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Landkreis Günzburg

08.01.2021

Fälle von häuslicher Gewalt im Kreis Günzburg steigen im Lockdown

Während der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen leiden viele Opfer häuslicher Gewalt noch mehr als sonst. Trotzdem gehen nur wenige zur Polizei und erstatten Anzeige, die Dunkelziffer liegt laut einer Studie bei über 98 Prozent.
Bild: Bernd Hohlen (Symbol)

Plus Der Lockdown ist für Opfer häuslicher Gewalt oft eine ausweglose Situation. Trotzdem werden aktuell nur wenige Fälle bei der Polizei gemeldet. Warum das so ist.

Der coronabedingte Shutdown mit Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen trifft jeden Menschen empfindlich. Doch besonders schlimm ist es für Opfer häuslicher Gewalt – denn auch oder besonders jetzt nimmt die Anzahl der Fälle nicht ab.

Viele Opfer aus dem Kreis Günzburg haben sich erst nach dem Lockdown gemeldet

Trotzdem melden sich während der aktuellen Ausgangsbeschränkungen weniger Betroffene bei der Polizei als zuvor, wie Petra Tebel, Beauftragte für Kriminalitätsopfer im Polizeipräsidium Schwaben Süd/West, sagt. Sie kennt das schon aus dem ersten Lockdown. Erst im Nachgang, irgendwann im Sommer, hätten sich viele Opfer häuslicher Gewalt gemeldet. So habe es im Kreis Günzburg noch im März 15 Anzeigen gegeben, im April waren es nur noch sieben, im Mai elf. Nach Ende des ersten Shutdowns waren es dann im Juni 21 und im Juli 18 Anzeigen. „Während der Beschränkungen ist es für die Betroffenen am schlimmsten. Sie stehen unter stärkerer Kontrolle, haben oft auch die Kinder und den Aggressor selbst ständig um sich und trauen sich dann nicht, die Polizei zu verständigen.“

Auch jetzt, in Lockdown Nummer zwei, scheint sich das Phänomen zu wiederholen. Noch im November kam es im Landkreis zu 13 Anzeigen, im Dezember waren es nur noch fünf. Insgesamt über das ganze Jahr verteilt gab es 150 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt. Trotzdem gibt es jahresübergreifend einen rückläufigen Trend in den Anzeigen. Zu sagen hat das aber nicht viel. Denn in vielen Fällen holen sich die Opfer niemals Hilfe.

Corona-Beschränkungen machen es schwierig, an Opfer heranzukommen

Tebel ist sich sicher, dass es in Wahrheit deutlich mehr Fälle gibt, insbesondere während der coronabedingten Beschränkungen. Laut einer Studie aus Mecklenburg-Vorpommern liegt die Dunkelziffer von häuslicher Gewalt bei 98,4 Prozent. Tebel vermutet, dass viele Opfer nicht sicher sind, ob sie bei der Polizei Gehör finden und wo sie gerade jetzt hinsollen. Denn viele Frauenhäuser seien überbelegt und man könne nicht einfach jemanden besuchen.

Vor Weihnachten hat die Polizei ein „Survival-Kit“, also ein Überlebenspaket, veröffentlicht, das sich in erster Linie an Aggressoren richtet. Darin gibt es Tipps, wie zu Gewalt neigende Menschen ihre Aggressionen in den Griff bekommen können, etwa durch Sport, alleine sein oder Meditation. „Grundsätzlich haben wir während des Lockdowns, so wie alle Beratungsstellen, das Problem, überhaupt an die Opfer heranzukommen. Da muss die Präventionsarbeit über Soziale Medien, Fernsehen, Radio und die Presse stattfinden“, erklärt Tebel. Normalerweise gilt, dass der Täter von der Polizei der Wohnung verwiesen wird. Wo er dann hingehe, sei sein eigenes Problem. Das geht im Moment nicht, schließlich könne man nicht einfach zu einem Freund oder zu den Eltern.

In 20 bis 25 Prozent der gemeldeten Fälle sind die Opfer Männer

Darum haben sich Betreiber von Hotels und Ferienwohnungen, die ja keine touristischen Gäste aufnehmen dürfen, bereit erklärt, Tätern oder in manchen Fällen Opfern für ein paar Tage Unterkunft zu gewähren. Mit triftigem Grund sei das erlaubt. „Und häusliche Gewalt ist ein sehr triftiger Grund“, sagt Tebel.

Wenn der Aggressor dann von seinem Opfer getrennt sei, gelte ein Kontaktverbot, normalerweise für zehn Tage. In dieser Zeit könne der Geschädigte sich überlegen, wie es weitergehen soll. Man könne ein weiterführendes, gerichtliches Kontaktverbot erwirken oder eine Therapie mit dem Partner machen, manche wollten auch für die Kinder Hilfe vom Jugendamt anfordern.

