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Studie

13.05.2020

Kinder und ihre Ängste in der Corona-Krise: Was Eltern lernen können

Wie fühlten sich Kinder weltweit in der Corona-Krise? Das hat eine Studie des Instituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) in München untersucht. Auch Fake News spielten dabei eine Rolle.
Bild: Jens Wolf, dpa (Symbol)

Medienwissenschaftler haben in der Corona-Krise weltweit Kinder befragt. Das Ergebnis zeigt, wie Mädchen und Buben die Situation erlebten – und welche Hilfe sie brauchen.

Das Coronavirus wurde von einer ausländischen Regierung als Waffe in Umlauf gebracht – aber wer Knoblauch isst, kann sich vor einer Infektion schützen: Falsche Nachrichten wie diese kursierten gerade zu Beginn der Pandemie in den sozialen Netzwerken. Aufgeklärte Erwachsene mögen solche Gerüchte belächeln, doch bei Kindern finden sie durchaus Gehör. Und das verstärkt Ängste. Zu diesem Schluss kommt die internationale Studie "Kinder, Medien und Covid-19" des Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk in München, die an diesem Mittwoch veröffentlicht wird. Und es gibt noch weitere Befunde, die Eltern hellhörig machen könnten. Hier ein Überblick.

Nach der Corona-Krise kehrt langsam der Alltag zurück. Viele Kinder weltweit erlebten den "Shutdown" als emotional belastend.
Bild: Peter Kneffel, dpa (Symbol)

Befragt wurden mehr als 4300 Kinder zwischen neun und 13 Jahren aus 42 Ländern. Die Ergebnisse lassen aufhorchen: Zwar wissen Kinder allgemein über das Virus recht gut Bescheid, gerade in Deutschland. Gleichzeitig empfanden viele Mädchen und Buben die Situation der vergangenen Wochen als emotional belastend. Und es fehlt ihnen an Strategien, damit umzugehen, sagt Studienleiterin Maya Götz.

Die weltweite Online-Befragung fand von Ende März bis Ende April statt, und damit in einer Zeit, in der in vielen Ländern ein coronabedingter „Lockdown“ in Kraft war. Ziel sei es gewesen, besser zu verstehen, wie Kinder die Krise erleben und wie sie Medien nutzen. Mehr als 50 Wissenschaftler, Pädagogen und Fernsehproduzenten wirkten mit.

Die Studie zeigt: Die Corona-Krise beschäftigte Buben und Mädchen auf der ganzen Welt. So gab jedes zweite befragte Kind an, beunruhigt zu sein. In Deutschland war es nur knapp ein Drittel (29 Prozent). Der Anteil, der sich große Sorgen machte, war mit drei Prozent zusammen mit Österreich (zwei Prozent) im internationalen Vergleich am niedrigsten. „Hierzulande sind die Kinder also relativ entspannt“, folgert Götz.

Corona-Studie: Kinder sorgen sich, dass ihre Eltern krank werden

Die größte Befürchtung der deutschen Befragten: Ein Familienmitglied könnte am Coronavirus erkranken. Das war die meistgenannte Antwort (88 Prozent). Zudem trieb es die Kinder um, dass sie ihre Großeltern nicht mehr besuchen konnten (81 Prozent) und dass Urlaubspläne abgesagt wurden (76 Prozent).

Wer viel über das Virus weiß, hat weniger Angst: Zu diesem Ergebnis kommt die Studie, wenn es um Corona-Gerüchte geht. „Fake News spielen mit den Ängsten der Menschen“, sagt Götz.

Zwar seien die Kinder weltweit durchaus informiert: Viele würden Symptome der Erkrankung kennen und auch wissen, wie man sich vor einer Infektion schützen könne. Je nach Art der Corona-Falschmeldung lägen jedoch bis zu 30 Prozent der 9- bis 13-Jährigen mit ihrer Antwort auf die Frage „Wahr oder unwahr?“ daneben. Götz sieht darin eine Gefahr für die emotionale Gesundheit von Kindern: „Sie brauchen Klarheit, um sich nicht ohnmächtig zu fühlen.“

Zwar wussten die meisten befragten Kinder (79 Prozent), dass das Virus nicht als Waffe eingesetzt wurde. Die Kehrseite: Zwei von zehn (21 Prozent) halten das für wahr. Ein weiteres Beispiel: das Knoblauch-Gerücht. Ein Großteil der Kinder entlarvte diese Fake-Nachricht (84 Prozent). Umgekehrt glauben immerhin 16 Prozent, dass der Verzehr von Knoblauch vor Corona schützen kann.

