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Streaming-Hype

23.01.2021

Netflix, oder: Das All you can see-Büfett für uns alle

Die zweite Staffel ist schon in Arbeit: die aktuelle Erfolgsserie "Bridgerton".
Bild: Netflix

Die Welt ist fasziniert von den Angeboten des Streamingdiensts Netflix. Betrachtung eines Phänomens in sechs Folgen.

Seit 2007 bietet Netflix Videos per Streaming an. Spätestens in der Corona-Krise hat sich der Online-Dienstleister zu den großen Gewinnern entwickelt. Wobei: Eigentlich ging es schon viel früher los mit der Veränderung unserer Sehgewohnheiten, einem neuen Image von Serien und eine neue Form des Medienkonsums.

Der Anfang

Erfolgreiche Unternehmen erzählen auch immer gerne eine schöne Geschichte von ihrer Entstehung: Das nämlich macht den Erfolg noch strahlender... Im Falle von Netflix lautet die Legende so: Der kalifornische Softwareunternehmer Reed Hastings hatte sich den Film „Apollo 13“ ausgeliehen, die Videokassette verlegt. Irgendwann wollte die Videothek 40 Euro Leihgebühren! Hastings ärgerte sich, und auf dem Weg zum Fitnessstudio, so erzählt er es gerne, sei dann die Idee für Netflix geboren: Warum nicht das gleiche Prinzip wie im Studio anwenden, pro Monat zahlen, so viel schauen, wie man will. All you can see-Büfett sozusagen. 1998 begann das Unternehmen für eine monatliche Gebühr DVDs zu verschicken. Die Generation Netflix lacht heute bei dieser Vorstellung. Seit 2007 bietet Netflix Videos per Streaming an. In Deutschland seit 2014. Mittlerweile ist der Streamingdienst weltweit verfügbar. In der Pandemie zählt Netflix nun zu den großen Gewinnern: Kinos geschlossen, ansonsten auch nichts los – in dieser Woche vermeldete das Unternehmen den Rekordwert von 37 Millionen neuen Abos im Jahr 2020. Damit hat man die 200-Millionen-Grenze geknackt. Und kommt der Vision von Hastings näher: Der verkündet seit Jahren das Ende des klassischen Fernsehzeitalters. Stefanie Wirsching

Die Sehgewohnheiten

Es ist noch gar nicht so lange her, da war das TV-Verhalten an natürliche Grenzen gebunden: Alles hatte einen festen Termin, zu dem man vor dem Fernseher sitzen musste. Danach kamen Derrick, die Lottozahlen oder irgendwas anderes und man konnte beruhigt auf die Aus-Taste drücken. Mittlerweile ploppen alle Folgen der Lieblingsserie mit einem Schlag als komplette Staffel auf – und wer Zeit hat (oder sie sich nimmt), hechtet eben alles in einer Nacht durch. Binge Watching (von englisch binge, also Gelage) heißt der Fachbegriff dafür. 2015 erklärte das Collins English Dictionary binge-watch sogar zum Wort des Jahres. Im Deutschen wird das etwas weniger schuldbewusst, dafür pseudo-sportlich mit dem Begriff „Serienmarathon“ übersetzt. Was dabei verloren geht, ist die tägliche oder gar wöchentliche Vorfreude. Bei manchen Serien wird eine künstliche Verknappung erzeugt, indem – ganz nach alter Schule – nur etwa jeden Montag eine neue Folge erscheint. Tatsächlich fällt bei manchen Serien das Abschalten schwer, weil zum Ende jeder Folge ein fieser Cliffhanger eingebaut ist – der wiederum soll dazu verführen, „nur mal ein bisschen“ noch weiterzusehen. Dafür ein Tipp gegen das Bingen und Cliffhanger: Einfach mitten während einer Folge ausschalten. Florian Eisele

Auch Lady Di tritt auf: England-Serie "The Crown".
Bild: Netflix

Die Serien

Erinnern Sie sich noch an „Die Guldenburgs“, „Die Schwarzwaldklinik“ oder „Dallas“ und „Denver Clan“? TV-Serien gibt es gefühlt schon so lange wie das Fernsehen. Lange Zeit hatten sie das Image der Spießer-Fernseh-Unterhaltung weg. Dass dem nicht mehr so ist, hat auch mit Netflix zu tun, das als neue Konkurrenz den Markt aufgemischt hat. Die Serienmacher von heute verstehen sich nicht nur im Geschichtenerzählen, Spannungsbögenaufbau und Cliffhangersetzen besser als ihre Vorgänger aus der Serienurzeit. Auch die Kameraführung, die Ausstattung und Spezialeffekte haben sich rasant weiterentwickelt, sodass viele Streaming-Serien Kinofilmen auch in der Optik in nichts mehr nachstehen. Inzwischen ist das Seriengucken unter jungen Menschen so beliebt, dass laut Umfragen beim ersten Date häufig über Serien gesprochen wird und es inzwischen als normal gilt, sich zu „Netflix & Chill“ zu verabreden, dabei in Kauf genommen wird, dass das Episodenende aufgrund anderer Aktivitäten möglicherweise nicht gesehen wird. Aber macht ja nichts, wird die Folge ein anderes Mal einfach noch mal angeguckt, ist ja schließlich nun immer und überall abrufbar. Und hier noch ein paar Must-See-Tipps: Pretend it’s a city, Luther, Unorthodox, The Queens Gambit, Dark, Star Trek Discovery. Lea Thies

