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Vöhringen

10.01.2020

Uhrenhändler-Prozess: Kommt noch ein Freispruch?

Der Uhrenhändlerprozess geht weiter.

Plus Eigentlich sollte am Freitag das Urteil fallen. Doch die Verteidigerin präsentiert ein Dokument, das ihr anonym zugespielt wurde. Es soll den Angeklagten entlasten.

Seit September zieht sich der Prozess um den Raubüberfall auf einen Vöhringer Uhrenhändler bereits in die Länge. Verhandelt wird er am Memminger Landgericht. Ein Urteil war immer wieder in Sicht. So sollte die Sitzung am Freitag die letzte sein. Doch die Verteidigerin legte zur Überraschung der Prozessbeobachter ein neues Beweisstück vor, das den einzig verbliebenen Angeklagten entlasten soll. Von wem sie dieses brisante Dokument erhalten hatte, weiß sie allerdings nicht. Wohl ein Bote hatte den USB-Stick bei ihrer Kanzlei eingeworfen.

Der Uhrenhändler und seine Frau wurden mit einer Waffe bedroht

Zur Vorgeschichte: Vor etwa sechs Jahren wurde ein Mann, der über das Internet teure Markenuhren verkauft, in seinem Haus in Illerberg überfallen. Die Täter sollen nachts in sein Haus eingedrungen sein, den Händler und dessen Frau mit einer Waffe bedroht, sie gefesselt und wertvolle Uhren, Mobiltelefone und Bargeld in Höhe von rund 700.000 Euro erbeutet haben. Durch den Tipp eines angeblichen Mitwissers gerieten fünf Männer in Verdacht. Im September des vergangenen Jahres begann der Prozess gegen sie. Vier der Beschuldigten wurden Mitte Oktober frei gesprochen, weil die Anklage ihnen keine Beteiligung an der Tat nachweisen konnte. Der Hauptzeuge hatte vor Gericht die Aussage verweigert – aus Angst, sich damit selbst zu belasten.

(Mehr dazu hier: Freisprüche im Prozess um Raubüberfall in Vöhringen)

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Nun legte die Anwältin des letzten Angeklagten einen neunseitigen Brief vor, der ihrer Ansicht nach beweist, dass auch ihr Mandant unschuldig sei. In ihren Erläuterungen hörten Staatsanwalt und Richter eine neue Version der Ereignisse. Das von einem Notar in der Türkei verfasste und von dem Angeklagten unterschriebene Geständnis sei frei erfunden, so die Anwältin.

Falsches Geständnis, um Freunde aus dem Knast zu holen

Der 37-jährige Beschuldigte, der zur Tatzeit in Deutschland gelebt hatte, sei in der Türkei von einem angeblichen Anwalt kontaktiert worden. Der hatte ihm bei einem Treffen in Istanbul erzählt, dass er mit einem falschen Geständnis seine Freunde und Bekannten, die in Deutschland unschuldig im Gefängnis sitzen, befreien könnte, berichtete der Angeklagte vor dem Memminger Landgericht. Ihm selbst könne nichts passieren, da er sich ja nicht in Deutschland aufhalte. So habe es ihm der angebliche Anwalt erklärt. „Ich kenne meinen Kumpel, da war ich mir sicher: Der macht sowas nicht“, so der Beschuldigte. Also unterschrieb er das falsche Geständnis, um seinem Freund und den drei anderen zu helfen. Während eines Aufenthalts in der Ukraine wurde der 37-Jährige dann aber doch festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert.

Das Dokument, das die Anwältin aus einer anonymen Quelle auf einem USB-Stick zugestellt bekommen hatte, enthält das von einem bislang unbekannten Autoren handschriftlich vorformulierte und eingescannte Geständnis. Basierend darauf habe er mit dem angeblichen Anwalt und einem Notar sein Geständnis am PC verschriftlicht, so erzählte es der Beschuldigte. Er habe außerdem noch persönliche Informationen hinzugefügt: „Das sollte ich machen, damit es glaubhafter wirkt, hat der Anwalt gesagt.“

Die Verteidigerin hat nun ein Gutachten beantragt, um zu beweisen, dass dieses handschriftliche, vorformulierte Geständnis nicht von dem Angeklagten selbst verfasst worden war, sondern von einem Dritten, um ihm die notwendigen Informationen zukommen zu lassen, sodass er ein glaubhaftes falsches Geständnis ablegen könne.

Der zuständige Staatsanwalt Thomas Hörmann wollte am Prozesstag keine Angaben mehr dazu machen, wie die Anklage mit diesem neuen Beweisstück umgeht. Auch Richter und Schöffen ließen sich nichts anmerken, wie sie zu dem Dokument stehen. Der Vorsitzende Richter Christian Liebhart unterbrach die Verhandlung. Sie soll am Freitag, 24. Januar, fortgesetzt werden.

Ein Prozess voller Kuriositäten

Beweisstücke, die plötzlich bei der Anwältin im Briefkasten landen, unerwartete Freisprüche: Dieser Prozess ist kein gewöhnlicher. Zu den kuriosen Aspekten gehört auch, dass der Angeklagte im Sommer vergangenes Jahr aus seiner Untersuchungshaft im Memminger Gefängnis fliehen konnte. Bereits einen Tag später wurde er jedoch wieder festgenommen. Dass der Prozess sich so in die Länge zieht, liegt auch daran, dass viele der Zeugen, die zu Beginn verhört wurden, aus Hessen anreisen mussten. Manche waren dann einfach nicht vor Gericht erschienen.

Wie sich dann am letzten Prozesstag herausstellte, war das kurz vor Schluss vorgelegte Schriftstück für die Strafkammer in ihrem Urteilsspruch nicht von Relevanz. Der Vorsitzende Richter Christian Liebhart erklärte, die ganze Geschichte sei schlicht unplausibel. Etwa der Zeitpunkt, an dem es verfasst wurde, als der Prozess gegen den Freund, dem er helfen wollte, schon sehr weit fortgeschritten war. Auch der geschilderte Ablauf, er habe das Dokument bei einem Notar anfertigen lassen, sei nicht nachvollziehbar. Das Schriftstück trage erstens keinen Notarstempel, es habe nicht einmal einen Briefkopf. Es wäre überdies auch gar nicht nötig gewesen, einen Notar aufzusuchen. Als einziger Grund, warum der Angeklagte sich so früh selbst belastete, kommt für den Richter infrage, dass der Beschuldigte mit dieser Version der Geschichte, also mit dem angeblichen Versicherungsbetrug, seine möglicherweise nachweisbare Anwesenheit am Tatort begründen wollte.

Mehr zum Prozess um den spektakulären Raubüberfall:

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