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Neu-Ulm

13.07.2020

Polizisten im Landkreis Neu-Ulm: „Die Gewalt erreicht ein neues Niveau“

Wolfgang Wagner und Miriam Thönnißen, die an ihrer linken Schulter die gut sichtbare, gelbe Bodycam trägt, arbeiten gerne als Polizisten. Doch der Job ist schwerer geworden, sagen sie.
Bild: Andreas Brücken

Plus Die Anzahl der Angriffe auf Polizisten hat in der Region zwar abgenommen, doch die Menschen werden offenbar maßloser. Zwei Beamte der Neu-Ulmer Polizei erzählen aus ihrem Alltag – und loben die neue Bodycam.

Die Polizei, dein Freund und Helfer – und mittlerweile auch oft Gegner. Und zwar einer, dem manche mit Respektlosigkeit und Gewalt entgegentreten. In letzter Zeit gab es immer öfter auch Fälle in der Region, bei denen Polizisten beleidigt, mit Steinen beworfen oder angespuckt wurden. Im Jahr 2019 wurden 601 Fälle verbaler oder körperlicher Gewalt gegen Polizeibeamte im Gebiet des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West registriert. Damit ist die Anzahl der Angriffe auf Polizisten im vergangenen Jahr zwar um 35 Fälle leicht zurückgegangen, die Qualität der Taten nahm aber laut Polizeipräsidium deutlich zu. Das merken auch Wolfgang Wagner und Miriam Thönnißen von der Polizeiinspektion Neu-Ulm, die von ihrem Alltag im Einsatz auf der Straße erzählen. Sie sagen: „Die Gewalt erreicht ein neues Niveau.“

Kürzlich etwa lag ein Mann in Neu-Ulm betrunken auf einer Straße, als eine Streife vorbeikam. Die Beamten wollten den Mann mitnehmen, bevor er ausgeraubt wird oder gar Schlimmeres passiert. „Man kann ihn ja nicht einfach dort liegen lassen“, sagen die beiden und Wagner erzählt von einem Fall, als er frisch bei der Polizei war: Ein Mensch wurde überfahren, weil er betrunken nachts auf einer Straße lag. „So etwas will ich nie wieder erleben, das ist einfach schrecklich.“

Wer Polizist werde, wolle schließlich helfen. Der Betrunkene in Neu-Ulm wollte sich aber nicht helfen lassen, vielmehr wehrte er sich immens. Einem Kollegen trat der Mann mit voller Wucht in den Bauch. Doch fast genauso schlimm seien pöbelnde Passanten gewesen, sagen die beiden Polizisten. Derartige Situationen seien für Polizisten schwer, weil sie nie wüssten, was von außen komme – sowohl körperlich als auch mental, etwa in Form von Rufen. In einer solchen Situation seien sie froh über die neu eingeführte Bodycam.

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Polizisten in Neu-Ulm sind von der Bodycam überzeugt

„Wir sind völlig überzeugt von der Bodycam, das ist eine der besten Investitionen der vergangenen Jahre gewesen“, sagt Thönnißen. Die Polizistin erklärt, wie das Gerät funktioniert: Im Einsatz können die Beamten das gelbe, gut sichtbare Gerät tragen – müssen aber nicht. In einer heiklen Situation drohe der Beamte zunächst an, die Kamera einzuschalten, wenn das Gegenüber sich nicht beruhigt. Dann sagt man zu Beginn der Aufzeichnung noch mal, dass ab sofort gefilmt wird. „Wenn jemand nicht völlig berauscht ist, wird die Bodycam schon wahrgenommen“, sagt Thönnißen.

Das Entscheidende: Das Video zeige die Wirklichkeit – ungefiltert, ohne Schnitte. Es komme nicht selten vor, dass Videos im Netz landen, die vorher so geschnitten werden, dass man nur die Reaktionen der Polizisten, aber nie die vorherigen Anfeindungen sieht, sagt Wagner. Das Bodycam-Video liefere also Sicherheit für die Polizisten, etwa wenn ein Fall vor Gericht geht. Aber auch für die Allgemeinheit. Einige Leute seien misstrauisch und hinterfragten den hohen Prozentsatz an Verfahrenseinstellungen, wenn vor Gericht ein Polizist angeklagt ist. Doch so ein Fall werde vor Gericht genauso behandelt wie jeder andere. „Wir sind keine verschworene Gemeinschaft, das wäre fehl am Platz“, sagt Wagner. Mithilfe der Bodycam, dem „neutralen Zeugen“, könne vor Gericht besser nachvollzogen werden, was passiert ist.

