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Interview

24.09.2020

Weihbischof Anton Losinger "Medizin ohne Menschen ist seelenlose Medizin"

Personal in der Pflege ist schwer zu bekommen - Roboter kann man kaufen.
Bild: zapp2photo, Adobe Stock

Der Ethiker Anton Losinger erklärt, welche Chancen und Gefahren der Einsatz von Robotern und Computern in der Pflege mit sich bringt.

Roboter sollen in den nächsten Jahren im Bereich der Pflege alter und kranker Menschen mehr und mehr Verwendung finden. Welche Auswirkungen könnte das nach sich ziehen?

Anton Losinger: Roboter in der Pflege sind ja zunächst ein wirklich irritierendes Thema, weil man sich fragt: Wie kann das sein, dass Menschen in Krankheit und Pflegesituationen plötzlich von maschineller Betreuung abhängig sein sollen? Tatsache aber ist: In Deutschland fehlen derzeit mehr als 10.000 Pflegekräfte. 25 Patienten teilen sich im Durchschnitt eine Pflegekraft und Anwerbeaktionen im Ausland sind nur begrenzt erfolgreich. Sollte man hier nicht prüfen, ob aufgrund der neuen technischen Möglichkeiten der Digitalisierung, der künstlichen Intelligenz und der Robotik Möglichkeiten bestehen, um das bestehende Problem des Pflegemangels zu entzerren?

Wenn man alt ist oder krank, möchte man dann aber nicht lieber menschliche Wärme spüren als einen Roboter?

Losinger: Genau hier verläuft die entscheidende Grenze. Es ist ganz klar, dass es im Bereich der Pflege eine Reihe von schweren und zeitraubenden Tätigkeiten gibt, in denen maschinelle Hilfe nicht nur hilfreich, sondern auch sinnvoll ist. Transportsysteme und Reinigungshilfen, technische Mobilitätshilfen bis hin zum Exo-Skelett und Entlastungssysteme bei schweren körperlichen Pflegetätigkeiten können die Tätigkeit des Pflegepersonals erheblich erleichtern. Vor allem auch dringende Entlastung bei aufwendigen Verwaltungstätigkeiten. Auch Medikamentierung oder die Verteilung von Essen durch autonom gesteuerte Systeme sind in Erprobung. Sogar die Kommunikation mit dem Patienten durch künstlich intelligente Spracherkennungssysteme steht am Horizont. Aber: Wollen wir wirklich, dass Computer die Sorgen kranker Menschen teilen und erklären? Der Einsatz von Maschinen erreicht genau an diesem Punkt seine ethische Grenze, wo es um den Menschen mit seinen existenziellen Gefühlen, Sorgen und Ängsten geht und nicht nur um den Patienten als medizinischen Fall.

Was machen Menschen anders?

Losinger: Bei dem sensiblen Feld von Krankheit und Pflege geht es ja nicht nur darum, dass ein Patient eine bestmögliche Therapie und fachliche Versorgung bekommt, sondern es ist ein Mensch mit seinen Gefühlen, Ängsten und Befindlichkeiten, der das Krankenhaus betritt und genau als solcher ernst genommen werden muss. Krankheit ist ja nicht nur eine Funktionsstörung des Körpers, sondern auch eine ganzheitliche existenzielle Herausforderung für den Betroffenen. Es sind Menschen, die ethisch gesehen, das Recht haben, in der medizinischen Therapie mit ihren Fragen einem anderen Menschen zu begegnen. Gerade für einen kranken und pflegebedürftigen Menschen ist es so wichtig, dass es Gespräche mit einem Arzt, mit Angehörigen aber eben auch mit Pflegenden gibt, die sich um seinen seelischen Zustand kümmern.

Der Augsburger Weihbischof Anton Losinger ist Mitglied der Kommission der Deutschen Bischofskonferenz für gesellschaftliche und soziale Fragen.
Bild: Fred Schöllhorn

Das heißt, die menschliche Zuwendung können Maschinen nicht ersetzen.

Losinger: Unter keinen Umständen! Im Bereich der medizinischen Diagnostik und Therapie erleben wir zurzeit zwar einen dramatischen Entwicklungsschub digitaler Technologien. Bei sprach- und bildgebenden Verfahren werden KI-Systeme in Teilbereichen schon bald die Möglichkeiten des Menschen übertreffen. Aber Therapie und Heilung sind ein ganzheitliches Geschehen, und da sind und bleiben Menschen, der verantwortliche Arzt ebenso wie die persönliche Zuwendung in der Pflege entscheidend. Das heißt, die Pflegeroboter können helfen, die personellen Engpässe in dieser Branche mit Hilfstätigkeiten zu lindern, aber am Ende stehen im gesamten medizinischen System, auch in der Pflege, immer Menschen im Mittelpunkt.

Gerade für alte Menschen sind die Pfleger oft der wichtigste Kontakt.

Losinger: Vollkommen richtig. Der Mensch ist ja im Gegensatz zur Maschine ein Wesen mit einer eigenen Freiheit und Würde, mit Sorgen, Ängsten und Hoffnungen. Der Mensch ist, wenn ich das so sagen darf, komplizierter, schwieriger! Er ist ein bewusst denkendes, fühlendes und sprechendes „Ich“ und kein Programm, kein Algorithmus. Gerade das Thema Angst zeigt das. Es erfordert in der Zuwendung zu Patienten eine ganz andere Dimension, als es Maschinen leisten können. Ich könnte mir auch niemals vorstellen, dass gerade bei seelischen Erkrankungen Roboter die Behandlung übernehmen werden. Als ein zentrales Problem für Pflegebedürftige gilt ja häufig nicht die physische Hilflosigkeit, sondern Einsamkeit. Hier muss klar werden: Roboter und technische Systeme in der Pflege ersetzen keine menschliche Zuneigung und sind auch kein Ersatz für einen Angehörigen und einen Freund!

