Chor ist Klasse“-Auszeichnung erhalten. Mit dem Lockdown war dann alles vorbei, seitdem geht leider nichts mehr. Mit einer so großen Anzahl an Schülern ist es nicht möglich, unter den vorgegebenen Hygieneauflagen zu singen. In diesem Schuljahr setze ich bis zum Halbjahr mit dem Chor aus, in der Hoffnung, in der zweiten Schuljahreshälfte wieder mit den Chorstunden beginnen zu können.

Stellen Sie sich die erste Probe nach den Corona-Einschränkungen vor. Welche Lieder möchten Sie dann gerne singen?

Lerch: Das würde ich den Chor-Mitgliedern überlassen, also freie Liedauswahl. Gesungen wird, was Spaß macht, kreuz und quer durchs Repertoire. So würde ich auch in meiner Schule verfahren.

Julia Lerch, 41, ist Rektorin der Grundschule Waldstetten und leitet dort den Schulchor. Seit 2014 leitet sie den Gospelchor Günzburg, den ihre Mutter Christine im Jahr 1998 ins Leben gerufen hatte. Julia Lerch ist außerdem seit 2018 stellvertretende Kreischorleiterin in Mittelschwaben.

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