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Der Traum vom Fliegen

27.06.2020

Kann Scheitern eine Chance sein? Am Beispiel des Schneiders von Ulm

Die Stadt, die Albrecht Berblinger heute feiert, trieb ihn damals mit Spott und Schande in den Ruin. Sein Traum vom Fliegen machte ihn zum Helden gemacht.
Bild: Michael Eichhammer

Plus Alfred Berblinger wollte fliegen – und plumpste in die Donau. Heute, zu seinem 250. Geburtstag, wird er gefeiert. Und das Scheitern selbst gilt als Chance.

Auf dem langen Weg des Scheiterns steht Daniela ganz am Anfang. Am Ufer der Donau, im Schatten der Stadtmauer von Ulm, hat sie sich auf einem kleinen Betonsockel postiert und beginnt zu erzählen: „Es war einmal ein Mann in Ulm. Albrecht Berblinger. Der wollte nicht akzeptieren, dass die Dinge so sind, wie sie sind ...“ Vor Daniela stehen 14 Zuschauer. Es sind ihre Freunde aus dem „Teatro International“. Für ihren „Parcours des Scheiterns“ hat die Theatertruppe in den vergangenen Monaten echte, wahre und auch märchenhafte Geschichten des Scheiterns gesammelt. Gerade läuft die Generalprobe, Station eins des Parcours: Berblingers Geschichte. Und Daniela erzählt sie so, als wäre sie die Erste. Als wären nicht mehr als 200 Jahre vergangen, seit der Ulmer Schneidermeister mit seiner selbst gebauten Flugmaschine elegant über die Donau gleiten wollte – und vor den Augen der Stadt, vor Prinz und Herzog ins Wasser plumpste. Scheiterte! Wobei …

Im Jubiläumsjahr 2020, zum 250. Geburtstag des Albrecht Ludwig Berblinger, wird der Schneider nun geehrt wie ein Held. Ulm feiert den Flugpionier und Erfinder mit einem Turmbau für 750 000 Euro, einem Musical, einem Wettbewerb für Innovation und Start-ups. Und mit einer „Fuckup Night“: Menschen erzählen vor Publikum, was in ihrem Leben gründlich misslungen ist.

Die Stadt, die ihn heute feiert, trieb ihn damals mit Spott und Schande in den Ruin

Berblinger überall und überdimensional: Hinter Daniela funkelt der Turm, der sich in die Höhe dreht wie eine Schraube, wie einst die Berblinger-Flugmaschine, im Licht dieses Sommerabends. Ein Denkmal für einen gescheiterten Mann. An eben dieser Stelle ist er in sein Unglück gesprungen. Sein Gleitflieger hätte den Berblinger in den Olymp der Luftfahrt katapultieren können, zu den Brüdern Wright und den Brüdern Montgolfier. Pustekuchen. Der Wind spielte verrückt. Die Stadt, die diesen Mann heute feiert, trieb ihn damals mit Spott und Schande in den Ruin.

Kann Scheitern eine Chance sein?
Am Beispiel des Schneiders von Ulm

16 Laienschauspieler erzählen an den Stationen des „Parcours des Scheiterns“. Sie stammen aus Spanien, Frankreich, Rumänien, aus der Türkei, Kuba. Die Stimmung ist heute heiter, es wird viel gelacht. Dabei wären das Projekt und das ganze Jubiläum beinahe gescheitert. Corona. Das Unglück schien Berblinger posthum schon wieder in die Parade zu fahren. Und das war nicht das einzige Problem für die Theatergruppe: „Es war schwierig, mit unserem Aufruf genug Geschichten zusammenbekommen“, sagt die Teatro-Chefin Claudia Schoeppl. Diese Suche, das Grübeln übers Scheitern haben bei ihr Spuren hinterlassen: „Ich bin entspannter geworden“, sagt sie. „Uns ist jetzt wichtig, dass die Geschichten einen positiven Ausgang haben.“ Einerseits. Aber ohne Schönfärberei: „Niemand startet, um zu scheitern.“