Lässt sich der heutige Pflegestandard angesichts einer immer älter werdenden Bevölkerung ohne Einsatz von Robotern überhaupt aufrechterhalten?

Losinger: Die jüngste Stellungnahme des Deutschen Ethikrates „Robotik für gute Pflege“ geht davon aus, dass der steigende Einsatz technischer Mittel notwendig ist und dazu dienen kann, dass pflegende Menschen mehr Zeit für die Versorgung und persönliche Zuwendung zum Patienten haben. Diese Entlastung durch Maschinen wird wohl in Zukunft noch zwingender erforderlich sein. Wie sonst sollen wir in unserer demografischen Situation mit einer wachsenden älter werdenden Generation umgehen, wenn ausreichendes Pflegepersonal für eine menschenwürdige Pflege fehlt? Wie soll denn die anspruchsvolle Pflege von dementen Patienten ordentlich erfolgen, wenn etwa die Nachtschwester 17 Patienten gleichzeitig zu betreuen hat? Und auch das Thema Hospiz und Palliativversorgung spielt da übrigens eine immer größer werdende Rolle. Das Thema Sterben und die Gespräche und intensive Begleitung von Menschen in dieser Lebenslage erfordern Zeit und Zuwendung.

 

Was werden Pflegeroboter kosten?

Losinger: Gute Pflege kostet Geld. Dabei können digitale Unterstützungssysteme eine Erleichterung in manchen Alltags- und Routineabläufen sein. Die entscheidende Frage lautet: Sind wir als eine Gesellschaft, die hoch qualifizierte medizinische Versorgung wünscht, und auch als älter werdende Gesellschaft im Blick auf die demografische Kurve bereit, Pflegekräfte vernünftig zu bezahlen? Das reicht von Pflegefachkräften in anspruchsvollster OP-Versorgung, über die stationäre Altenpflege bis zur Kinderkrankenschwester und der besonders fordernden Demenzpflege. Anerkennendes Klatschen von den Balkonen für diesen Dienst, wie wir es in Corona-Zeiten erlebten, genügt sicher nicht.

Sind wir in Deutschland in Sachen Pflege auf die älter werdende Babyboomer-Generation vorbereitet?

Losinger: Ich befürchte nein. Wir hätten zwar in Deutschland im Grunde genügend Mittel, um perspektivisch ordentlich vorzusorgen, tun es aber viel zu wenig. Die Verlagerung des Problems auf die zukünftige Generation oder die Anwerbung ausländischer Pflegekräfte vor allem in der Altenpflege kann keine Dauerlösung sein. Wir müssen uns als älter werdende Gesellschaft ganz grundsätzlich fragen lassen, was das Versprechen des sogenannten Generationenvertrages und der solidarischen Pflegeversicherung bedeutet und wie wir vorsorgen wollen. Eine wachsende Zahl von Menschen in unserem Land wird selbst bald Pflege im Alter und in Krankheit benötigen. Digitale Technik und Robotik können hier nur gewisse Entlastung von Alltags- und Routinetätigkeiten und von Verwaltungsaufgaben leisten und dadurch mehr Zeit am Bett ermöglichen, auch größere Freiräume für die Zuwendung an den Patienten. Wenn man aber die Frage nach der berühmten „Systemrelevanz von Pflegeberufen“ stellt, dann besteht sie sowohl in der fachlichen wie in der menschlichen Komponente. Diese kann durch Technik nicht ersetzt werden. Gerade in der Zeit der Corona-Quarantäne haben viele ältere Menschen schmerzlich erleben müssen, was fehlt, wenn menschliche Begegnung fehlt.

Werden Pflege-Maschinen auch Gefühle entwickeln können, wie man das in Science-Fiction-Filmen sieht?

Losinger: Eine Medizin ohne Menschen ist eine seelenlose Medizin. Maschinen entwickeln keine Gefühle, wie es Menschen können. Sie optimieren zwar definierte Teilbereiche mit einer dem Menschen überlegenen Perfektion. Aber Freude, Ängste, Hoffnungen, das sind humane Phänomene und gründen auf der Freiheit und Würde der Person. Auch werden Roboter niemals ethisch handeln können. Denn Ethik bedeutet, im Hinblick auf Entscheidungen in wichtigen oder schwierigen Situationen nach Gut und Böse, nach wahr und falsch zu fragen. Hier geht es immer um den Blick auf das Ganze, und nicht um die Optimierung von einzelnen Verfahrensabläufen. Etwa in der Ökonomie ist ja auch klar, dass das Ziel der Optimierung von Finanzergebnissen an der Börse etwas qualitativ anderes ist als die Entscheidung über soziale Gerechtigkeit oder die Frage nach dem gerechten Lohn. Und schließlich, ein Blick auf die Kunst: Wird eine Maschine in der Lage sein, Kunst zu schaffen und zu reflektieren? Vieles, ja das Entscheidende werden Maschinen niemals können, bei all den unbezahlbaren Vorteilen, die sie beispielsweise in der Speicherung und Verarbeitung von Daten unvorstellbaren Ausmaßes haben.

Zur Person: Anton Losinger, 63, ist Ethikexperte der deutschen Bischöfe und war viele Jahre Mitglied des Deutschen Ethikrates.

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