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Wer kontrolliert eigentlich die Kirche?

Kommentar Von Julius Müller-Meiningen
18.02.2019

Ein zögernder Papst, ein zerrissener Klerus und über allem der Missbrauchsskandal: viel Zündstoff für die Konferenz im Vatikan.

Es ist knapp 20 Jahre her, dass in den USA das ganze Ausmaß des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Priester erkennbar wurde. Der Hollywoodfilm Spotlight schildert auf atemberaubende Weise, wie Journalisten die systematische Vertuschung in der Erzdiözese Boston aufdecken. In dem Streifen wird auch deutlich, dass sich zur Schuld der Täter und der Vertuschenden immer auch eine den Rest der Gesellschaft betreffende Frage gesellt: Wie viel hätten wir wissen können, wenn wir genau hingesehen hätten?

Bei der Debatte, die nun auch die Führungsebene der katholischen Kirche erfasst hat, sollte man diesen kollektiven Aspekt nicht übersehen. Missbrauch findet nicht nur in der Kirche, sondern überall statt. Meist stehen die Täter den Opfern näher als vermutet. Damit werden die in der katholischen Kirche begangenen Verbrechen nicht relativiert. Hier ist der Kontrast besonders eklatant. Wer verspricht, sich um das Heil der Seelen zu kümmern, und diese Seelen dann lebenslang schädigt, der lädt eine besonders schwere Schuld auf sich.

Ein Papst unter Druck

Die Kinderschutz-Konferenz in dieser Woche im Vatikan ist erst der Anfang eines langen Prozesses. Für Betroffene, die seit Jahrzehnten darauf warten, dass die Institution Kirche für die Taten ihrer Mitglieder Verantwortung übernimmt, muss das wie Hohn klingen. Deshalb lautet das Gebot der Stunde: Täter und Vorgesetzte, die diesen Missbrauch decken, sind nicht nur Straftäter, sondern auch für ihr Amt ungeeignet und müssen aus dem Priesterstand entlassen werden. Die katholische Kirche ist da bis heute nicht konsequent. Immer wieder wurden Bischöfe, die Täter gedeckt haben, unter Vorwänden in den Ruhestand versetzt.

Papst Franziskus selbst durchläuft gerade einen Bewusstseinswandel, man kann die Entwicklung förmlich beobachten. Als Erzbischof von Buenos Aires ignorierte er die Hilfegesuche von Betroffenen. Er richtete eine Kommission ein und verschärfte die kirchenrechtlichen Vorschriften. Noch vor einem Jahr stellte er sich in Chile hinter zwei Bischöfe, die Missbrauchstäter deckten. Als der Druck der Öffentlichkeit zu groß wurde, ließ er in Chile ermitteln, änderte seine Meinung und bat um Verzeihung. Erst nachdem im Sommer eine Ermittlungsjury das Ausmaß des Missbrauchs im US-Bundesstaat Pennsylvania aufdeckte, setzte Franziskus die jetzige, für das große Thema extrem kurze Konferenz an.

Ein Hindernis: Die Kirchenhierarchie

In der Kürze liegt diesmal nicht die Würze, es steckt Kalkül dahinter, das Thema in nur drei Tagen anzureißen. Denn die katholische Kirche steckt in einer Identitätskrise, deren Züge erst schemenhaft sichtbar werden. Verbrächten die Bischöfe mehr Zeit mit dem Thema, würden einige drängende Fragen an die Oberfläche gespült, die angesichts des angespannten Klimas im Klerus einer Zerreißprobe gleichkämen. Sie lauten zum Beispiel: Können Bischöfe nur von ihresgleichen, also von Bischöfen, überwacht werden, oder ist eine Kontrolle durch übergeordnete Gremien notwendig? Bislang ist allein der Papst für die 5100 katholischen Bischöfe zuständig. Wie viele Aufgaben können an Laien und insbesondere an Frauen abgegeben werden? Ist die Aufhebung des Pflichtzölibats eine sinnvolle Maßnahme? Wie viel Macht ist die Kirche bereit abzugeben? Diese Fragen rühren an die Identität des Katholischen. Deshalb werden sie bislang nicht offen diskutiert.

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In der gegenwärtigen Kirchenhierarchie hatte lange Zeit die Sorge um die Institution Vorrang vor der Anerkennung der Leiden der Opfer. Die Kirchenführer können nun zusammen mit dem Papst einen Bewusstseinswandel vorantreiben. Ihre Vergangenheit aber bleibt Teil des Problems.

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