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Mietwagen-Unternehmer
06.06.2021

Erich Sixt: „Wenn man als Unternehmer Geld liebt, ist man verloren“

Erich Sixt hat es geschafft, selbst das Krisenjahr 2020 für das Mietwagen-Unternehmen knapp mit schwarzen Zahlen abzuschließen. Für die Zukunft der Firma ist er optimistisch.
Foto: Sina Schuldt, dpa

Exklusiv Mietwagen-Unternehmer Erich Sixt tritt als Vorstandschef ab. Warum er eine Aversion gegen Geld hat und Unternehmern rät, sich mit Philosophie zu beschäftigen.

Herr Sixt, Sie haben als Unternehmer schon viele Krisen erlebt. War die Corona-Krise die Super-Krise?

Erich Sixt: Die Corona-Krise war nach dem Zweiten Weltkrieg die bisher mit Abstand härteste Krise für unser Unternehmen. Wir haben im April 2020 über Nacht einen Umsatzrückgang von 80 Prozent erlitten. Wir haben schnell reagiert und die Kosten massiv reduziert. Das ist dem extremen Einsatz meiner beiden Söhne Alexander und Konstantin sowie unserer gesamten Belegschaft zu verdanken. So haben wir für 2020 sogar noch knapp schwarze Zahlen geschrieben. Darauf bin ich stolz.

Sie mögen das Wort „stolz“ aber eigentlich nicht.

Sixt: Ja. Aber in diesem Fall bin ich gerade auf die Leistung meiner Söhne stolz, die mit mir im Vorstand sitzen, seit vielen Jahren den Unternehmenserfolg mitprägen und nach der Hauptversammlung am 16. Juni, wenn ich zur Wahl in den Aufsichtsrat antrete, als meine Nachfolger zusammen das Unternehmen führen werden. Meine Söhne haben die Feuertaufe unter Extrem-Bedingungen bestanden. Und ich bin stolz, dass ich seit 1969, also seit ich im Geschäft bin, nie Geld verloren habe, im Gegensatz zu unseren Wettbewerbern.

Kommt die Mietwagen-Branche nach Corina wieder in Fahrt? 

Sixt: Ich bin optimistisch, was die Zukunft von Sixt betrifft, gerade weil wir immer stärker auf dem großen US-Markt Fuß fassen. Das autonome Fahren wird unsere Branche langfristig enorm voranbringen. Da kommt der Mietwagen, nachdem man ihn zuvor über die App bestellt hat, einfach bei einem vorbeigefahren und man lässt sich zum Ziel befördern. Entscheidend wird dabei sein, wer die besten IT-Lösungen anzubieten hat. Deswegen investieren wir enorm in unsere Digitalisierung.

Wie behält man als Unternehmer in knüppelharten Krisen-Zeiten wie diesen die innere Ruhe, um die richtigen Entscheidungen zu treffen?

Sixt: Ich greife dann gerne zu einem meiner philosophischen Lieblingsbücher, den Selbstbetrachtungen des römischen Kaisers Marc Aurel, der von 121 bis 180 nach Christus gelebt hat. Die Lehren des Stoikers geben mir auch in Krisensituationen die Gelassenheit, die ich als Unternehmer brauche.

Sie lesen dann also keine wirtschaftswissenschaftlichen Fachbücher.

Sixt: Nein, nein. Schon als Student der Betriebswirtschaft habe ich Marc Aurel gelesen und gerne philosophische Vorlesungen gehört. Die Betriebswirtschaftslehre baut auf einem grundlegenden Irrtum auf.

Auf welchem denn?

Sixt: Sie geht davon aus, dass der Mensch rational handelt. Doch der Mensch wird vor allem von Gefühlen angetrieben. Deshalb habe ich erkannt, dass die Betriebswirtschaftslehre für mich völlig sinnlos ist und das Studium abgebrochen.

Ist Betriebswirtschaftslehre wirklich völlig sinnlos?

Sixt: Einen Sinn hat sie: Man lernt Buchhaltung und Bilanzen zu lesen. Dazu muss man aber nicht lange studieren und ein Diplom machen.

Ist der griechische Philosoph Sokrates, der ja gesagt „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ der beste Unternehmensberater der Geschichte? Schließlich lehrte er damit Demut.