Tuba aus der Türkei erzählt die Geschichten einer Frau, die in „ New York, Paris oder Tokio“ leben wollte – und im schwäbischen Wiblingen gelandet ist. Immerhin: Sie stammt aus dem hohen Norden, und erst auf dem Land, im Süden von Ulm, hat sie gelernt, dass Rosen im Jahr zweimal blühen. „Viele Träume, die ich nie geträumt habe, sind wahr geworden.“ Mohammed erzählt ein paar Schritte weiter, im Rosengarten an der Donau, die Geschichte eines Arztes. Sie handelt von Krankheit und ist keine klassische Scheiter-Geschichte: Ein junger Mediziner arbeitet Tag und Nacht für seinen Erfolg, die Arbeit ist sein Leben. Dann stoppt ihn ein Tumor. Die erste Prognose: 10 Prozent Überlebenschance. Nach qualvollen Wochen die zweite Prognose: 90 Prozent Überlebenswahrscheinlichkeit. Er atmet auf und übersteht den Tumor. Doch noch bevor er 50 Jahre alt ist, erleidet er einen schweren Herzinfarkt.

Erfolgreich scheitern? Scheitern als Chance? Was Coaches sagen

Befragt man Google nach dem Scheitern, verspricht jedes zweite Ergebnis „Erfolgreich scheitern“ oder „Scheitern als Chance“. Wer auf die Treffer klickt, landet oft auf den Seiten von Coaches. Jenen Menschen also, die als Berater andere vor dem Scheitern bewahren wollen oder dann helfen, wenn alles zu spät ist. Eine schriftliche Umfrage bei Coaches aus Ulm und um Ulm herum: Kann man aus dem Scheitern immer etwas lernen?


Hoch hinaus und dann? Mit dem Berlinger-Turm wird in Ulm ein Held des Scheiterns geehrt.
Bild: Dagmar Hub

Heute ist Berblinger Legende. Aber wäre der Schneider nicht 1770, sondern 1970 geboren – was wäre dann? Hundert Handykameras hätten seinen Sturz gefilmt. Die Szene, wie sie ihn als einen blamierten, begossenen Pudel aus den Fluten fischen, würde zehn Minuten später im Netz landen, auf Youtube. Vielleicht säße der Berblinger bald schon im Sessel bei Markus Lanz. 23.30 Uhr, der Moderator zupft seine Krawatte zurecht und fragt ihn, im Modus der Betroffenheit: Was macht das denn mit einem, so eine Bruchlandung? Als nächstes klopfen die Casting-Direktoren von RTL an: Herr Berblinger, im Dschungel ist noch ein Platz frei, zwischen einer, die Topmodel werden wollte und am Ende doch nicht „top“ wurde, sondern Platz 13, und einem Bachelor, der beim Rosenverteilen eine Niete gezogen hat. Ein offensichtlich größenwahnsinniges Schneiderlein? Gescheitert vor den Augen der Welt? Genau der richtige Kandidat.

Was auch sein könnte: Es klingelt, Elon Musk am Apparat. Er fragt den Mann aus Ulm, ob er mit zum Mars reisen will, 2025. Nein? Auch gut. Stattdessen könne er ja vielleicht seine cleveren Modelle für Beinprothesen weiterentwickeln, in den USA. Ein bisschen moderner nur als die Originalentwürfe aus dem 19. Jahrhundert, ein bisschen digitaler, mit Autopilot. Ein sonniger Platz am Pool in Kalifornien wäre dem Berblinger jedenfalls sicher.

Geht es darum, wie spektakulär jemand scheitert?

„Failure is not an option“ – „Scheitern ist keine Option“, das ist das Leitmotiv aller Hightech-Erfinder, Silicon-Valley-Hasardeure und Start-up-Unternehmer: Hoch aufsteigen, tief fallen, wiederholen. Fallen und stolpern ist erlaubt – aber bitte nur in Richtung Erfolg! Der Spruch hat Geschichte: Als sich 1970 die Raumfahrtmission Apollo 13 zum Mond aufmachte, drohte ein tödliches Unglück und die Astronauten mussten umkehren. Gescheiterte Pechvögel? Nein, gefeiert wurden sie, weil sie mit notdürftigen Reparaturen an Bord doch noch ihre Leben retten konnten. Ihr Flug endete im Wasser, im Pazifik. Geht es am Ende darum, wie spektakulär der Scheiternde scheitert, höher, weiter, dramatischer? Dädalus und Ikarus haben sich einen Platz in den griechischen Göttersagen gesichert, als Bruchpiloten der Antike. Otto Lilienthal brach sich 1896 beim Flugversuch das Genick, Reinhard Mey hat ihm ein Lied gewidmet. Immerhin. Und der Berblinger? Eine Witzfigur seiner Zeit. Er starb 1829, verlacht und verstoßen, an der Schwindsucht.

