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Günzburg/Leipheim

23.01.2019

Wie Firmen die Zeit bis zum Brexit nutzen

Die Zeit wird knapp. Bis zum aktuellen Austrittsdatum des Vereinigten Königreichs sind es noch gut zwei Monate. Eine Einigung ist nicht in Sicht.
Bild: Andy Rain/dpa (Symbolfoto)

Am 29. März soll das Vereinigte Königreich aus der EU austreten. Eine Expertin der IHK sagt, Schwaben könne das besonders hart treffen. Wie drei Unternehmen im Landkreis Günzburg mit dem Brexit umgehen.

Haben Firmen im Landkreis Günzburg Angst vor dem Brexit? Bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwaben ist Jana Lovell zuständig für dieses Thema. Sie ist die Leiterin des Bereichs International. Wie ist die Stimmung der Unternehmer? „Mein Eindruck ist, dass die meisten abwarten, was passiert. Das Anfragevolumen bei uns ist bisher nur leicht gestiegen.“ Manche Unternehmen sind seit dem Brexitvotum aktiv geworden: Die Günzburger Steigtechnik und das Leipheimer Unternehmen Wanzl etwa haben Vorkehrungen getroffen.

Der Brexit könnte Schwaben besonders hart treffen

Fast ein Viertel der deutschen Wirtschaftleistung erbringt das verarbeitende Gewerbe. In Bayern liegt der Anteil noch höher, bei 27,5 Prozent. Besonders Schwaben hat eine „sehr produktionsintensive Wirtschaft“, sagt Lovell. Das könnte für die Region bald zum Problem werden. Sollte ein harter Brexit eintreten, also keine Einigung in Form eines Austrittsvertrages mit dem Vereinigten Königreich (UK) inkrafttreten, würden Güter der hiesigen Wirtschaft wohl besonders betroffen sein. „Das Vereinigte Königreich ist der viertgrößte Exportmarkt für Bayern“, sagt Lovell.

Einheitliche Regelungen fallen durch den Brexit weg

„Viele in der EU gültigen Normen und Standards würden im Falle eines harten Brexits ihre Gültigkeit in UK verlieren, zum Beispiel das CE-Kennzeichen“, führt Lovell aus. Gegebenenfalls müssten Unternehmen Anpassungen an ihren Produkten vornehmen, bevor sie in das Vereinigte Königreich exportieren dürften. Eine weitere Schwierigkeit liege darin, Mitarbeiter beispielsweise zur Montage in Nicht-EU-Länder zu schicken, etwa wegen der Visa-Beantragung.


Manche Unternehmen haben eine „Brexit-Teams“ gebildet

Große Probleme und Fragezeichen sieht sie besonders bei kleineren Unternehmen. Schwierig sei es für Firmen, die bisher nur in die EU exportieren. „Das ist häufig der erste Schritt.“ Größere Firmen hätten eher Personal, um eigene „Brexit-Teams und -Taskforces“ zu bilden.

Wanzl hat das getan. Der Leipheimer Einkaufswagenhersteller hat Anfang des vergangenen Jahres eine Arbeitsgruppe für den Brexit zusammengestellt, die aus Experten der Leipheimer Muttergesellschaft und Mitarbeitern der britischen Niederlassung besteht, sagt Marketingchef Jürgen Frank. „Der britische Einzelhandel ist für Wanzl einer der wichtigsten Kernmärkte und der drittgrößte Markt in Europa“, schreibt das Unternehmen in einer Mitteilung. 720 Menschen arbeiteten in der britischen Niederlassung in den Bereichen Entwicklung, Design, Vertrieb, Logistik und im mobilen Service.

Wanzl stockt seine britischen Lager auf

Das Unternehmen habe einige Risiken identifiziert. Darunter sei der Warenverkehr im Fall eines harten Brexits. Wanzl stocke derzeit die britischen Lager auf, um Engpässe zu vermeiden. Außerdem spreche man mit Kunden, um sie vor dem 29. März zu beliefern. Der Wertschöpfungsanteil in Großbritannien könnte erhöht werden, sollten Zölle auf Fertigwaren drohen. Die Leipheimer Muttergesellschaft hat mit der Niederlassung außerdem Währungswechselkurse vereinbart, um sie vor Schwankungen zu schützen.

Ein Team berät Mitarbeiter, die ohne britische Staatsbürgerschaft dort arbeiten

Probleme haben Mitarbeiter an UK-Standorten, die zwar EU-Bürger sind, aber nicht über die britische Staatsbürgerschaft verfügen, schreibt das Unternehmen. Es wurde ein Team eingerichtet, das sie unterstützt. „Wir gehen davon aus, dass diese Kollegen verpflichtet sein werden, beim britischen Innenministerium eine Aufenthaltserlaubnis zu beantragen.“ Ein Problem ist die Grenze zwischen Nordirland und Irland. Wanzl verfügt über Büro- und Lagerflächen auf beiden Seiten. Das schaffe Flexibilität. Marketingleiter Frank sagt auf Nachfrage, von spürbaren negativen Effekten auf das Leipheimer Unternehmen oder Arbeitnehmer im Landkreis Günzburg sei nicht auszugehen.

Ferdinand Munk lehnt weitere Kompromisse ab

Ferdinand Munk, Chef der Günzburger Steigtechnik, fürchtet einen harten Brexit nicht, er fordert ihn sogar: „Einen aufgeweichten Kompromiss darf es nicht geben. Dann wäre Europa am Ende.“ Zwischen der EU und einigen Mitgliedsstaaten gab es in jüngster Zeit Spannungen. „Wieso sollten Länder wie Italien in der EU bleiben, wenn sie die wirtschaftlichen Vorzüge behalten können?“, sagt er. „Raus heißt raus.“

Großbritannien zähle zwar nicht zu den wichtigsten Exportländern des Unternehmens, die britischen Normen und Vorschriften für die Branche würden aber weltweit in Ländern wie Australien übernommen. Man habe die Produkte schon vor längerer Zeit so angepasst, dass sie die Vorgaben erfüllen.

Der Unternehmer sieht im Handelsstreit mit den USA das größere Problem

Der Handelsstreit mit den USA sei „viel schlimmer“, sagt er. Unklare Zollverhältnisse hätten amerikanische Aufträge an europäische Unternehmen zum Erliegen gebracht. Das Problem bestehe weiter, habe sich aber beruhigt. Der Brexit wird wirtschaftlich weniger einschneidend sein, sagt er: „Wir werden weiter nach Großbritannien exportieren. Es wird aber nicht mehr diese enge Beziehung geben und teurer werden.“ Die unmittelbaren Folgen des Brexits seien zu verkraften – die Kettenreaktion, die ein ungünstiger Kompromiss auslösen könnte, nicht, sagt er.

Küchle ist vom Brexit nicht betroffen

Andere Unternehmen sind vom Brexit kaum bis gar nicht betroffen. Der Günzburger Süßwarenhersteller W. und H. Küchle betreibt im Export ihr Hauptgeschäft mit Thailand, Kanada, Südkorea, Österreich, der Schweiz und Polen, wie der Exportverantwortliche Oliver Schreiner sagt. Der Brexit ist für das Unternehmen kein Thema: „Wir unterhalten keine direkten Handelsbeziehungen mit Großbritannien.“



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