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Geschichte

21.09.2011

Die Festung und der kleine Franzose

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Lange bevor man in Neu-Ulm von einer größeren Ansiedlung sprechen konnte, fand am 18. Oktober 1844 die Grundsteinlegung für die „Bundesfestung Ulm rechten Ufers“ statt.
Bild: Repro: Stadtarchiv Ulm

Warum der ehemalige französische Ministerpräsident Adolphe Thiers vor genau 170 Jahren in Ulm war und was das mit der Bundesfestung zu tun hat

Ulm im September vor 170 Jahren. Der französische „Verursacher“ der Bundesfestung war inkognito in der Donaustadt. Wir schreiben den 15. September 1841. Europa ist in stetiger Unruhe. Mitten in der Nacht um drei Uhr nähert sich von Norden kommend eine Postkutsche und holpert die Frauensteige herunter in Richtung Ulm. In der Stadt steigt unerkannt reisend jener kleine Mann aus der Kutsche, der beinahe einen verheerenden Krieg über Deutschland gebracht hätte – Adolphe Thiers. Der französische Ministerpräsident a. D. logiert unerkannt in einem der ersten Hotels der Stadt, dem „Goldenen Hirsch“. Um die Gründe dafür zu erkunden, ist ein Ausflug in die Tiefen der Geschichte notwendig.

Zwischen dem Ende der napoleonischen Kriege 1815 und dem Ausbruch des I. Weltkrieges 1914 gab es in Europa keinen großen Krieg. In den Jahren 1839/40 hätte sich dies um ein Haar geändert:

Während der sogenannten „Orientkrise“ versuchte der amtierende französische Ministerpräsident Adolphe Thiers Frankreich erneut zur Großmacht zu machen. Bereits 1830 war Algerien unter französische Herrschaft geraten, 1839 sagte Thiers dem ägyptischen Pascha Muhammad Ali Pascha militärische Unterstützung bei dessen geplanter Eroberung Konstantinopels zu. Der auf diese Weise bedrängte osmanische Sultan Mahmud II. richtete daraufhin ein Hilfegesuch an die europäischen Großmächte.

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Um das Kräftegleichgewicht zu erhalten, stellten sich diese in seltener Einigkeit an die Seite des Osmanischen Reiches und unterzeichneten im Juli 1840 in London den gegen den ägyptischen Sultan und Frankreich gerichteten Viermächtevertrag. Unter diesem diplomatischen Druck sah sich die Grande Nation gezwungen, ihr ehrgeiziges Engagement in Ägypten aufzugeben. Die innenpolitische Wirkung in Frankreich war ungeheuer, man fühlte sich übergangen, gedemütigt und es war von einem „diplomatischen Waterloo“ die Rede.

Um sich in dieser äußerst heiklen Situation halten zu können, lenkte die Regierung Thiers die Aufmerksamkeit auf ein anderes außenpolitisches Thema: das Rheinland.

Die Orientkrise ging nahtlos in die Rheinkrise über. Unverhohlen forderte der kriegslüsterne Präsident die Abtretung der fast 32000 Quadratkilometer umfassenden, linksrheinischen Gebiete an Frankreich und rasselte mächtig mit dem Säbel. Paris wurde befestigt, Truppen wurden in Richtung Grenze verlegt und die französische Presse drohte dem Deutschen Bund ganz offiziell monatelang mit Krieg.

In ganz Deutschland, das zu diesem Zeitpunkt aus fast 40 verschiedenen Staaten bestand, brach daraufhin ein wahrer Sturm der Entrüstung und frankreichfeindlicher Ressentiments aus. Heinrich Heine brachte dies sehr gut auf den Punkt, als er sagte, dass, „Thiers unser Vaterland in die große Bewegung hineintrommelte, welche das politische Leben in Deutschland weckte; Thiers brachte uns wieder als Volk auf die Beine“.

Die missbrauchte erste Strophe des Deutschlandlieds

Aus der Feder von Nikolaus Becker floss das mehr als siebzig Mal vertonte Gedicht „Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein“, Max Schneckenburger schrieb die „Wacht am Rhein“ und Heinrich Hoffmann von Fallersleben dichtete auf dem zu diesem Zeitpunkt englischen Helgoland im August 1841 den Text zur späteren Deutschen Nationalhymne. Die heute geächtete und von den Nationalsozialisten missbrauchte erste Strophe mit der Textzeile: „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt, wenn es stets zum Schutz und Trutze brüderlich zusammenhält“, war im Ursprung von seinem Dichter klar motiviert als Appell an die Deutschen zur Einigkeit gegen die aggressiven Annexionspläne des Nachbarn.

