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Laichingen bei Ulm

07.10.2016

Mörder seit fünf Jahren gesucht - Wer erschoss den Blumenhändler?

Ein Bild vom Tatort vor fünf Jahren: Die Polizei auf Spurensuche zwischen Blumenregalen.
Bild: Sven Kauffelt (Archiv)

Vor fünf Jahren wurde in Laichingen bei Ulm ein Geschäftsmann erschossen - sein Mörder nie gefunden. Es gibt Parallelen zum Terror des NSU.

Der Mörder lauerte dem Blumenhändler in den frühen Morgenstunden auf dem Heimweg auf. Gerade hatte der 44-jährige Geschäftsmann aus Laichingen mit vier Helfern noch einen Wagen mit Blumen aus Amsterdam ausgeladen. Nach getaner Arbeit wollte er noch ein paar Stunden schlafen. Er ging um die Ecke, dann fielen mehrere Schüsse. Die vier herbeigeeilten Mitarbeiter fanden ihren Chef in seinem Blut. Von seinem Mörder gab es keine Spur.

War es eine Beziehungstat?

Fünf Jahre später ist der Mord an dem türkisch-kurdischen Blumenhändler in Laichingen bei Ulm noch immer nicht geklärt. Das bestätigt Michael Bioschofberger, Sprecher der Staatsanwaltschaft Ulm. Trotz umfangreicher, aufwändiger Ermittlungen, sei es nicht gelungen, herauszufinden, wer die Bluttat am 4. Oktober 2011 gegen 4 Uhr früh begangen hat. „Es gibt derzeit keine offenen Spuren mehr, die noch nicht geprüft sind“, sagt Bischofberger. Auch Hinweise, die in die Türkei und nach Frankreich deuteten, sei nachgegangen worden – letztlich ohne Erfolg. Im Moment müsse das Verfahren, an dem zeitweise mehr als 50 Kriminalbeamte arbeiteten, deshalb als abgeschlossen gelten. Die Sonderkommission „Blume“ ist längst aufgelöst. Alle Erkenntnisse zu der Tat, so Bischofberger, sprächen zwar weiterhin dafür, dass es sich um eine Beziehungstat handelt. Doch obwohl mehr als 600 Personen aus dem Umfeld des Opfers vernommen und über 100 Spuren verfolgt wurden, fehlt laut Bischofberger weiter die heiße Spur. Eine 51-jährige Frau etwa, die wenige Wochen nach dem Mord unter dringendem Tatverdacht festgenommen worden war, kam wieder auf freien Fuß, nachdem weitere Ermittlungen den Verdacht abschwächten.

Wohn- und Geschäftsräume im Alb-Donau-Kreis und im Kreis Neu-Ulm wurden durchsucht, das weitverzweigte berufliche und private Umfeld des Opfers genau durchleuchtet. Doch die Jagd nach dem Täter führte immer wieder in die Sackgasse. Der Getötete hinterließ eine Frau und einen Sohn, von denen er getrennt lebte. Zuletzt lebte er mit einer anderen Frau und vier Kindern im Raum Nersingen. Er unterhielt auch Kontakte ins Ausland, denen die Ermittler nachgingen. Letztlich ohne Ergebnis.

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Andere Waffe als bei den NSU-Taten

Auch dafür, dass der Mord einen ausländerfeindlichen oder politischen Bezug haben könnte, haben die Ermittler keine Hinweise gefunden. Auf den ersten Blick schien die Tat genau in das Muster der Mord-Serie der rechtsextremen Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) zu passen. Das Trio Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hat nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft zehn Menschen erschossen, neun davon waren Geschäftsleute mit Migrationshintergrund. Und die Tochter von Enver Simsek, dem ersten NSU-Mordopfer, berichtete in einem Buch, dass ein „Blumenhändler aus der Nähe von Ulm“ im Gespräch gewesen sei, den Blumenladen ihres Vaters in Nürnberg zu übernehmen. Alles nur Zufall? Doch auch diesen Bezügen sei intensiv nachgegangen worden, so Bischofberger, unter Beteiligung der Bundesanwaltschaft. Ergebnis: In Laichingen wurde eine andere Mordwaffe benutzt, als bei den NSU-Taten. Hochspezialisierte kriminaltechnische Untersuchungen ergaben weder am Tatort in Laichingen noch im langjährigen Unterschlupf von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt Hinweise auf einen Zusammenhang. Zudem fühlte sich der Blumenhändler laut Zeugenaussagen offenbar bereits vor seinem Tod bedroht. Die NSU-Opfer aber waren ausgespäht und ohne Vorwarnung ermordet worden.

Dass Morde ungesühnt bleiben, kommt laut Michael Bischofberger nur äußerst selten vor. Meist könne der Täter schon nach kurzer Zeit ermittelt werden. Doch je mehr Monate und Jahre nach einer Tat ins Land gehen, desto geringer würden die Chancen auf Aufklärung: „Weil Spuren verwittern und die Erinnerung von Zeugen verblasst.“

Neben dem rätselhaften Fall des ermordeten Blumenhändlers aus Laichingen gibt es in der Region Ulm/Alb-Donau laut Staatsanwaltschaft in den vergangenen fünf Jahrzehnten nur zwei weitere ungeklärte Kapitalverbrechen:

Am 4. November 1990 wurde der 28-jährige Musikstudent Rafael Blumenstock auf dem Ulmer Münsterplatz mit 21 Messerstichen ermordet. Trotz jahrelanger, intensiver Ermittlungen wurde der Täter bis heute nicht gefunden.

Ebenso ungeklärt sind die Umstände des Todes einer 28-jährigen Gelegenheitsprostituierten aus Nürnberg, deren verbrannte Leiche im Januar 1970 auf einem Feld bei Jungingen gefunden wurde.

Ganz aufgegeben hat Michael Bischofberger die Hoffnung nicht, dass die ungeklärten Morde irgendwann doch noch aufgeklärt und die Täter ihrer gerechten Strafe zugeführt werden können. Es komme immer wieder vor, dass Fälle nach vielen Jahren doch noch gelöst werden. Etwa, wenn wegen anderer Delikte erwischte Verbrecher reinen Tisch machen wollen. So geschehen etwa bei den Gangstern, die 1987 die beiden Kinder des Drogerie-Unternehmers Anton Schlecker entführten. Elf Jahre später wurde die drei Männer nach einem Bankraub geschnappt, danach gestanden sie auch die Entführung.

Auch wenn Beziehungen in die Brüche gehen, komme es mitunter vor, dass eine betrogene Ehefrau über die „Leichen im Keller“ des Mannes auspackt. Zudem biete auch der rasante Fortschritt der Kriminaltechnik immer wieder neue Ansätze, um auch winzigste Spuren auszuwerten, so Bischofberger: „Sobald sich irgendwo irgendein neuer Hinweis auftut, beginnen die Ermittlungen von neuem. Denn Mord verjährt kanntlich nie.“

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