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Natur

22.08.2014

Seltene heimische Pilzarten sind vom Klimawandel bedroht

Es gibt einen Pilzboom: Das nasskalte Wetter in den ersten Augustwochen hat die Pilze im Landkreis Günzburg sprießen lassen.
Bild: Anika Taiber

Derzeit gibt es so viele Pilze wie seit Jahren nicht mehr. Doch in Zukunft wird es auch Auswirkungen auf regionale Sorten geben. Was Sammler beachten sollten

Landkreis „Auf die Pilze, fertig, los!“, heißt es derzeit in den Wäldern im Landkreis Günzburg. Das nasskalte Wetter in den ersten Augustwochen bildete die Grundlage für einen wahren Pilzboom. „Nur alle fünf Jahre wachsen so viele“, sagt der Ziemetshauser Albin Huber, Pilzexperte aus dem Walderlebniszentrum Roggenburg, erstaunt. Normalerweise finden Sammler die meisten der kleinen Eiweißbomben erst ab September. Während aber viele Menschen über den vielen Regen in den letzten Wochen schimpften, war das Wetter dagegen für Pilze ein wahres Eldorado. „Sie lieben es, wenn es warm und feucht ist“, erklärt Huber.

Doch die Zukunft der Pilze ist in Gefahr. Der Klimawandel und die damit verbundenen steigenden Temperaturen bedrohen die Lebensräume der heimischen Arten. Huber befürchtet, dass genau die Sorten verschwinden werden, die in der Region sehr selten sind. Der Ziemetshauser erwartet einen Wandel in der Pilzwelt. Für die Sammler bedeutet das Genuss und zugleich neue Gefahren. Ein beliebter Speisepilz aus dem Mittelmeerraum, der Kaiserling, könnte in den deutschen Wäldern ein neues Zuhause finden. Bedrohung kommt dagegen aus Südfrankreich. Der giftige, parfümierte Trichterling ist bereits bis nach Österreich gewandert. Selbst erfahrene Sammler könnten die Art leicht mit beliebten heimischen Speisepilzen verwechseln. Pilzliebhaber müssen sich daher über die eingewanderten „Ausländer“ frühzeitig informieren. „Doch Pilze wird es trotz dem Klimawandel immer geben“, sagt Huber.

Die kleinen Eiweißbomben sind für die Natur unersetzlich. Gemeinsam mit Würmern und Bakterien zersetzen sie den biologischen Abfall, wie zum Beispiel Holz. Damit halten die Pilze den Nährstoffkreislauf in Schwung. „Ohne die Mitarbeit der kleinen Lebewesen würden die Bäume verhungern, weil sie keine Mineralien mehr bekommen“, sagt Huber. Pilze sind außerdem fleißige Geschäftspartner. Die unterirdischen Fadengeflechte der Pilze versorgen die Baumwurzeln mit Wasser. Im Gegenzug erhalten sie dafür von den Bäumen Zucker. Viele Pilze sind wählerisch: Der Birkenpilz etwa lebt nur mit dieser Baumart in einer Partnerschaft. Verschwinden diese Arten, so haben auch die jeweiligen Bäume einen Versorgungsmangel. Obwohl die kleinen Lebewesen für die Natur so wichtig sind, dürfen Sammler sie ernten. „Pilze gibt es das ganze Jahr unter der Erde, nur im Herbst erscheinen die Fruchtkörper auch über dem Waldboden“, erklärt Huber. Pilzliebhaber schaden den Lebewesen nicht. „Sie dürfen für den Eigenbedarf gesammelt werden“, sagt auch Axel Heiß, Leiter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Krumbach.

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Einsteiger müssen auf der Suche nach den Leckerbissen gut informiert sein. „Es ist unverantwortlich, wenn Sammler sich das Wissen nur aus Büchern aneignen“, warnt Huber und empfiehlt daher die Teilnahme an Führungen.

Wer zu faul ist, um selbst nach den kleinen Lebewesen zu suchen, kann in den Gasthöfen im Landkreis dennoch leckere Pilzgerichte genießen. Die Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes, Ingrid Osterlehner vom Gasthof Sonne in Röfingen bezieht viele ihrer Steinpilze von gewerblichen Sammlern in der Region, die dafür extra eine Sammelerlaubnis besitzen.

Trotz der vielen Speisepilze in den Wäldern ist laut Huber jeder rohe Pilz giftig. Erst die Hitze beim Kochen zerstört die Gifte in den Speisepilzen. Huber rät daher dazu, sie „mindestens 15 Minuten zu kochen“. Außerdem müsse die gesammelte Nahrung innerhalb der nächsten 24 Stunden verwertet werden, sonst würden Unverträglichkeiten drohen. Die meisten Pilzvergiftungen seien unecht. Oft würden die Menschen schon Pilze in ihren Korb packen, die teilweise bereits verwesen. Der Genuss solcher Pilze könne dann zu einer Magenverstimmung führen.

Max Drexel, Obmann für die Ärzte in Krumbach, warnt besonders vor dem Knollenblätterpilz, der zu Übelkeit, Erbrechen, Fieber und einem Leberschaden führen kann und „im schlimmsten Fall tödlich endet“. Vergiftungen seien im Landkreis Günzburg äußerst selten, dennoch sei das Problem, dass „meistens dann gleich mehrere Personen vergiftet sind“, sagt Georg Kithil, Allgemeinmediziner aus Günzburg. Doch auch bei verträglichen Pilzen rät Albin Huber dazu, sich „nicht zu überessen. Sie sollten nur als Beilage gegessen werden“.

Der Ziemetshauser rät noch aus einem anderen Grund zur Vorsicht: „Die Pilze im Landkreis sind immer noch belastet.“ Die Radioaktivität in den Fruchtkörpern sei noch halb so stark wie vor 28 Jahren, als die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl die Wälder in Europa verseuchte. Manche Pilzarten seien besonders stark radioaktiv belastet, besonders der in der Region sehr beliebte Maronenröhrling. Sich ab und zu ein Pilzgericht gönnen, sei laut Huber unbedenklich. „Wenn ich auf einen Langstreckenflug verzichte und damit auch die Höhenstrahlung nicht abbekomme, kann ich mir stattdessen ein paar Pilzmahlzeiten gönnen“, sagt er.

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