Zum Glück war dies aber gar nicht notwendig. In realistischer Selbsteinschätzung der eigenen Kräfte wollte der französische König Louis-Philippe keinen europäischen Krieg und setzte die Regierung Thiers im Oktober 1840 kurzerhand vor die Tür. Das neue französische Kabinett stimmte umgehend einen versöhnlichen Ton in Richtung Deutschland an, womit die Kriegsgefahr gebannt war.

Der unsanft entlassene Ministerpräsident aber hatte nun viel Zeit und nutzte diese, da er nun schon selbst keinen Krieg führen konnte, zu einer ausgedehnten Reise nach Süddeutschland und Österreich, um dort vor Ort ein monumentales, zehnbändiges Werk über Napoleon zu recherchieren. Und er machte am 15. September 1841 Station in Ulm. Er logierte unerkannt in einem der ersten Hotels der Stadt, dem „Goldenen Hirsch“. Das Gebäude befand sich in der Hirschstraße 13 und wurde im II. Weltkrieg zerstört.

Am kommenden Tag ließ er sich von einem Lohnkutscher zu den Orten fahren, an denen sein großes Vorbild Napoleon nur 36 Jahre zuvor so ungeheure Siege für Frankreich errungen hatte. Zunächst ließ er sich auf den Michelsberg kutschieren, wo er den (zu Beginn des 20. Jahrhunderts abgetragenen) „Napoleonfelsen“ besichtigte. Anschließend ging es weiter zu den Höfen von Haslach, wo am 11. Oktober 1805 ein blutiges Gefecht zwischen Österreichern und Franzosen getobt und Napoleon selbst am 15. Oktober in einem Bauernhaus schlafend am Ofen gesessen hatte.

Von hier aus ging die Fahrt weiter zum Schauplatz der berühmten Schlacht von Elchingen, „wo er“, so die Schultes-Chronik, „länger verweilte und die Orte, die man von der alten, hoch gelegenen Benediktiner-Abtei (die zu diesem Zeitpunkt bereits abgerissen war) sieht, sich nennen ließ“. Anschließend fuhr Thiers über Pfuhl zurück nach Ulm und besuchte vor seiner Abreise das Münster. Erst beim Einschreiben in die Posttabelle erfuhr man seinen Namen.

Weiter auf den Spuren Napoleons Richtung Augsburg

Das politische Wirken des kleinen Mannes aber, der nun in der Kutsche weiter auf den Spuren Napoleons in Richtung Augsburg entschwand, sollte weitreichende Folgen für die zukünftige, städtebauliche Entwicklung Ulms haben. Unter dem unmittelbaren Eindruck der von ihm ausgelösten Rheinkrise beschloss die Bundesversammlung des Deutschen Bundes in Frankfurt am 26. März 1841 den (seit 1815 in der Planungsschublade ruhenden) Bau der Festungen Ulm und Rastatt.

Der erste Spatenstich des Großprojektes erfolgte am 18. Oktober 1842 auf dem Michelsberg und es war dies keineswegs ein zufällig gewähltes Datum – es handelte sich um den 29. Jahrestag des symbolträchtigen Sieges über Napoleon in der Völkerschlacht von Leipzig.

Bei der Grundsteinlegung der mächtig konzeptionierten Festung zwei Jahre später wurde das ehrwürdige Wort ausgesprochen: „Es möge die Festung Ulm eine Jungfrau bleiben in Zeit und Ewigkeit.“ Tatsächlich sollte dieser fromme Wunsch in Erfüllung gehen. Abgesehen von militärisch vollkommen unbedeutenden Scharmützeln am Ende des II. Weltkrieges wurde die 1859 fertiggestellte Bundesfestung nie wieder Schauplatz eines blutigen Aufeinanderprallens von Kriegsarmeen.

Info: Am 25. September findet die Sonderführung „Zeitreise auf den Spuren Napoleons in Ulm“ statt. Die Führung wird begleitet von einem französischen Gardechasseur in Uniform, Bärenfellmütze und Gewehr. Treffpunkt der Führung ist um 15 Uhr vor dem Stadthaus.

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