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Burgau

07.07.2020

Diskussion in Burgaus Schlosshof: So schlimm ist die Lage der Kulturbranche

Weit weniger Gäste als sonst üblich dürfen bei der Diskussionsrunde im Burgauer Schlosshof dabei sein, aber auch viele der vorhandenen Plätze sind leer. Vertreter der Branche stellen sich die Frage: Wie groß ist der Stellenwert der Kultur?
Bild: Christian Kirstges

Plus In Burgau diskutieren Kulturschaffende über die Situation angesichts der Corona-Auflagen. Von der Politik fühlen sie sich ungerecht behandelt. Worauf sie nun hoffen.

Ein eisiger Wind pfeift an diesem Montagabend um das Burgauer Schloss. Dort, wo in wenigen Tagen der örtliche Kultursommer gefeiert worden wäre, sitzen jetzt mehrere Kulturschaffende und die mit der Branche zu tun haben zusammen. Sie erörtern die angesichts der Corona-Beschränkungen prekäre Lage, ein paar wenige Zuhörer verfolgen die Diskussion. Wo in normalen Zeiten Hunderte Besucher etwa ein Konzert genießen könnten, passen wegen des vorgeschriebenen Abstands kaum noch Gäste in den Innenhof. So eisig der Wind ist, so frostig ist auch die Stimmung bei denen, die von der Kultur leben. Denn ihre Existenz steht auf dem Spiel.

Musiker Hermann Skibbe hat diese Runde zusammen mit dem Kulturamt der Stadt Burgau organisiert, moderiert wird die gut anderthalbstündige Veranstaltung von Gerd Horseling. Er war bis zu seinem Ruhestand stellvertretender Chefredakteur unserer Zeitung, mit weiteren Bürgern engagiert er sich ehrenamtlich in Friedberg kulturell. An den Anfang stellt er die Frage, ob die Kulturbranche keine Lobby habe. Denn eine Statistik zeige, dass die Kreativen beispielsweise mehr erwirtschafteten als die Chemieindustrie – doch bei staatlichen Hilfen gingen sie weitgehend leer aus. So sehen die Teilnehmer die Lage:

Oliver Wenhold: Vize-Vorsitzender des Gesamtvorstands der Deutschen Orchestervereinigung

Angesichts dessen, dass die Politik sich gerade dafür feiere, eine Milliarde Euro für den Neustart der Kultur auszugeben, und neun Milliarden für die Lufthansa, mache die Branche offenbar nicht laut genug auf ihre Situation aufmerksam. Das Problem sei, dass man sich untereinander mitunter nicht die Butter auf dem Brot gönne, jeder kämpfe für sich und das an verschiedenen Fronten. Das fange schon im eigenen Verband an. Man müsse sich besser vernetzen und selbst zurückstecken, wenn das der Branche insgesamt etwas bringe.

Die Teilnehmer der Diskussionsrunde (von links): Joe Gleixner, Josef Böck, Hermann Skibbe, Gerd Horseling, Stefan Siemons, Oliver Wenhold, Sanne Kurz und Helmut Pusch.
Bild: Christian Kirstges

Auch die Digitalisierung bringe hier nicht allzu viel, denn als Orchester gehe man einer „unglaublich analogen Tätigkeit“ nach: man sitze zusammen auf einer Bühne und musiziere. Höchstens in der Vermarktung könne man mehr digital machen. Hinzu kämen Probleme durch bürokratische Hürden. Aber er glaube, dass es einen „Nachkriegseffekt“ geben werde, wenn die Einschränkungen aufgehoben werden, „die Leute sind ausgehungert“, was die Kultur angeht.

Joe Gleixner: Leiter der städtischen Musikschule Günzburg und einer Big Band

Die von ihm geführte Big Band habe sich seit vier Monaten nicht mehr gesehen, man sei nur per Videokonferenz in Kontakt. „Ein Konstrukt, das über Jahre aufgebaut wurde, droht jetzt zu zerbröckeln“, warnt er. Wenn man nur über digitale Kanäle kommuniziere, könne man auch die Gefühlslage der anderen nicht wirklich erkennen. Anders sehe die Situation bei der Musikschule aus: Die Stadt sei ein „sehr loyaler Arbeitgeber“, denn als eine der wenigen Musikschulen sei man hier nicht in Kurzarbeit geschickt worden.

Sanne Kurz: Landtagsabgeordnete, Sprecherin der Grünen für die Bereiche Kultur und Film, Rundfunkrätin

Sie kritisiert, dass in Bayern sich zwei Ministerien um das Thema Kultur kümmern sollten, aber nicht wirklich zusammenarbeiteten. Dabei habe die Branche im Freistaat in etwa so viele Beschäftigte wie die Automobilindustrie. Gemessen an der Bruttowertschöpfung, sei es der drittwichtigste Bereich. Aber gerade das Haus von Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) setze andere Schwerpunkte.

