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Landwirtschaft

11.08.2017

Im Kreis soll weniger gedüngt werden

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Pflanzen nehmen das Nitrat aus der Gülle auf – aber eben nicht alles. In Regionen, in denen eine Nitrat-Belastung von über 50 Milligramm je Liter gemessen wird, gilt der Grundwasserzustand als schlecht.
Bild: Mathias Wild

In der Region gibt es Modellhöfe zur Gülle-Reduzierung. Gerade im Ries ist der Nitratwert höher.

Karten sollte man lesen können, bevor sie falsch gedeutet werden. In Sachen Nitratbelastung des Grundwassers könnten die aktuellen Kartierungen des Landesamtes für Umwelt nach Ansicht von Manfred Faber durchaus zu falschen Schlüssen führen. Der Behördenleiter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Nördlingen (AELF) warnt vor Panik wegen der aktuellen Diskussion zur Gülleausbringung – er betont aber auch, dass eine Düngerreduzierung zum Gewässerschutz unerlässlich sei. Vor allem langfristig gesehen.

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Die Farben grün und rot signalisieren auf Karten oft die Extreme: Grün bedeutet „alles bestens“ und rot heißt „Gefahr“. In der jüngst veröffentlichten Skizze des Landesamtes für Umwelt in Augsburg existieren nur diese beiden Farben. Im Kreis Donau-Ries wird demnach der Zustand des Grundwassers in den Gebieten um Mertingen, im Ries und an den Ausläufern des Jura als „schlecht“ bezeichnet.

Faber vom Nördlinger Landwirtschaftsamt sieht diese Darstellung zum Teil aber als irreführend oder zumindest verkürzt an. In der Bevölkerung existiere nun eine Grundangst, dass in den „roten Gebieten“ das Trinkwasser schlecht, beziehungsweise nitratbelastet sei. Dies sei aber keineswegs der Fall. Der Grenzwert zwischen „gut“ und „schlecht“ beim Grundwasser liegt bei einer Nitrat-Belastung von über 50 Milligramm je Liter. Faber erklärt: „Die Messpunkte des Landesamtes für diese Studie liegen meist nur einige Meter unter der Erde – nicht aber weiter unten, wo ja das wertvolle Trinkwasser gespeichert ist.“ Über die Erdschichten werde das Wasser konstant gefiltert – die Wasserversorger müssten zudem ständig den Nitratgehalt messen. Der liege hier in der Region, so Faber zwischen 10 und 28 Milligramm pro Liter, mancherorts deutlich darunter. Überdies werde der negativste Wert an den Messstellen für die Statistik herangezogen. Insofern verzerre die Darstellung als auch die mediale Interpretation der Nitratwerte das realistische Gesamtbild.

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Landwirt Richard Binger aus Mertingen kann die schlechten Werte für das Gebiet um Mertingen nicht nachvollziehen. Er selbst habe in den vergangenen Tagen Wassermessungen durchgeführt. Ergebnis: deutlich unter einem Milligramm pro Liter. Behördenleiter Faber konstatiert auch klar: „Das Trinkwasser bei uns ist in Ordnung.“ Der Nitratgehalt in diversen Gemüsesorten, etwa im Rucola, sei weitaus höher – über den rede aber seltsamerweise niemand.

Derweil ist sowohl dem Nördlinger Landwirtschaftsamt als auch Bauer Binger klar, dass es langfristig um mehr geht in der Diskussion um die Gülle, beziehungsweise den Nitratgehalt. „Es muss weniger werden“, sagt Faber, „es geht ja darum, dass das Trinkwasser auch in den kommenden Generationen sauber sein soll“. Deswegen müsse „bedarfsgerecht und angemessen“ gedüngt werden. Und das müsse mit den Bauern gemeinsam erörtert werden. Um die Bauern zu unterstützen und auf die Umsetzung der soeben in Kraft getretenen neue Dünge-Verordnung vorzubereiten, hat das AELF im Kreis Donau-Ries zwei Modell-Bauernhöfe auserkoren, behördlich „Demonstrationsbetriebe“ genannt. Einer ist eben jener von Bauer Binger in Mertingen, der andere ist die Pflegermühle von Roland Naß bei Huisheim. Der zeigt bereits beim Hofgang, wo ein Landwirt ansetzen kann. Am Bächlein Schwalb, an dem 80 Prozent seiner Felder liegen, befindet sich jetzt ein Grünstreifen. Vier Meter muss der laut Verordnung künftig sein, damit die Gülle nicht ins fließende Gewässer spritzt. Bei Naß ist er zum Teil wesentlich breiter. Sechs Hektar umfassen seine Gewässerrandstreifen insgesamt, zudem bringt Naß die Gülle bodennah aus – sie wird in den Boden injiziert statt weiträumig verspritzt. Des Weiteren baut er nach der Getreide- oder Maisernte Zwischenfrüchte an, die die Restmengen an Nitrat im Boden weitgehend aufnehmen sollen. Andere Landwirte und Fachschulen sollen sich diese und andere nachhaltige Verfahren fortan von Naß und Binger abschauen. Dessen Hof in der Donau-Lech-Ebene umfasst 108 Hektar, die Fruchtfolge ist dreijährig: Zuckerrüben, Winterweizen, Wintergerste beziehungsweise Sommergetreide (Hafer und Sommergerste). Bingers Flächen liegen fast ausschließlich innerhalb des Wasserschutzgebietes für die Brunnen der Gemeinde Mertingen. Will heißen: Binger muss hohe Auflagen einhalten – er setzt nun verstärkt auf Güllereduzierung und Zwischenfruchtschauversuche.

All die Maßnahmen zur Güllereduzierung stehen unter dem Dach der EU-Wasserrahmenrichtlinie. Derzufolge sollen nationale Verordnungen zum Wasserschutz entstehen – wie etwa die Anfang Juni in Kraft getretene Düngeverordnung. Die verlange neben der Reduzierung der Düngemittel auch die zeitliche Begrenzung der Ausbringung. Durfte die Gülle bislang bis 1. November ausgefahren werden, so ist nun der 1. Oktober Stichtag. Darüber hinaus muss der Bauer genauestens buchführen über sämtliche Düngungen. Die Landwirtschaftsämter sollen derlei fortwährend kontrollieren. Die Landwirte Binger und Naß zweifeln nicht an der Notwendigkeit von nachhaltigem Landbau – schließlich wollen beide ihre Höfe an die Kinder weitergeben – , sie monieren aber, dass über solche Verordnungen zu stark an den Betroffenen vorbei entschieden werde. Neue Verordnungen bedeuteten ein mehr an Bürokratie, die inzwischen zwischen 30 und 40 Prozent der Arbeitszeit verschlinge.

Faber vom AELF will unterdessen aber weder schwarzmalen noch in Euphorie verfallen. Er sagt vielmehr: „Einige einzelne Betriebe werden sich schwertun mit den schärferen Gesetzen. Dennoch wird Landwirtschaft weiterhin möglich sein bei uns.“ Die Notwendigkeit des Gewässerschutzes sei unzweifelhaft: „Aber wir müssen die Landwirte mitnehmen“ – und nicht gängeln.

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