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Babenhausen

21.12.2018

Polizistin gibt Tipps, wie sich Frauen gegen Angreifer wehren können

Viele Frauen teilen die Angst, Opfer von sexueller Belästigung oder Übergriffen zu werden. Nach den Straftaten in Babenhausen und Egg Anfang Dezember nahm dieses ungute Gefühl wohl noch zu.
Bild: Alexander Kaya (Symbolbild)

Plus Dagmar Bethke kümmert sich um Kriminalitätsopfer und spricht über Schutz und Zivilcourage. Das Interesse ist nach den drei Sexualdelikten im Unterallgäu groß.

Die Frauen im Unterallgäu sollen sich wieder sicher fühlen. Denn dieses Empfinden vermissen offenbar viele nach den drei Sexualdelikten Anfang Dezember in Babenhausen und in Egg an der Günz. Um auf diese aktuelle Stimmung einzugehen, haben zwei Veranstaltungen in Babenhausen stattgefunden.

Am Nachmittag tauschten sich der Polizeipräsident des Präsidiums Schwaben Süd/West Werner Strößner und der Leiter der Memminger Kriminalpolizei Thorsten Ritter mit den Bürgermeistern der Verwaltungsgemeinschaft aus. Das Treffen im Rathaus kam auf Initiative des CSU-Landtagsabgeordneten und Bürgerbeauftragten Klaus Holetschek zustande. Am Abend dann informierte Dagmar Bethke, Beauftragte der Polizei für Kriminalitätsopfer, bei einem öffentlichen Vortrag darüber, wie Frauen sich schützen und bei einem Angriff reagieren können. Auch Zivilcourage war ein Thema. Mehr als 100 Zuhörer, hauptsächlich Frauen jedes Alters, kamen in den Rössle-Saal.

Wie in einer Pressemitteilung zu erfahren ist, sagte Holetschek bei dem Treffen mit den Bürgermeistern, dass man die Sorgen der Menschen ernst nehme. Panikmache sei allerdings fehl am Platz. Vielmehr müsse der Rechtsstaat nun mit aller Härte, schnell und konsequent handeln. Er habe sich an den Innen- und den Justizminister gewandt, um über das Verfahren gegen den mutmaßlichen Täter auf dem Laufenden gehalten zu werden – auch was das Thema Abschiebung anbelangt. Polizeipräsident Strößner ergänzte: „Wir sind erleichtert, dass vor dem Hintergrund dieser schrecklichen Taten ein dringend Tatverdächtiger festgenommen werden konnte.“ Durch Aufklärung wolle die Polizei dazu beitragen, derartige Übergriffe zu verhindern.

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Frauen können einen Schrillalarm mitnehmen

Ein Schritt in diese Richtung sollte der Vortrag am Abend sein. Organisiert hatten ihn die Babenhauser Frauenunion, der Frauenbund und die Marktgemeinde. Kriminalhauptkommissarin Dagmar Bethke, die Opfer von Sexualdelikten, häuslicher Gewalt und Stalking betreut und die auch mit den Unterallgäuer Fällen betraut ist, gab Tipps, wie sich Frauen verhalten können. „Das waren Delikte, die zutiefst verunsichern. Das geht auch mir so“, sagte sie. Die Taten führten den Menschen ihre Verletzlichkeit vor Augen. Vielen stelle sich nun die Frage: Wie damit umgehen? Ist die Konsequenz, nicht mehr aus dem Haus zu gehen? „Jeder Einzelne muss abwägen: Wie viel Freiheit und wie viel Sicherheit will ich?“

Bei Vorträgen wie diesem versucht Bethke, den Menschen Sicherheit zu geben. Ein paar ihrer Ratschläge: Ein selbstsicheres Auftreten sei wichtig. Zudem solle sich jeder einmal in Ruhe überlegen, wie er selbst in Notlagen reagieren würde. Hat man sich zuvor mental mit dem Thema auseinandergesetzt, könne man solche Gedankengänge womöglich im Ernstfall abrufen – dann, wenn der Schreck das Gehirn lähmt.