Im Burgauer Schlosshof haben mehrere Betroffene darüber diskutiert, wie die Kulturbranche aus der Corona-Krise kommen könnte.
Bild: Christian Kirstges

Doch man müsse bedenken, dass es mehr koste, die Branche wieder aufzubauen, als ihr jetzt zu helfen. Sie fordert, staatliche Hilfen hier wenigstens bei kommunalen und staatlichen Aufträgen an eine Mindestgage zu knüpfen, denn bislang sei eine schlechte Bezahlung der Kulturschaffenden zu selbstverständlich.

Stefan Siemons: Leiter des Burgauer Kulturamts

Man habe gerade die wohl undankbarste Aufgabe: die Rückabwicklung von Veranstaltungen. Wie schwierig die Lage sei, zeige sich auch daran, dass es im Schlosshof schon Konzerte mit 500 Besuchern gegeben habe, und jetzt gerade einmal 63 Gäste eingelassen werden dürften. Mehr gebe der Platz angesichts der nötigen Abstände nicht her. So würde beispielsweise ein Kultursommer „keinen Spaß machen“. Und wenn man Veranstaltungen verschiebt, sei ungewiss, ob sie dann wieder stattfinden dürfen.

Das Leiden der Künstler sei gerade deutlich zu hören, doch inwieweit man hier als Kommune helfen könne, sei fraglich. Denn wegen eingebrochener Gewerbesteuereinnahmen fehlten im Haushalt Millionen, und zuerst müsse sich eine Gemeinde um ihre Pflichtaufgaben kümmern.

Und außerhalb der städtischen Verantwortung sei es gerade ein Ding der Unmöglichkeit, jemanden zu finden, der beispielsweise ein Orchester engagiert. Denn die Abstände ließen dann kaum noch Platz fürs Publikum – das rechne sich nicht. Er habe auch nicht die Erwartung, dass sich beim Verhalten der Besucher so schnell etwas ändere, wenn man sich vor Augen halte, dass auch die Gastronomie über zu wenige Gäste klage.

Hermann Skibbe: Kulturschaffender

Zunächst hatte er sich noch gefreut, wieder mehr Zeit für seine Hauptarbeit zu haben: das Komponieren. Doch die Veranstaltungen fehlten ihm so sehr, dass er inzwischen „Phantomschmerzen“ verspüre. Beim erst einmal verschobenen Berblinger-Musical in Ulm war er als musikalischer Leiter engagiert, doch er mache sich „ganz große“ Sorgen um die Künstler, die sonst auf der Bühne stehen. „Werden sie durchhalten, bis das Musical aufgeführt werden kann?“ Zumindest sieht er die Chance, dass die Leute die Wertigkeit der Kultur wieder für sich entdecken; er hofft, dass sie ihr und denen, die in der Branche tätig sind, wieder mehr Wertschätzung entgegenbringen.

Im Burgauer Schlosshof haben mehrere Betroffene darüber diskutiert, wie die Kulturbranche aus der Corona-Krise kommen könnte.
Bild: Christian Kirstges

Helmut Pusch: Kulturredakteur der Südwest Presse und Musical-Produzent

Im Frühjahr habe er am Tag der Pressekonferenz für das Berblinger-Musical, für das unter anderem er verantwortlich zeichnet, mitbekommen, wie Künstlern reihenweise Auftritte storniert wurden. Das sei bitter gewesen. Freie Künstler sollten aus seiner Sicht Anspruch auf Hilfe bei den Betriebskosten haben, was bei ihnen den Lebenshaltungskosten entspreche – doch dafür gebe es nichts. Der Lufthansa helfe der Staat aber, wovon vor allem ein Großaktionär profitiere. „Da muss ich mir die Frage stellen: Was ist Kultur wert?“ Ohnehin gehe das, was man für sie tue, am Notwendigen vorbei.

Josef Böck: Leiter des BR-Studios Schwaben

Er sieht die Vielfalt der Kultur in Schwaben einerseits als Chance, andererseits sei diese Kleinteiligkeit auch ein Problem. Sein letzter großer Unterhaltungstermin sei die Faschingssendung „Schwaben weissblau“ gewesen, seither müsse man Kontakte virtuell pflegen – doch dabei gehe viel verloren. Man solle sich daher schon jetzt überlegen, was passiert, wenn im Herbst die Auflagen für die Kultur nicht spürbar gelockert sind. Dazu gehöre auch, sich Gedanken darüber zu machen, was man ins Internet verlagern kann und wie sich daraus ein Geschäftsmodell machen lässt. „Denn warum müssen Dinge im Internet für lau angeboten werden?“

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