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Migranten

23.09.2014

Alle reden aneinander vorbei

Jardel Hüseyin Coskun ist Mindelheimer und Türke. Die Entwicklung in der Türkei unter Präsident Recep Tayyin Erdogan begrüßt er.
Bild: Coskun

Politisieren gehört in der türkischen Gemeinde in Mindelheim dazu, aber wirklich diskutiert wird kaum

Jardel Hüseyin Coskun war noch ein Kleinkind von zwei Jahren, als er mit seinen Eltern nach Mindelheim kam. Sein Vater hatte Arbeit bei einer Baufirma gefunden, die Mutter in einer Bäckerei. Jardel Hüseyin Coskun ist hier aufgewachsen, hat die Mittelschule erfolgreich absolviert und arbeitet heute bei der Firma Tricor in Bad Wörishofen. Dazwischen war er zwei Jahre in der Türkei, um sein Abitur abzulegen.

In dieser Zeit hat er miterlebt, wie sehr sich die Türkei unter der Regierungspartei AKP wirtschaftlich entwickelt hat. Coskun ist Anhänger von Staatschef Recep Tayyip Erdogan und findet, dass diesem in der öffentlichen Wahrnehmung vielfach unrecht getan werde.

Als die MZ vor ein paar Tagen berichtete, durch die türkische Gemeinde in Mindelheim gehe ein tiefer Riss zwischen Erdogan-Anhängern und Kritikern, setzte sich Coskun mit der Redaktion in Verbindung. Er bestätigt die oft angespannte Stimmung unter den türkischen Mitbürgern. Heute werde viel mehr politisiert als noch vor ein paar Jahren. Wirklich diskutiert werde aber meist nicht, bedauert er. „Jeder hat seine eigene Meinung über die türkische Innenpolitik“.

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Gründungsmitglied des Vereins Türkiyemspor

Vor zehn Jahren war Jardel Hüseyin Coskun maßgeblich dabei, als Türkiyemspor Mindelheim gegründet wurde. In der Bahnhofstraße hat der Fußballverein sein Vereinslokal. Während es früher um Galatasaray Istanbul und dessen Chancen in der Champions League und natürlich um Türkiyemspor und dessen Möglichkeiten in der Kreisklasse ging, dreht sich heute vieles um Politik.

Das tut dem Miteinander nicht gut. Mit manchen sei die Freundschaft zerbrochen, so unversöhnlich prallen die Gegensätze aufeinander. Jardel Hüseyin hat auch schon Facebook-Freundschaften aufgekündigt. Mit anderen, die ihm weiterhin wichtig sind, redet er einfach nicht mehr über Politik.

Er findet, vor der Regierungszeit von Erdogan seien Gläubige in der Türkei diskriminiert worden. Sein Cousin war als Soldat auf einem Flugzeugträger stationiert. Bei einer offiziellen Feier durfte dessen Mutter nicht teilnehmen, weil sie ein Kopftuch trägt. „Das gibt es unter Erdogan nicht mehr“.

Die Stadt Osmaniye im Süden des Landes sei vor ein paar Jahren noch „wie Apfeltrach“ gewesen. Nichts habe es dort gegeben. Heute sei die halbe Millionen-Stadt „wie Paris“. Schöne Häuser, gute Straßen – alles unter Erdogan geschaffen. Kredite hätten früher oft mehr als 50 Prozent Zinsen gekostet. Jetzt seien es fünf, sechs Prozent. Damit war ein Aufschwung möglich. Rentner dürften kostenlos Bus fahren, Behinderte bekämen erstmals Rente. Und das Verkehrschaos in Istanbul versuche die Regierung mit einer dritten Brücke über den Bosporus zu lindern. „Ich weiß nicht, was daran schlecht sein soll“, sagt Coskun.

Vor allem ist es der wirtschaftliche Aufschwung, der Coskun an Erdogan überzeugt hat. Längst werde in der Türkei mehr als Obst produziert. Jeans oder Fußballtrikots würden in der Türkei gefertigt.

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