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Penzing

15.01.2021

Als die Amerikaner in Penzing das Sagen hatten

Alwin Reiters Vater Emil (rechts) erlebte den Fliegerhorst noch unter den Amerikanern. Er fuhr dort die großen Lkw und gewann bei einem der Geschicklichkeitsrennen, die die Amerikaner auch mit den Zivilisten durchführten, einen Preis.
Foto: Alwin Reiter

Plus Derzeit ist im Fliegerhorst Penzing das Corona-Impfzentrum untergebracht. LT-Mitarbeiter Alwin Reiter erinnert aus seiner persönlichen Sicht an die Anfangszeiten.

Derzeit wird darüber verhandelt, wie das Gelände des Fliegerhorsts Penzing künftig genutzt wird. Damit wird ein weiteres Kapitel in der Geschichte dieser historischen Einrichtung aufgeschlagen. LT-Mitarbeiter Alwin Reiter hat auf die Anfänge nach dem Zweiten Weltkrieg zurückgeblickt – und das aus einer sehr persönlichen Sicht.

Was wird aus dem Fliegerhorst Penzing? Diese Frage beschäftigt Alwin Reiter sehr – schließlich verbinden ihn mit dem Gelände und dem Geschehen dort viele ganz persönliche Erinnerungen: Nicht nur sein Vater war dort beschäftigt, auch er hat seinen Wehrdienst in Penzing verbracht. Und nicht nur deshalb hat er in der Geschichte des militärischen Stützpunkts gegraben.

1945 war der Fliegerhorst ein großer Schrottplatz

„Als die Amerikaner 1945 den Fliegerhorst übernahmen, war er ein einziger großer Schrottplatz.“ Das weiß Reiter aus der Literatur – und von den Erzählungen seines Vaters, der zwar erst später, aber noch unter den Amerikanern dort gearbeitet hatte. „Alle zweimotorigen Flugzeuge dort wurden verschrottet, da dies billiger war, als wenn sie erst nach Amerika zurückgeflogen worden wären“, sagt Reiter. Schließlich waren diese Maschinen ausschließlich für den Krieg gebaut worden.

„Bei allen abgestellten Flugzeugen wurde das Bugfahrwerk abgesprengt, wodurch die Maschinen fluguntauglich wurden“, hat Reiter herausgefunden. Derzeit laufen ja Untersuchungen auf dem Gelände, da von einer Verseuchung durch Enteisungsmittel ausgegangen wird, „aber ich möchte nicht wissen, was alles in den Boden gelangt, wenn man ein Bugfahrwerk von einem Flugzeug sprengt“, sagt Reiter.

Für eine Glocke in St. Ottilien wurden Flugzeugteile verwendet

Das war die eine Seite, aber da gab es noch eine andere: Vieles von den Flugzeugen wurde wiederverwertet. „Auch die Benediktusglocke vom Kloster St. Ottilien wurde aus dem Material Euphon, das ist Messing mit geringem Zusatz von Silikaten, gegossen. Aber da nach dem Krieg Messing rar war, machten sich Mönche auf den Weg nach Penzing“, erzählt Alwin Reiter. Die Mönche erhielten das Messing und 1947 erklang die Glocke zum 1400. Todestag des heiligen Benedikt wieder. „Und sie hat einen sehr schönen, tiefen Klang“, sagt Reiter, der sie von seinem Zuhause aus regelmäßig hört.

Nach dem Eintritt Westdeutschlands in die NATO im Jahre 1955 strebten die Amerikaner eine schnelle Aufnahme des Flugbetriebs an und bauten mit hohem Druck die Landebahn wieder auf: Am 4. Februar 1956 fand unter der Führung der amerikanischen Instruktoren der erste Flug eines deutschen Piloten statt, erzählt Alwin Reiter.

Doch schon zuvor rückte Penzing in den Blickpunkt. Durch seine gute geografische Lage war der Standort auch für den Geheimdienst interessant, deshalb wurden außerhalb der Kaserne Funkmasten aufgestellt, die Funksignale aus dem Osten empfingen. So soll auch der Funkspruch vom Tod Stalins in Moskau in der westlichen Welt zuerst in Penzing entschlüsselt worden sein – und zwar von niemand Geringerem als Johnny Cash. Der damals noch unbekannte Countrysänger war 1951 von Texas nach Penzing verlegt worden: Cash hatte ein sehr gutes Gehör und konnte die Feinheiten wahrnehmen.

Landsberg kommt in Song von Johnny Cash vor

Und in Penzing entstanden auch seine weltbekannten Hits wie „I Walk the Line“ und „Don’t Take Your Guns to Town“. In einer Passage des Songs „I Walk the Line“ heißt es: „From Landsberg to Denver“. Cash spielte mit seiner in Penzing gegründeten Band „Landsberg Barbarians“ in vielen Kneipen und Wirtschaften – auch im Gasthof Frank in Penzing. Im Juni 1954 ging Cash wieder zurück in die USA.

Die verbliebenen amerikanischen Besatzungssoldaten bauten den Flugplatz weiter aus, um deutsche Piloten für die Neugründung der Bundeswehr dort auszubilden. Für die Penzinger Bürger war dies eine harte Zeit, aber auch eine gute, da man als Zivilangestellter auf dem Flugplatz benötigt wurde. „In der Zeit der Besatzung des Fliegerhorsts durch die Amerikaner und den wieder aufgenommenen Flugverkehr hat auch mein Vater Emil 1955 eine Arbeit gefunden“, erzählt Alwin Reiter. Er war zwar in Fürstenfeldbruck angestellt, kam aber auch sehr oft nach Landsberg und Penzing.

Und die Amerikaner waren gute Arbeitgeber gewesen: Sie veranstalteten mit ihren Lkw zusammen mit den zivilen Kraftfahrern Geschicklichkeitsrennen in Kiesgruben, dafür gab es Urkunden und imposante Pokale. „Auch gegen zivile Abstecher mit den schweren amerikanischen Lastkraftwagen hatten die Besatzer nichts, so konnte mein Vater mit einem Lkw seinen Bruder im Elternhaus bei Berg im Gau besuchen“, erzählt Alwin Reiter.

Amerikaner zogen sich aus der Region Landsberg zurück

Nachdem die Amerikaner 1958 Landsberg und andere Standorte der Bundeswehr übergeben hatten, zogen sie sich zurück. Die Zivildienstleistenden wurden von der neu gegründeten Bundeswehr übernommen – so auch Emil Reiter, der bis zu seiner Rente für die Bundeswehr tätig war. Und in Penzing war es auch, wo Alwin Reiter 1978 seinen Wehrdienst ableistete und die frühere Wirkungsstätte seines Vaters kennenlernte.

Die erfolgreiche Geschichte des Penzinger Fliegerhorsts nach 1945 ging im Herbst 2018 mit der Auflösung des LTG 61 zu Ende. Jetzt sucht man eine Lösung für die Nachbenutzung – und noch ist nicht klar, wohin der Weg führen wird. Momentan aber steht der Fliegerhorst wieder im Brennpunkt: Dort ist das Corona-Impfzentrum des Landkreises untergebracht.

Literatur Wer mehr über den Fliegerhorst erfahren möchte, findet Infos im Heimatkundlichen Jahrbuch Lech-Isar-Land 2021 sowie im Buch „ Die Silberne Gams“. Über Johnny Cash kann man im Buch „Don´t take your guns to Town“ nachlesen.

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