Die Generation Netflix

Vergangenen Herbst wurde eine Meldung veröffentlicht, die Fernsehmacher wohl am liebsten ignoriert hätten: Erstmals schauten Menschen im Alter von 14 bis 29 Jahren mehr Streaming-Videos als lineare Fernsehangebote. Was seit Jahren beschworen wird, schlägt sich nun also auch in den offiziellen Zahlen nieder. Und tatsächlich sind es in der Mehrheit junge Menschen, die Netflix und andere Streamingdienste nutzen – weil sie Videos auf Abruf aus dem Internet kennen und gewohnt sind, dass sich der Medienkonsum nach ihrem Zeitplan richtet und nicht andersherum. Aber die Streamingdienste ziehen auch immer mehr ältere Zuschauer an. Fast jeder vierte Deutsche hat mittlerweile Zugang zu Netflix. Und 72 Prozent der 30- bis 49-Jährigen gaben in einer Studie der AGF Videoforschung an, mindestens einmal im Monat Online-Video-Angebote zu nutzen. Selbst bei den über 65-Jährigen schaut jeder fünfte mindestens einmal im Monat ein Video via Internet. Geht die Entwicklung so schnell weiter wie in den vergangenen Jahren, dann dürften in Deutschland bereits 2022 mehr als die Hälfte aller Videos nicht mehr auf dem klassischen, linearen Fernsehweg angesehen werden. Aus der viel beschworenen Generation Netflix ist also längst ein Mehr-Generationen-Projekt geworden. Sarah Schierack

Es muss nicht immer Serie sein: Netflix-Film "The Prom".
Bild: Netflix

Die Konkurrenz

Mit Netflix verhielt es sich einst wie mit Tempo und den Papiertaschentüchern: Die Marke wurde zum Synonym. Auf diese Gleichsetzung kann der Streaming-Dienst nicht mehr zählen. Amazon Prime, Apple TV, Disney+, HBO Max, Sky Ticket, Hulu haben längst ihren Platz neben dem Streaming-Pionier gefunden. Dies vor allem, seit die großen Hollywood-Studios mit ins Streaming- und Video-On-Demand-Geschäft eingestiegen sind, um ihre Blockbuster auch in Zeiten geschlossener Kinos an den Mann zu bringen. Außerdem gibt es im großen Streaming-Schrank auch noch die kleinen Nischen, in denen sich die Spezialinteressierten umschauen: bei Crunchyroll etwa sind es die Fans von Mangas, Animes und asiatischen Serien und Filmen, bei Pantaflix finden Cineasten europäische Filme abseits der großen Hollywoodproduktionen. Der Zuschauer hat also die Wahl, aber auch die Kosten. Denn wenn man bei Netflix das eine findet, bei Disney+ das andere und auf die Mangas von Crunchyroll auch nicht verzichten möchte, dann läppert sich was zusammen im monatlichen Fernsehbudget. Apropos Gebühren: Auch die Öffentlich-Rechtlichen haben den Trend des Schauens wo und wann man möchte nicht verschlafen und haben ihre Mediatheken gut bestückt. Birgit Müller-Bardorff

Die Kritik

„Netflix-Sucht“ – fast 3 Millionen Treffer bei Google. Beim englischen Pendant sind es fast 40 Millionen. Der Streamingdienst hat das Medienkonsumverhalten vieler Menschen verändert und auch deren Leben. Denn manch einer legt angesichts der schier unbegrenzten und rund um die Uhr verfügbaren Angebotsvielfalt ein Suchtverhalten an den Tag beziehungsweise in die Nacht. Sogar Kinder sind betroffen: Laut einer Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen sind bereits 40 Prozent der Grundschulkinder „Heavy Binge Watchers“ – 17 Prozent von ihnen auf Netflix. „Streaming verbrennt Lebenszeit“, eine weit verbreitete Erkenntnis – auch unter Netflixnutzern. Die monieren inzwischen häufiger, dass sie angesichts der Masse an Neuerscheinungen unter Sehstress geraten und auch die Qualität der Serien nachlasse. Zudem stehen immer wieder Inhalte in der Kritik, weil sie Pädophile anlockten. Immer wieder ist auch von der Datenkrake Netflix die Rede: Wer streamt, der konsumiert nicht einfach nur, sondern gibt Auskunft über seine Sehgewohnheiten. Wann er schaut, was er schaut, wo und wie lange er schaut, wann er pausiert, zurückspult oder aussteigt – das alles wird gesammelt und ausgewertet. Nur zur Programmoptimierung, heißt es. Lea Thies

Welche Serien und Filme schauen? Zum Beispiel die hier:

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