Ebenfalls ans Herz legte sie den Anwesenden einen Schrillalarm mit einer Lautstärke von 130 Dezibel: ein Schlüsselanhänger, der laute Töne abgibt, wenn man ihn aktiviert. Dadurch könne man nicht nur andere auf sich aufmerksam machen. „Der Täter weiß für ein paar Momente nicht, was gerade passiert. Dann sollte man Fersengeld geben.“ Bethke nannte dies eine Tat-Schock-Umkehr. „Bei Sexualdelikten geht es um Macht, um Kontrolle. Es bringt den Täter durcheinander, wenn etwas Unvermitteltes die Tatplanung durchkreuzt.“ Ein Tierabwehrspray zu nutzen, könne dagegen auch nach hinten losgehen.

Sich zu wehren, helfe. In den meisten Fällen lasse der Täter dann von seinem Opfer ab. Auch beim Verarbeiten der Erlebnisse helfe Gegenwehr: „Man stellt sich dann nicht die Frage: Warum hab ich nicht...?“ Erstarrt das Opfer, kann sich das Gefühl der Ohnmacht nachhaltiger einprägen. Ohne viel Übung umzusetzen sei ein Tritt in den Genitalbereich, gegen den Mittelfußknochen, das Schienbein oder ein Schlag mit beiden Händen gegen die Ohren.

Anwesende stellen auch Fragen, die sie umtreiben

Trotz der Ratschläge sagte Bethke: „Wir werden Straftaten auch in Zukunft nicht ganz verhindern können, alles andere wäre gelogen.“ Überfallartige Übergriffe in Siedlungsnähe seien allerdings sehr selten. Oftmals kannten sich Täter und Opfer.

Zu einer „Fragestunde“ über die Ermittlungen in den aktuellen Fällen sollte die Veranstaltung nicht werden. Das hatte Organisatorin und Markträtin Sonja Henle vorab betont. Trotzdem meldeten sich einzelne Zuhörer zu Wort, in der Hoffnung, Antworten auf Fragen zu bekommen, die sie umtreiben. „Warum hat die Polizei die Öffentlichkeit nach dem ersten Vorfall am Montag so spät informiert?“, wollte eine Frau wissen. Hätte sie von einem Täter auf freiem Fuß gewusst, hätte sie sich in den folgenden Tagen anders verhalten. Der Hintergrund: Die Pressemitteilung wurde erst am Mittwoch herausgegeben.

Ein Mann kritisierte ebenfalls die aus seiner Sicht spärlichen Informationen. Er bezog sich dabei speziell auf die Hinweise, die in den Tagen nach den sexuellen Übergriffen und der Festnahme eines tatverdächtigen 25-Jährigen eingegangen waren. Wie berichtet, hatten Frauen gemeldet, ebenfalls von einem Mann angegangen worden zu sein. Die Polizei ermittelt in zwei Fällen wegen Nötigung mit sexuellem Hintergrund, wie sie am Freitag mitteilte. Der Mann fragte: „War das derselbe Täter?“ Er wisse von Ängsten, dass ein vielleicht zweiter Täter noch nicht gefasst ist. (Lesen Sie dazu: Vergewaltigungen im Unterallgäu: Weitere Vorfälle werden bekannt )

Bethke sagte, dass sie aufgrund ihrer Arbeit in der Opferbetreuung keine Angaben dazu machen könne. Nur so viel: Die Polizei müsse Informationen stets verifizieren, bevor sie damit an die Öffentlichkeit gehen kann. Zudem betonte sie, dass „Verfahrensfehler“ zu vermeiden seien, da diese Auswirkungen auf ein Strafverfahren haben könnten. „Wir wollen auch, dass der verurteilt wird“, sagte sie.

Auch Bürgermeister Otto Göppel ergriff das Wort und bezog sich auf das Treffen mit der Polizei am Nachmittag: „Zu 99 Prozent war es derselbe Mann.“ Die Hinweise, die infolge der Festnahme eingegangen waren, mussten demnach zunächst geprüft werden.

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