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07.10.2020

Blasmusik in der Krise: Musikbund fordert Abschaffung einer Abstandsregel

Das Coronavirus hat Bayerns Blasmusikkultur in eine tiefe Krise gestoßen. Zwei Meter Abstand müssen Blasmusiker einhalten – große Ensembles finden da nur schwer genug Raum für ihre Probenarbeit.

Plus Wie Corona Blasmusikvereine im Kreis Neu-Ulm betrifft - und warum der Allgäu-Schwäbische Musikbund große Schäden durch Corona-Abstandsregeln befürchtet.

Eine Generalpause ist in der Musik ein Moment der absoluten Stille. Kein Ton. Alle Instrumente und Stimmen schweigen. Die große Corona-Generalpause brach im März 2020 über die bayerische Blasmusik-Szene herein: Spielen, proben, Konzerte geben, all das verbot die Staatsregierung – bis Juni. Dann durften Vereine, vom Fanfarenzug bis zum Sinfonischen Blasorchester, wieder ihre Arbeit aufnehmen, mit Vorsicht und unter klaren Corona-Sicherheitsvorgaben. Doch seit diesem Hoffnungsmoment trübt sich die Stimmung wieder – das hat Joachim Graf so beobachtet.

Blasmusikvereine im Landkreis Neu-Ulm leiden unter Corona-Regeln

Die anfängliche Euphorie der Musiker sei verpufft, sagt der Geschäftsführer des Allgäu-Schwäbischen Musikbunds (ASM). „Die Lage ist desolat. Die Motivation liegt am Boden, vor allem bei Vereinsvorsitzenden und Dirigenten.“ Er spricht von „absoluter Perspektivlosigkeit“: Niemand wisse, wie lange die Musiker mit Einschränkungen leben müssen und wie derSpielbetrieb so überleben kann. Zwei Meter Abstand müssen Blasmusiker einhalten, um Infektionen über Aerosole in der Luft zu vermeiden. Dagegen lehnt sich der ASM jetzt auf.

Im Sommer machte die Not erfinderisch: Viele Kapellen verlegten ihre Proben ins Freie, mit Abstand und Frischluft, der Musikverein Burlafingen spielte an jedem Donnerstag beim Biergarten am Sportplatz. Greifbare Ziele fehlten zwar, die Aussicht auf das nächste Konzert war ungewiss – doch die totale Reg- und Ratlosigkeit schien beendet. In den kälteren Jahreszeiten trifft die Musiker jetzt das Abstands- und Platzproblem: Der Herbst ist die Zeit, in der Blasmusikvereine traditionell die Vorbereitungsphase für ihre Jahreskonzerte starten. Graf berichtet, dass sein Musikverein Biberach ( Roggenburg) jetzt in der großen Halle des Sportvereins probt. „Manche Kommunen schaffen auch Raum und stellen Gemeindehallen zur Verfügung.“ Solche geräumigen Probenorte hätten viele Dorfvereine im ASM-Bezirk Neu-Ulm aber nicht.

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In Bayern müssen Blasmusiker zwei Meter Abstand halten

Seit Juli hat die bayerische Regierung die Regeln nur wenig verändert: 200 Zuschauer sind bei Konzerten in geschlossenen Räumen erlaubt, 400 unter freiem Himmel. „Und diese Grenzen gelten unabhängig von der Größe des Saales“, erklärt Graf. Er sieht darin einen Widerspruch. Doch die größte Hürde liege für die Musiker im Mindestabstand von zwei Metern.

Der Musikbund führt aktuell Gespräche mit Florian Herrmann, dem Leiter der Staatskanzlei. Graf berichtet, dass Herrmann um Geduld bitte: Die Politik müsse sich an der Wissenschaft orientieren und mögliche Gefahren überprüfen. Die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität leitet deshalb gerade eine Studie, die Aerosol-Ausstöße in Räumen misst – unter Blasmusikbeschallung. Die Studie soll nach langen Monaten Klarheit schaffen, wie hoch das Infektionsrisiko tatsächlich ist. Parallel dazu läuft ein Pilotprojekt am Münchner Nationaltheater, mit 500 Zuschauer in einem Raum. Sobald die Ergebnisse dieser Forschung vorliegen, soll nach dem Wunsch des ASM ein Krisengremium über Lösungen beraten; mit Vertretern der Ministerien für Wissenschaft und für Gesundheit, der Blasmusikverbände und des Musikrats. „Chöre sind ebenfalls stark betroffen“, sagt Graf.

ASM-Präsident Franz Josef Pschierer äußert sich zur Coronakrise

In der Blasmusikkrise meldet sich auch Franz Josef Pschierer zu Wort, ASM-Präsident und Ex-Wirtschaftsminister. Nach einem Treffen mit Florian Herrmann hat er einen Lagebericht mit Forderungen verfasst. Darin begrüßt Pschierer die staatlichen Coronahilfen für die Laienmusik. Aber er schreibt auch: „Der Mindestabstand von zwei Metern lässt keinen geordneten Probebetrieb unserer Mitgliedsvereine zu.“ Statt Abstand empfiehlt der ASM andere Maßnahmen; ständiges Lüften, Temperaturmessungen, Ausschluss von Musikern aus Risikogebieten.

Vor allem für Regionen mit geringen Infektionszahlen wünscht sich Joachim Graf Erleichterung. Er schlägt ein Ampel- oder Stufenwarnsystem vor, um Sicherheit zu schaffen: Überschreite ein Landkreis den Inzidenzwert für Coronafälle, könne man auf Rot schalten und in diesem Gebiet den Musikbetrieb stoppen.

Allgäu-Schwäbischer Musikbund befürchtet Mitgliederverluste wegen Corona

Das Verständnis für die Musiker-Abstandsregel schwinde allmählich, sagt Graf, „und man schielt hier ein bisschen neidvoll nach Österreich“. Das Nachbarland zählt 140000 Bläser – und verordnet nur einen Meter Abstand. Gab es deshalb neue Infektionsherde? Bislang anscheinend nicht. Außerdem rolle auf den Sportplätzen in Schwaben auch wieder der Fußball, sagt Graf, mit Vollkontakt.

Der ASM zählte zuletzt rund 40000 Musiker und 800 Ensembles. Aber Graf befürchtet, dass vor allem „ältere Semester“, also lang aktive Musiker, jetzt ihr Instrument aufgeben. Auch Jugendliche könnten den Ehrgeiz und das Interesse verlieren, wenn ein Alltag mit Musik nicht möglich ist. Ganz aktuelle Statistiken liegen dem ASM nicht vor, aber im April 2021 wird er wieder seine Mitglieder zählen. Graf rechnet mit Verlusten. „Davon bin ich überzeugt.“

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