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Corona-Krise: Jetzt helfen nur noch drastische Maßnahmen

Kommentar Von Rudi Wais
15.03.2020

Ein ganzes Land unter Quarantäne? So entschlossen Österreicher oder Spanier im Kampf gegen Corona handeln, so zaghaft hat Deutschland lange agiert.

Taiwan ist ein kleines Land – und ein leidgeprüftes. Mehr als 70 Menschen starben dort im Jahr 2003, als die Sars-Epidemie aus China auf den Inselstaat herüberschwappte. Umso konsequenter geht die Regierung in Taipeh jetzt in der Corona-Krise vor. Mit Flugverboten, Gesundheitskontrollen bei der Einreise und einer weitgehenden Abschottung des Landes hat es die Ausbreitung des neuen Erregers früher und schneller gebremst als andere Staaten. Auch an Material herrschte kein Mangel. Innerhalb weniger Tage wurden 44 Millionen Schutzmasken an Ärzte, Kliniken und Bürger verteilt.

In Deutschland dagegen sind die Grenzen noch bis Montag offen, es landen nach wie vor Flugzeuge aus China und anderen medizinischen Krisengebieten – und in den Arztpraxen fehlt es teilweise schon am Nötigsten. Zwar ist auch bei uns das öffentliche Leben weitgehend lahmgelegt, nachdem Bund und Länder Ende vergangener Woche die berühmte Reißleine gezogen haben und sich viele Menschen vernünftigerweise auch von sich aus zurückziehen. Verglichen mit anderen Ländern aber wirkt das Krisenmanagement in Deutschland noch immer seltsam zaghaft.

Hat Deutschland womöglich fahrlässig zaghaft reagiert?

Fahrlässig zaghaft womöglich? Polen, Tschechien oder Dänemark haben sich regelrecht abgeriegelt, Österreich schränkt die Bewegungsfreiheit seiner Bürger auf ein Minimum ein, Großbritannien will alle Menschen über 70 monatelang isolieren, Spanien hat faktisch das ganze Land unter Quarantäne gestellt. So drastisch diese Schritte sein mögen, so übertrieben sie für den einen oder anderen auf den ersten Blick auch wirken mögen: Polen, Dänen oder Österreicher sind nicht stärker gefährdet als wir. Sie handeln nur entschlossener.

Eine offene, freie Gesellschaft treffen Maßnahmen wie das Schließen von Grenzen, Geschäften und Museen in ihrem Innersten. Gleichwohl sind sie nötig. Im Moment hinkt Deutschland, was den Verlauf und die Ausbreitung von Corona betrifft, etwas mehr als eine Woche hinter Italien her. Und selbst wenn bei uns mehr Betten auf den Intensivstationen stehen, wenn unsere medizinische Versorgung insgesamt besser ist als die in Italien und unser Staat über größere finanzielle Mittel verfügt, so zählt jetzt doch jeder Tag. Jede abgesagte Verabredung, jede Stunde im Home-Office, jeder vermiedene Besuch bei den Großeltern ist ein Beitrag im Kampf gegen Corona.

Bisher hat in Deutschland nur Bayern auf Notbetrieb heruntergefahren

Gleichzeitig jedoch muss eine Regierung, die von ihren Bürgern solche Opfer verlangt, auch das Ihre tun, um die Bürger zu schützen. In Israel wollen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und sein Rivale Benjamin Gantz dazu alles Trennende über Bord werfen und über eine Regierung der nationalen Einheit reden, weil das Land in dieser Lage alles braucht, nur keinen Streit. In den USA haben Demokraten und Republikaner, so verfeindet sie im Wahlkampf auch sind, gemeinsam ein großes Hilfspaket geschnürt. In Deutschland dagegen war sich die Regierung bis zum Wochenende noch uneins, ob sie die Grenzen schließen soll. Wie immer brauchte das politische Berlin auch dazu etwas länger. Dafür empfahl Gesundheitsminister Spahn allen Urlaubern, nach der Rückkehr aus Italien oder Österreich doch sicherheitshalber zwei Wochen zu Hause zu bleiben. Wie wäre es denn, diese Menschen einfach alle zu testen oder sie zumindest in die Quarantäne zu zwingen?

Für die ökonomischen Folgen der Corona-Krise haben der Finanz- und der Wirtschaftsminister mit ihren milliardenschweren Liquiditätshilfen eine erste Lösung gefunden. Den Mut, das Land nach dem Vorbild Österreichs vorübergehend in eine Art Notbetrieb herunterzufahren, hat bislang nur Bayern. Nötig ist es trotzdem.

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Über alle neuen Erkenntnisse rund um das Corona-Virus informieren wir Sie in unserem Live-Blog.

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Die Diskussion ist geschlossen.

17.03.2020

Ich verstehe nicht, warum Baumärkte , Optiker und Firseure weiter geöffnet haben sollen. Das Infektionsrisiko für die Kunden bei einem Abstand von weniger als 50 cm beim Friseur oder Optiker ist doch sehrhoch und stellt die Abstandsregel von 150 cm in Frage. Das Personal ohne Mundschutz ist dann der perfekte Multiplikator für den Virus ;-)

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16.03.2020

Das Land ist schlecht auf einen Notfall wie diesen vorbereitet. Verantwortlich sind dafür Politiker.
Was wäre, wenn eine viel schlimmere Katastrophe, beispielsweise ein Reaktorunfall oder eine weitaus schwerere Epidemie mit zahlreicheren schwer Erkrankten als jetzt, eintreffen würde, deren Ausbreitung man nicht verlangsamen kann und bei der sofort Behandlungsplätze oder Pflegeplätze erforderlich wären?

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15.03.2020

Jetzt helfen nur noch qualifizierte Berichterstattung und strategische Aktionen.

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