Schwierig werde es, wenn es sich um psychische Gewalt wie Manipulation handle. Denn dann liege eigentlich keine Straftat vor. „Psychische Gewalt ist schwerer zu greifen als physische, aber das eine geht in den meisten Fällen sowieso einher mit dem anderen“, erklärt Tebel. Und: Nicht nur Frauen werden zu Opfern häuslicher Gewalt. In 20 bis 25 Prozent der gemeldeten Fälle sind die Männer die Geschädigten, wobei diese Zahl laut Tebel auch Situationen beinhalte, in denen sich die Partner nach einer Schlägerei gegenseitig anzeigen.

Beamte müssen Gewalttaten nachgehen, sobald sie davon wissen - auch bei häuslicher Gewalt

Werden der Polizei dann Gewalttaten gemeldet, greift das sogenannte Legalitätsprinzip. Das bedeutet, dass die Beamten verpflichtet sind, Ermittlungen einzuleiten, wenn sie Kenntnis einer Straftat erlangt haben – selbst, wenn das Opfer das nicht will. „Es ist also nicht möglich, dass sich beispielsweise eine Frau, die von ihrem Ehemann geschlagen wird, bei uns nur über ihre Möglichkeiten informiert und dann aber eine Anzeige ablehnt. Sobald wir wissen, dass eine Straftat vorliegt, werden wir aktiv.“

Darum werden Anrufer am Beratungstelefon der Polizei immer zuerst über die möglichen Konsequenzen ihrer Mitteilung aufgeklärt. „Wollen sie dann nicht so weit gehen, ihren Partner anzuzeigen, können sie sich immer noch an eine andere Interventionsstelle wenden.“

16 Prozent der Hilfesuchenden im Frauenhaus Neu-Ulm kommen aus Günzburg

Eine dieser Stellen ist das Frauenhaus der Neu-Ulmer Arbeiterwohlfahrt, das auch für den Kreis Günzburg zuständig ist. Hier werden Frauen aufgenommen, die Opfer von körperlicher, psychischer, sexueller, struktureller oder ökonomischer Gewalt geworden sind.

Im Frauenhaus machte man laut Leiterin Bettina Maruhn während der beiden Lockdowns die gleichen Erfahrungen wie die Polizei. Zwar habe sich die Anzahl der Hilfesuchenden erhöht, allerdings erst, als die Beschränkungen im Frühsommer aufgehoben wurden. Maruhn vermutet als Grund: „Während des Lockdowns fehlt der Zugang zu Hilfesystemen wie dem Jugendamt, Freundinnen oder Familie, der Schule oder Kindergärten.“ Waren es im Januar noch insgesamt 44 Aufnahme-Anfragen, ging die Zahl im März mit Beginn des ersten Lockdowns auf 20 zurück. Dann wurden es wieder mehr Meldungen, bis hin zu 48 im Juli. Im Oktober fiel die Anzahl wieder auf 23 zurück.

Corona macht die Arbeit im Frauenhaus schwieriger

„Im Jahr 2020 haben wir insgesamt knapp 1000 fallbezogene Anrufe erhalten oder getätigt“, erzählt Maruhn. Darunter fallen auch die genannten Aufnahme-Anfragen, von denen gut 16 Prozent aus dem Landkreis Günzburg kamen – eine Zahl, die ein eigenes Frauenhaus für Günzburg aus Sicht von Maruhn nicht notwendig macht. Aktuell sind fünf Frauen und fünf Kinder im Frauenhaus in Neu-Ulm.

Doch die Pandemie hat nicht nur für erhöhte Nachfrage gesorgt, sondern auch die Arbeit der Helfer erschwert. „Wir mussten zusätzliche Räume für die Quarantäne, die vor der Aufnahme ins Frauenhaus notwendig ist, suchen und einrichten. Das und die zusätzlich notwendigen Tests machen die Arbeit mit der Frau schwieriger und zeitintensiver. Außerdem wurden die Bewohnerinnen gebeten, Weihnachten nicht mit Angehörigen zu feiern, sondern im Haus zu bleiben.“

Frauenhaus lebt von Anonymität, um die Frauen und Kinder zu schützen

Im gesamten Haus gilt die Maskenpflicht und öffentliche Verkehrsmittel sollen ausschließlich in dringenden Fällen genutzt werden. Für Schulkinder könne man nur sehr begrenzt Distanzunterricht ermöglichen, da die dafür notwendige technische Ausstattung nicht vorhanden sei. Schwierig sei es außerdem, die Frauen beim Zugang zu verschiedenen öffentlichen Ämtern zu unterstützen, wie etwa dem Jobcenter oder der Familienkasse. „Mitarbeiter dort sind im Homeoffice und schwer zu erreichen, alles ist komplexer geworden.“

Gleichzeitig gelten aber auch weiterhin die grundsätzlichen Regeln des Frauenhauses: Um die Anonymität zu wahren, die die Frauen und Kinder vor ihren Peinigern schützt, darf kein Besuch empfangen werden und die Nutzung von Smartphones ist nicht erlaubt.

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