Bemerkenswert ist laut Götz: Kinder, die viele Fake News für wahr hielten, bezeichneten sich in der Studie häufig als „sehr besorgt“. „Je weniger Fakten die Kinder zu dem Virus kennen, desto höher ist der Anteil derer, die stark beunruhigt sind“, sagt die Medienwissenschaftlerin. Das Fazit: Durch Aufklärung lässt sich Angst verringern. Die in Deutschland befragten Kinder konnten die Fake News gut identifizieren. Das deutet laut Götz daraufhin, dass die grundlegenden Informationen hierzulande vermittelt werden konnten.

WhatsApp und TikTok: In der Corona-Krise nutzen Kinder öfter Medien

In der Krise nutzten Kinder deutlich öfter Medien: Besonders gefragt waren laut der Studie Smartphone, WhatsApp sowie das Videoportal TikTok. Viele befragte Buben gaben an, dass Videospiele sie entspannen würden (77 Prozent). Hier sieht Götz ein Risiko: Denn ein längerer Medienkonsum bewirke genau das Gegenteil. „Computer und Internet machen ihren eigenen Stress. Die Kinder gehen hier von einer falschen Annahme aus.“

Videospiele entspannen mich - davon gehen 77 Prozent der befragten Buben weltweit aus. Doch häufiges "Zocken" bewirkt genau das Gegenteil, sagt Medienwissenschaftlerin Maya Götz.
Bild: Christin Klose, dpa (Symbol)

Den eigenen Medienkonsum zu beschränken, fällt vielen jungen Nutzern schwer. Einige setzten zwar auf Spaziergänge und Apps zur Kontrolle der Bildschirmzeit. Andere gaben jedoch an, dass sie keine Strategien hätten und sich nicht kontrolliert fühlten. Deutsche Kinder verwiesen oft auf ihre Eltern. Ein Mädchen (13 Jahre) beschreibt ihre Strategie in der Befragung so: „Meine Mutter erinnert mich daran. Ich alleine schaffe es manchmal nicht so gut, vor allem wenn ich keine Aufgaben oder Projekte habe. Aber ich könnte mir zum Beispiel einen Timer stellen.“ Schon zu Beginn der Corona-Beschränkungen hatte das IZI bei Eltern imHome-Office Tipps für ein gelungenes Zusammenleben in Krisenzeiten eingeholt. Einige Ideen waren: Klare Strukturen im Tagesablauf festlegen und Raum für gemeinsame Aktivitäten und Bewegung lassen.

Deutschen Kindern fehlt es an Strategien, um Stress abzubauen

Was den Abbau von Stress ohne elektronische Medien angeht, gibt es in Deutschland aus Sicht von Götz Nachholbedarf. Hier lägen die Kinder international betrachtet deutlich zurück. 80 Prozent der befragten neun- bis 13-Jährigen habe keine Erfahrung mit Mediation oder Yoga.

Entspannen und Stress abbauen - und das ohne Medien. Hier haben deutsche Kinder im weltweiten Vergleich Nachholbedarf.
Bild: Claudia Bader (Symbol)

Weltweit seien es „nur“ 59 Prozent. Die Hälfte der befragten Kinder in Deutschland habe nach eigenen Aussagen bisher nicht erlebt, dass mit den Eltern ein Zeitplan für Aktivitäten entwickelt wurde. Auch hier sieht Götz einen Ansatzpunkt: „Es ist wichtig, Kindern mehr Kompetenzen zum Umgang mit Stress an die Hand zu geben.“ Wissen alleine sei eben nicht alles – es fehle vielen Kindern am Handwerkszeug für einen achtsamen Umgang mit sich und mit anderen. Hier zu motivieren und aufzubauen sei ratsam. Vielleicht nicht allein als Aufgabe für die Eltern, die in der Corona-Krise durch Home-Office und geschlossenen Kitas selbst mitunter "am Limit" gewesen sein, so Götz. Aber durchaus für die Gesellschaft als Ganzes.

IZI München erforscht seit 55 Jahren Kinderfernsehen

Das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen ist beim Bayerischen Rundfunk in München angesiedelt. Die Einrichtung existiert seit 55 Jahren. Sie sieht ihren Auftrag darin, die Qualität in Kinder-, Jugend- und Bildungsmedien zu verbessern. Dazu gibt es immer wieder Forschungsprojekte, zuletzt etwa zu den Themen Binge-Watching, wie Familien mit Kleinkindern Medien nutzen und wie Kinder die Atomkatastrophe von Fukushima erlebt haben.

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