Wagner und Thönnißen betonen aber auch: Gewalt gegen Polizisten komme nicht aus der breiten Bevölkerung, sondern aus einzelnen Gruppen. Es sei ein kleiner Prozentsatz, doch gefühlt werde es mehr. „Das Klientel, das sich samstagnachts um vier Uhr rumtreibt, spiegelt natürlich nicht die Masse wieder.“ Aber im Kopf bleiben eben trotzdem die Leute, die pöbeln und zuschlagen. Ein solches Verhalten bedrücke die Polizei intern. „Wir sind auch nur normale Bürger in Uniform, klar geht uns so was nahe“, sagt Wagner. Man wolle helfen und werde im Gegenzug bespuckt.

Rund 1500 Polizisten wurden in der Region angegriffen

Von den rund 600 Angriffen, die meist nachts und am Wochenende passieren, waren 1475 Polizisten betroffen. 205 von ihnen wurden verletzt, drei davon schwer. Die Taten ereigneten sich vor allem bei freiheitsentziehenden Maßnahmen (223 Fälle) und Identitätsfeststellungen oder Nachfragen zum Sachverhalt (162 Fälle). Polizeipräsident Werner Strößner hofft, „dass die seit November 2019 in unserem Präsidium flächendeckend eingesetzte Bodycam zu einem Rückgang der Angriffe führt“.

Einen Grund für die steigende Gewalt gegenüber Polizisten sehen die Neu-Ulmer Beamten in den Vorfällen von Polizeigewalt in den USA, „das schwappt zu uns rüber und wird eins zu eins umgemünzt“. Dabei könne man die Polizei in den USA nicht mit der in Deutschland vergleichen, die Struktur und die internen Kontrollen seien anders. Der Unterschied beginne schon mit der Ausbildung, die in Deutschland einige Jahre dauere. Zudem herrschten in den USA andere Voraussetzungen, alleine, dass man als Polizist immer mit einer Waffe des Gegenübers rechnen müsse. „Diesen Waffenkult gibt es bei uns zum Glück nicht, zudem ist die allgemeine Gewaltbereitschaft nicht so hoch und hier herrscht gewisse soziale Kontrolle“, sagt Wagner. Doch ohne funktionierende rechtsstaatliche Polizei gehe es nicht – „wo stünde da ein Land wie Deutschland demokratisch, aber auch wirtschaftlich?“, fragt Thomas Merk, stellvertretender Leiter der Inspektion Neu-Ulm. Die Polizei kontrolliere verschiedene Bereiche – und sie werde auch selbst bei Bedarf etwa durch das Landeskriminalamt überprüft, um Machtmissbrauch zu verhindern.

Polizei: Eine Ursache liegt in den sozialen Medien

Die Hauptursache sieht Merk jedoch in den sozialen Medien. Dort sei der Austausch einfach leicht, weil sich zu jeder Denkweise jemand mit derselben Ansicht findet. Oder: „Da findet jeder eine Heimat.“ Zudem suggeriere es dem Einzelnen Sicherheit, eine Gemeinschaft im Netz hinter sich zu wissen – das wiederum spiegle sich vermehrt auch im wahren Alltag auf den Straßen. Problematisch sei dort nicht mal nur die körperliche Gewalt, sondern der fehlende Respekt gegenüber anderen – egal ob bei Polizei, Feuerwehr oder der Lehrerin. „Es ist eigentlich ein gesellschaftliches Problem, das daheim beginnt und dann weitergeht“, sagt Merk. Er frage sich durchaus „Was kommt da in Zukunft noch auf uns zu?“, sagt Merk.

Doch obwohl der Job in dieser Hinsicht schwerer geworden ist, sind Miriam Thönnißen und Wolfgang Wagner „mit Leib und Seele Polizisten“.

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