Sixt: Sokrates ist eindeutig einer der besten Unternehmensberater. Ich bedauere es außerordentlich, dass wir in der abendländischen Geschichte nicht Sokrates und seinem Geständnis, dass er nichts wisse, gefolgt sind, sondern es mit den andersdenkenden Philosophen Platon und Aristoteles gehalten haben. Mit der von Sokrates gelehrten Demut wäre unsere Welt besser geworden. Für mich ist es wichtig, sich ständig, wie Sokrates lehrt, kritisch zu hinterfragen. Das würde unser privates Leben, aber auch das Leben in Unternehmen erleichtern.

 

Philosophie ist also die ideale Schule für Unternehmer.

Sixt: Für mich als Unternehmer ist vor allem der auf Sokrates aufbauende Philosoph Karl Popper extrem lehrreich, bringt uns der Denker doch bei, ständig zu falsifizieren, also alle unsere Hypothesen, die wir im Geschäftsleben aufstellen, zu überprüfen. Als Unternehmer müssen wir uns fragen: Sind unsere Annahmen und Entscheidungen falsch? Erst dann, wenn wir in einem solchen kritischen Prozess der Selbstbefragung keine Gründe mehr finden, warum unsere Entscheidungen falsch sein könnten, sind wir auf der sicheren Seite. Das Schlimmste ist Wahrheitsbesitz.

So baut man also auch dank philosophischer Power ein börsennotiertes Familien-Unternehmen mit 1,53 Milliarden Euro Umsatz auf.

Sixt: Den Erfolg verdanken wir unseren Kunden und den Mitarbeitern. Und zu einem großen Teil meiner Frau, ohne die das Unternehmen heute nicht da stehen würde, wo es steht. Aber ja, Sokrates ist gerade für einen erfolgreichen Unternehmer wichtig, der von immer weniger Menschen kritisiert wird. Also muss er sich selbst permanent kritisch hinterfragen und ergründen, warum seine Entscheidungen falsch sein könnten.

Das ist eine harte Prozedur.

Sixt: Es ist viel leichter, Gründe zu finden, warum man richtig liegt. Doch an deutschen Universitäten wird leider meist nur gelehrt, wie man Formeln berechnet und statistisch richtig liegt, aber leider nicht, wie man sich, beispielsweise mit Popper, infrage stellt.

Sie sagen als geübter Selbstkritiker ja auch, nichts sei älter als der Erfolg von gestern.

Sixt: Erfolg ist der größte Feind des Erfolgs.

Und Sie behaupten standhaft, Sie würden Geld verachten. Dabei muss ein Unternehmer Geld doch lieben.

Sixt: Wenn man als Unternehmer Geld liebt, ist man verloren.

Wie das denn?

Sixt: Wer Geld liebt, hat Angst es zu verlieren. Doch diese Angst darf ein Unternehmer nicht haben, weil er immer wieder etwas riskieren, also investieren muss. Ich stand als Unternehmer manches Mal am Abgrund.

Sie verachten nicht nur Geld, sondern erwarten auch Widerspruch aus dem Mitarbeiterkreis, „solange er nicht beleidigend ausfällt“.

Sixt: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass ein Unternehmer, wenn er erfolgreich sein will, Kritik von Mitarbeitern an seinen Ideen und Entscheidungen zulassen muss. Im doch hierarchisch strukturierten Deutschland haben zu viele Beschäftigte zu viel Respekt, ja Angst vor ihren Vorgesetzten. Zum Glück wird das besser. Die jüngere Generation ist mutiger. Ich bemühe mich jedenfalls als Unternehmer darum, ein Klima zu fördern, in dem kritisches Denken belohnt wird.

Das klingt nicht nach patriarchischem Denken, auch wenn es immer wieder heißt, Sie seien ein Patriarch.

Sixt: Das hängt wohl damit zusammen, dass die Firma meinen Namen trägt, ich der Chef bin und immer mal wieder mit pointierten Äußerungen zitiert werde. Es ist jedenfalls der falsche Weg, ein Unternehmen patriarchalisch zu führen. Es freut mich, wenn Mitarbeiter sich entwickeln. Das geschieht, wenn man ihnen Freiheit gibt. Und ich hasse Bürokratie. Das ist der größte Feind eines Unternehmers.

Sie beklagen ja häufig die Verordnungswut der EU-Verantwortlichen in Brüssel.

Sixt: In Brüssel werden neue Vorschriften erlassen, ohne dass sie durch einen hinreichend demokratischen Entscheidungsprozess gestützt sind. Auch hier halte ich es mit dem Philosophen Popper. Sein Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ sollte den EU-Bürokraten zu denken geben.

Inwiefern ist Popper lehrreich für EU-Bürokraten?