Nächste Frage an die Coaches: Ist Scheitern eine Frage der inneren Einstellung oder entscheidet das Urteil der Gesellschaft?

Maria stammt aus Holland, als professionelle Geschichtenerzählerin coacht sie das Teatro-Team. Im Ulmer Rosengarten, gleich neben dem Beet mit der Sorte „William Shakespeare“, erzählt sie jetzt das Märchen von Gudbrand: Es war einmal ein gut gelaunter, blauäugiger Bauer, der wollte sein Pferd verkaufen. Er tauschte den Gaul gegen eine Kuh – dann gab er die Kuh für ein Schwein her und das Schwein für einen Hahn. Am Ende seiner Tauschgeschäfte blieb dem naiven Gudbrand nur eine warme Mahlzeit. Glücklich war er trotzdem. Maria findet, dass Scheitern auch davon abhängt, wie man seine eigene Geschichte liest und konstruiert.

Laura aus Spanien erzählt unterm Metzgerturm, gleich bei einer Parkbank und einem Mülleimer, eine wahre Lebensgeschichte. Es geht ums Geld. Eine Frau hat sie dem Teatro anvertraut: Sie hat als Kassiererin nie viel verdient. Genug aber, um ihrem Sohn ein Studium zu ermöglichen. Im hohen Alter ist es nun ihr größter Spaß, sich einmal im Monat mit Freunden zu treffen. Kaffee, Kuchen, Prosecco. Aber um sich das – und etwas Nagellack – leisten zu können, muss sie Pfandflaschen aus Mülleimern fischen. Als Laura die Geschichte beendet hat, applaudieren ihre Freunde. Doch dann halten alle kurz den Atem an. Der Zufall will es so: Eine Frau schleicht an der Bank vorbei. Sie trägt eine Plastiktüte in der Hand und wirft einen langen Blick in den Mülleimer. Sie findet nichts. Sie zieht weiter.

Gibt es eine typisch deutsche Art zu scheitern?

Gibt es eine typisch deutsche Art zu scheitern? Deutsche scheitern selten, aber dann gründlich und spektakulär, findet Daniela. Maria nickt: „Sie sind aber auch diejenigen, die am meisten vorbeugen gegen das Scheitern.“ Daniela lacht. „Ja. Es gibt diesen typisch deutschen Spruch: Sicher ist sicher.“ Die Scham zu scheitern sei in Deutschland groß. In Buenos Aires, Danielas Heimatstadt, gehe man offener mit Niederlagen und Patzern um. Die Einstellung hat sich Daniela bewahrt: „Als Migrant scheitert man erst einmal sowieso tagtäglich, hier und da.“

Die „Fuckup Night“ ist keine Ulmer Erfindung und Scheitern ist heute auch in Mode. Allerdings nur im Blick durch den Rückspiegel, auf der Überholspur. Wie man es dreht und wendet: Im Moment, wenn es passiert, macht Scheitern keinen Spaß. Die Universität Hohenheim hat 2015 eine Studie verfasst. Ein Ergebnis: Bei älteren Menschen – also jenen, die statistisch über die größte Scheiter-Erfahrung verfügen – trübt sich die positive Einstellung zum Scheitern. Was die Studie auch besagt: „Fehler, deren Gründe außerhalb des eigenen Einflusses liegen, werden eher akzeptiert.“ Man kann an etwas oder an jemandem „scheitern“. „Versagen“ kennt einen klaren Schuldigen. Letzte Frage an die Coaches: Was würden Sie dem Berblinger heute raten?

In ihrer Geschichte des Schneiders lässt Daniela ihn sagen: „Man klebt einfach am Boden fest.“ Das gilt heute nicht mehr. Man muss nicht alle Dinge akzeptieren, wie sie sind!

Parcours des Scheiterns: Mohammed aus Syrien erzählt im Ulmer Rosengarten eine Geschichte des Scheiterns.
Bild: Veronika Lintner

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