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Naher Osten

29.11.2020

Mord an Atomphysiker: Eskaliert Streit zwischen USA und Iran?

Demonstranten in Teheran verbrennen Fahnen der USA und von Isreal. Sie fordern nach der Ermordung eines Atomphysikers eine harte Antwort ihrer Regierung.
Foto: Vahid Salemi/AP, dpa

Der Mord an einem Atomphysiker setzt die Anschlagsserie im Iran fort. Hardliner in Teheran verlangen eine harte Antwort. Warum die Regierung genau das aber nicht will.

Die auf dem blauen Pick-up versteckte Bombe war so gewaltig, dass sie sogar die Stromversorgung ausknockte. Mohsen Fachrisadeh war auf dem Weg nach Hause in den Bergort Absard östlich von Teheran, als die Wucht der Explosion seinen Wagen zum Stehen brachte. Da rasten die Attentäter in einem SUV heran, schalteten die Leibwächter aus und eröffneten das Feuer auf den „Vater des iranischen Atomprogramms“, wie Fachrisadeh von Israels Premier Benjamin Netanjahu schon vor Jahren genannt worden war. Auf dem Asphalt zurück ließen sie den schwer verletzten Atomphysiker, der wenig später im Krankenhaus starb.

Bluttat trägt die Handschrift des israelischen Geheimdienstes

Die Bluttat trägt die Handschrift des israelischen Geheimdienstes Mossad und sie könnte kurz vor Ende der Amtszeit von US-Präsident Donald Trump in einen militärischen Schlagabtausch zwischen den Vereinigten Staaten und der Islamischen Republik münden. Erst vor wenigen Tagen diskutierte Trump mit engsten Vertrauten über Möglichkeiten, Irans Atomanlagen zu bombardieren. Vizepräsident Mike Pence, Außenminister Mike Pompeo und Generalstabschef Mark Milley rieten ab.

Trotzdem ließ das Pentagon demonstrativ zwei B-52-Maschinen, die Atombomben abwerfen können, von ihrer Luftwaffenbasis in Nord Dakota aus zu einem Non-Stop-Flug an den Golf starten, „um Aggressionen zu vereiteln und die US-Partner zu beruhigen“, wie das Oberkommando mitteilte. Die israelische Armee erhielt nach lokalen Medienberichten die Anweisung, sich für mögliche Vergeltungsschläge Teherans zu rüsten.

Für den Iran war 2020 ein Jahr spektakulärer Blamagen

Denn die iranische Führung schwört Rache. Für sie und ihren Sicherheitsapparat war 2020 ein Jahr spektakulärer Blamagen. Am 3. Januar ermordete eine US-Drohne nahe dem Bagdader Flughafen den populären General der Al-Quds-Auslandsbrigade, Qassim Soleimani. Im Juli zerstörte mitten in der schwer bewachten Atomanlage Natanz eine Explosion das technische Herzstück des Nuklearprogramms – eine Halle, in der der Iran seine neuesten Uran-Hochleistungszentrifugen montiert und testet. Satellitenfotos zeigten ein zu drei Vierteln verkohltes Gebäude.

Wochen später räumte die iranische Führung ein, es habe sich um einen Sabotageakt gehandelt. Auch in anderen Teilen des Landes kam es im Sommer zu mysteriösen Bränden und Explosionen. In Shiraz und Isfahan brannten Kraftwerke, in der Hafenstadt Mahshahr fing eine Chemiefabrik Feuer. Von einer Klinik in Teheran blieb nach einer Detonation nur eine Ruine, in der 19 Menschen starben. Ein riesiger Feuerball stand über dem Militärgelände von Parchim, wo ballistische Raketen produziert werden.

Menschen beten am Sarg des ermordeten iranischen Atomphysikers Mohsen Fachrisadeh. Er soll mit einem Staatsbegräbnis beigesetzt werden.
Foto: Iranian Defense Ministry,dpa

Mit dem 62-jährigen Mohsen Fachrisadeh traf es nun am Freitag einen Mann, der nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste seine Arbeitskraft vor allem in die Entwicklung von Raketenköpfen für Atombomben gesteckt haben soll. Außer Israel gebe es kein anderes Land der Welt, das offenbar ohne eigene Verluste auf dem Boden seines größten Feindes zuschlagen könne, kommentierte Ex-CIA-Experte Bruce Riedel von der Brookings Institution den Anschlag. „Das Ganze ist beispiellos, und es sieht nicht so aus, als hätte der Iran ein Rezept dagegen.“

Hardliner drängen auf harte Antwort

Diese Häufung schwerster Attentate stellt die zerstrittene Machtelite des Irans vor ein Dilemma. Mit Qassim Soleimani verlor sie ihren besten General, mit Mohsen Fachrisadeh ihren wichtigsten Atomforscher, der am Montag in einem Staatsbegräbnis beigesetzt werden soll. Also drängen die Hardliner auf eine rasche und harte Antwort. Wenn der Iran nichts tue, würden Israel und die USA nur zu weiteren Terroraktionen ermutigt, argumentieren sie. Und gehen auch zum Protest gegen USA und Israel auf die Straße. „Auge um Auge – bereitet euch vor, Zionisten“, titelte die konservative Zeitung Kayhan.

Revolutionsführer Ali Khamenei erklärte zur obersten Priorität, „das Verbrechen aufzuklären und die Täter definitiv zu bestrafen“. Mit einer iranischen Kommandoaktion oder gar einem offenen Waffengang aber riskieren die Hardliner daheim den weiteren wirtschaftlichen Niedergang und neue innere Unruhen, wie im November 2019. Damals gingen Hunderttausende auf die Straßen – die schwerste politische Erschütterung seit Gründung der Islamischen Republik 1979. Teherans Machthaber reagierten mit brutaler Repression: Zwischen 300 und 1500 Menschen starben, die genaue Zahl der Opfer liegt bis heute im Dunkeln.

Irans Präsident Hassan Ruhani berief aufgrund der Proteste im November 2019 eine Sondersitzung ein.
Foto: Iranian Presidency,dpa

Für die Moderaten um Präsident Hassan Ruhani dagegen ist klar: Nur wenn Iran diese jüngste Demütigung wegsteckt, gibt es nach der Amtseinführung von Joe Biden eine Chance zur Rückkehr zum Atomvertrag und damit dringend nötige Erleichterungen bei den Sanktionen. „Wir werden zu gegebener Zeit antworten“, versuchte Ruhani die aufgebrachten Gemüter per TV-Ansprache zu beruhigen. Er warb für „strategische Geduld“. Will heißen: warten auf den Machtwechsel in Washington am 20. Januar.

„Der Zeitraum von heute bis zu dem Tag, an dem Trump das Weiße Haus verlässt, ist für den Iran der gefährlichste“, twitterte Mohammad-Hossein Khoshvaght, ein Mitarbeiter des moderaten Ex-Präsidenten Mohammed Chatami. Für Präsident Ruhani war der Atomvertrag der größte diplomatische Erfolg, bis Trump 2018 aus dem Abkommen ausstieg und die Sanktionen reaktivierte. Ruhanis Amtszeit endet 2021, im Juni wird sein Nachfolger gewählt. Ein weiterer moderater Kandidat hätte wohl nur eine Chance, wenn es bis dahin Lichtblicke im Verhältnis zu USA unter Biden gibt.

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