Sixt: Nach Popper ist Demokratie die Vermeidung von zu viel Macht. Man muss also häufig Entscheidungsträger wechseln, damit möglichst wenige falsche Entscheidungen getroffen werden. Entscheidungsträger sollten zudem ihre Entscheidung korrigieren können, wenn sie sich als falsch erweisen. Die EU-Bürokraten bräuchten mehr Demut. Die Brüsseler Bürokratie ist für Europa leider häufig ein Hindernis im internationalen Wettbewerb.

Wie beurteilen Sie die Corona-Politik der Bundesregierung?

Sixt: Die Corona-Pandemie hat uns alle vor große Herausforderungen gestellt. Und im Nachhinein ist man immer schlauer. Sicher ist jedoch, dass die Corona-Verordnungen zum Teil völlig unverständlich sind. Wer weiß schon, was er jetzt alles tun darf und was nicht. Vor allem aber haben die Politiker immer wieder Versprechungen gemacht in dem Wissen, dass sie diese nicht erfüllen können. Das kann man als Bürger nicht mehr nachvollziehen. In der Corona-Politik sind zu viele Fehler gemacht worden.

Und wie beurteilen Sie die Corona-Politik der EU?

Sixt: Es hat mich verwundert, dass eine einzige Kommissarin in Brüssel die Aufgabe hatte, für die gesamte Europäische Union Impfstoff einzukaufen. In Israel hat Ministerpräsident Netanjahu selbst zum Hörer gegriffen und sozusagen von CEO zu CEO mit dem Pfizer-Chef verhandelt. In Europa hätte es aus meiner Sicht auch Chefsache sein sollen.

Für Sie als CEO, also Vorstandsvorsitzenden war Werbung in der provokanten Form immer Chefsache. Dabei macht Sixt Politiker zu Werbeträgern, ohne sie vorher um Einverständnis zu bitten.

Sixt: Wir wollen mit provokanter Werbung, ja Satire Menschen zum Schmunzeln bewegen.

Das provoziert manchmal. Oskar Lafontaines Humorkapazitäten waren rasch nach einer Sixt-Werbung erschöpft. Er hat Sie verklagt.

Sixt: Und verloren. Der Bundesgerichtshof hat sich für die Meinungsfreiheit entschieden. Den Prozess habe ich durchgezogen. Lafontaine musste mir sogar die Anwaltskosten erstatten.

Darf Satire, wie es Kurt Tucholsky behauptet hat, wirklich alles?

Sixt: Satire darf alles. Tucholsky hatte Recht. Ich schätze den Autor sehr, auch wenn ich politisch nicht mit ihm übereinstimme.

Frau Merkel hatte mehr Humor als Lafontaine gezeigt, obwohl Sie sich über ihre Frisur lustig gemacht und eine Fahrt mit einem Sixt-Cabrio empfohlen haben. Werden Sie der Politikerin nachtrauern?

Sixt: Ich habe noch nie einem Politiker nachgetrauert.

Legendäre Werbung der Firma Sixt. Angela Merkel nahm die Aktion damals gelassen.
Foto: Dpa

Doch Frau Merkel hat doch viel für Deutschland geleistet?

Sixt: Hier zitiere ich wieder den Philosophen Popper, der sich ja für eine Begrenzung von Macht in einer Demokratie ausgesprochen hat. Doch Frau Merkel bringt es auf 16 Jahre Kanzlerschaft. Da besteht die Gefahr, dass man auch im Sinne von Sokrates vergisst, dass man unwissend ist und sich überschätzt.

Hat sich Merkel überschätzt?

Sixt: Aus meiner Sicht hat Frau Merkel viele Entscheidungen zumindest zu schnell getroffen. Und es damit gerechtfertigt, dass die Entscheidungen alternativlos gewesen seien. Das Wort „alternativlos“ mag ich überhaupt nicht. Es gibt immer Alternativen, wie uns Sokrates und Popper lehren.

Machen Sie noch eine Werbeaktion zu Merkels Abschied?

Sixt: Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Aber das ist eine gute Idee.

Was halten Sie von Annalena Baerbock? Sie möchte ja Kurzstrecken-Flüge massiv eindämmen. Das wäre doch ein super Stoff für eine Sixt-Werbung. Motto: Sixt dankt Frau Baerbock! Lieber einen Mietwagen nehmen als kurze Strecken fliegen.

Sixt: Sicher könnten wir darüber nachdenken, auch mal eine Werbung mit Frau Baerbock zu machen. Das mit den Kurzstreckenflügen würde ja passen.

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