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Landkreis Günzburg

07.11.2020

Sie geben Hoffnung, wenn der Partner oder die Mutter plötzlich stirbt

Wenn der Partner beziehungsweise ein Elternteil stirbt, ist das für die Familien ein schwerer Schlag. Die Koordinatorin des Kinder- und Jugendhospizdienstes der Malteser spricht unter anderem über das Angebot von Trauergruppen.
Bild: Archivfoto: B. Siegert

Der Kinder- und Jugendhospizdienst der Malteser hilft Kindern und Erwachsenen im Kreis Günzburg bei der Trauerbegleitung. Wieso die Hinterbliebenen funktionieren müssen.

Sie träumte noch einmal von einem Urlaub auf Borkum. Ein Traum, der nicht mehr in Erfüllung gehen konnte, davon war die 41-jährige Frau überzeugt. Zu krank sei sie, zu beschwerlich die Reise im Rollstuhl auf die weit entfernte Nordseeinsel. Doch dieser Herzenswunsch wurde wahr – zwei wunderbare Wochen verbrachte die Frau mit ihrem Mann und den beiden Kindern, sieben und elf Jahre alt, auf Borkum. Eine Woche nach ihrer Rückkehr starb die 41-Jährige in ihrem Zuhause. Sylvia-Maria Braunwarth ist noch heute, zwei Jahre später, gerührt, wenn sie von der aufwendigen Aktion spricht, die für diese Familie ein kostbares Geschenk darstellte. Braunwarth ist die Koordinatorin des Kinder- und Jugendhospizdienstes der Malteser und kennt sich aus mit trauernden Kindern und Ehepartnern.

Aktionen wie jene nach Borkum sind durch den „Herzenswunsch-Krankenwagen“ der Malteser möglich – und bleiben Braunwarth im Gedächtnis. Mit diesen rein spendenfinanzierten Malteser-Aktionen sollen die letzten Wünsche von schwer kranken Menschen erfüllt und ein Lächeln ins Gesicht der Familien gezaubert werden. Doch Braunwarth kennt auch die andere Seite, die Seite voller Trauer und Selbstzweifel. Sie ist als Koordinatorin des Kinder- und Jugendhospizdienstes der Malteser für die vier Landkreise Günzburg, Neu-Ulm, Dillingen und Donau-Ries zuständig. Unter anderem werden offene Trauergruppen für jung verwitwete Mütter und Väter aber auch für Kinder und Jugendliche angeboten.

Sylvia-Maria Braunwarth: "Das Leben geht eben nicht weiter."

Braunwarth ist eine Frau der klaren Worte. Eine Frau, die auch schlimme und traurige Dinge direkt anspricht, aber mit einer Wärme in der Stimme, die das scheinbar Unfassbare doch erträglich machen: „Die Gesellschaft sagt oft salopp: Das Leben geht weiter. Aber das tut es eben nicht. Denn wenn der Partner oder der Vater oder die Mutter tot ist, dann kommen er oder sie nie mehr zurück.“ Und diese „knallharten Tatsachen“ müssen Braunwarths Meinung nach auf den Tisch gelegt werden, da gebe es nichts zu beschönigen. Denn der Tod eines Elternteils oder eines Geschwisters bringt ein Familiensystem ins Wanken.

Betroffene Kinder und Jugendliche haben häufig Mühe, in der Zeit der Trauer ihrem Alter entsprechend Halt und Trost zu finden. Aber sie benötigen laut Braunwarth einen verlässlichen Ort, in dem sie sich vertrauensvoll mit anderen austauschen können, die ein ähnliches Schicksal mit ihnen teilen. Erinnerungen an den geliebten, verstorbenen Menschen haben dabei ebenso ihren Platz, wie Spiel und kreatives Tun. In der Gemeinschaft erlernen sie Strategien im Umgang mit der eigenen Trauer.

Günzburger Koordinatorin des Kinder- und Jugendhospizdienstes der Malteser bezeichnet Kinder als "Lebenskünstler"

Kinder sind meist zwei bis drei Jahre in einer solchen Trauergruppe, da sie die Gemeinschaft benötigen, so Braunwarth. Sie bezeichnet Kinder gar als „Lebenskünstler“, die sehr offen mit der schwierigen Situation umgehen. „Sie trauern richtig tief, aber das kann auch schnell wieder gut sein“, sagt Braunwarth. Schwieriger sei es hingegen bei Jugendlichen im Alter von 14 oder 15 Jahren. Sie geben sich oft sehr verschlossen oder gar aggressiv.

Eine riesige Herausforderung ist der Tod eines Menschen auch für die verwitweten jungen Mütter oder Väter. Sie durchleben demnach Phasen der Einsamkeit, der Trauer und inneren Leere, aber auch Phasen der Wut. Gleichzeitig plagt sie ein schlechtes Gewissen, weil sie das Gefühl haben, ihren ebenfalls trauernden Kindern nicht die Geborgenheit geben zu können, welche diese dringend benötigen. Verwitwete Eltern können in einen Kreislauf der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit geraten. Diesen gilt es zu durchbrechen. „So hart es klingt, aber der hinterbliebene Ehepartner muss einfach funktionieren: Sie haben einen Job und müssen die Kinder versorgen, aber wo bleibt die Zeit für die eigene Trauer?“, fragt Braunwarth.

Braunwarth: "Man ist nicht krank, weil man um einen geliebten Menschen trauert."

Sie weiß aus Erfahrung, dass die Erwachsenen der Außenwelt oft etwas vorspielen, doch irgendwann kommt der Zusammenbruch. Braunwarth versteht es als ihre Aufgabe, den Trauernden beizustehen und ihnen zu helfen, das Leben wieder selbst zu schaffen sowie neue Kraft und Zuversicht zu finden. „Man ist nicht krank oder komisch, weil man um einen geliebten Menschen trauert.“

Braunwarth bezeichnet es als eine Art innere Reinigung, wenn die Hinterbliebenen über den Verlust des Partners sprechen, denn: „Es wird jedes Mal besser, wenn man darüber spricht. Und wenn es 100 Mal ist, dann ist es auch gut. Man darf niemandem nur eine bestimmte Zeit zum Trauern zugestehen.“ Zudem sei es wichtig, dass der verstorbene Partner immer auch seinen Platz in einer eventuell neuen Familie haben muss.

Meist besuchen Erwachsene ein bis eineinhalb Jahre die offene Trauergruppe. Angeleitet von qualifizierten ehrenamtlichen Trauerbegleitern des Malteser Kinder- und Jugendhospizdienstes wie Braunwarth machen sich die offenen Trauergruppen auf die mitunter lange und schwierige Reise durch die Trauer.

Weitere Informationen und Anmeldungen zu den Trauergruppen für jung verwitwete Mütter und Väter sowie für Kinder und Jugendliche bei Sylvia-Maria Braunwarth, Telefon 0170/8570984, E-Mail Sylvia-Maria.Braunwarth@malteser.org.

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