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Diplomatische Krise

09.03.2017

Wie türkische Normalbürger uns Deutsche sehen

Österreichs Bundeskanzler Christian Kern fordert ein EU-weites Verbot von Wahlkampfauftritten türkischer Politiker.
Bild: Henning Kaiser, dpa

Vorwürfe, Beschimpfungen, sogar Nazi-Vergleiche: In der Türkei fahren Politiker schwere Geschütze gegen Deutschland auf. Es geht auch bedeutend unaufgeregter.

Nusret ist ein stolzer Türke. Sein Land ist ihm wichtig. Aber deshalb in denselben Ton abzugleiten, den seine Regierung gegenüber Deutschland anschlägt? „Das mit den Spannungen, das ist doch nur Politik“, sagt er. Nusret führt eine Kfz-Werkstatt in Istanbul und hat die Erfahrung gemacht, dass deutsche Autos zu den besten überhaupt gehören. Deutsche Wertarbeit, deutscher Fleiß – das sind Dinge, die Nusret schon immer geschätzt hat. Dass sich die Deutschen plötzlich in Türkenfeinde verwandelt haben sollen, wie ihm hier weisgemacht wird, will er nicht glauben.

Deshalb hat Nusret in diesen schweren Zeiten eher das große Ganze im Blick als die Tagespolitik. „Deutschland war schon immer unser Freund“, sagt er. Fast drei Millionen Türken und türkischstämmige Deutsche in der Bundesrepublik, immer noch vier Millionen deutsche Urlauber 2016 in der Türkei: Wie könnte ein politischer Zwist diesen tiefen und vielfältigen Verbindungen ernsthaft schaden? Unmöglich, glaubt Nusret. „Das ist wie in einer Familie: Klar, ich kann mich schon mal über dich ärgern, aber dann vertragen wir uns wieder.“

Alles halb so wild? So einfach ist es auch wieder nicht. Beileibe nicht. Im Grunde ist das Verhältnis schon seit der Armenien-Resolution des Bundestages im Juni vergangenen Jahres und dem Putschversuch in der Türkei einen Monat später angespannt. Als deutsche Politiker Augenmaß bei der anschließenden Verhaftungswelle anmahnten, reagierten türkische Politiker, indem sie mangelnde Solidarität in Deutschland anprangerten. Es folgten Vorwürfe, Deutschland sei ein Rückzugsort für Terroristen. Dann der Fall des festgenommenen deutsch-türkischen Welt-Journalisten Deniz Yücel. Und immer waberte im Hintergrund die Debatte, wie hart man die Türkei überhaupt kritisieren darf – mit Blick auf den Flüchtlingspakt.

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Ton zwischen Deutschland un der Türkei ist scharf geworden

Inzwischen ist der Ton zwischen Berlin und Ankara von einer Schärfe geprägt, wie sie vor kurzem noch unvorstellbar war. Türkische Spitzenpolitiker fahren schwere Geschütze auf. Nazi-Vergleiche. Beschimpfungen. Die Klage von Außenminister Mevlüt Cavusoglu am Dienstagabend in Hamburg, Türken würden in Deutschland „systematisch unterdrückt“ – wo man Deutschland doch „immer als Freund gesehen“ habe. Sollte sich Präsident Recep Tayyip Erdogan demnächst zu seinem angedachten Deutschland-Besuch aufmachen, dürften die Spannungen noch weiter eskalieren.

Das ist ein Teil der Wirklichkeit im März 2017. Ein anderer ist trotz allem: Keinem anderen westeuropäischen Land fühlen sich die Türken so verbunden wie der Bundesrepublik. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner aus der Europäischen Union. Rund 5000 deutsche Firmen haben sich in den vergangenen Jahren in der Türkei angesiedelt. Aus keinem anderen Land kommen jedes Jahr so viele Touristen wie aus der Bundesrepublik – auch wenn die Zahlen zuletzt vor allem wegen der Terrorgefahr und der unsicheren politischen Lage deutlich gesunken sind. In der deutsch-türkischen Universität in Istanbul werden türkische Studenten mithilfe deutscher Dozenten und deutscher Unternehmen zu Fachkräften ausgebildet.

Ob in der Autowerkstatt, im Taxi, beim Friseur oder im Laden an der Ecke: Immer wieder wird sogar die deutsch-osmanische Waffenbrüderschaft im Ersten Weltkrieg bemüht, um die lange Tradition der Beziehungen zwischen beiden Ländern zu beschreiben. Und immer wieder wird der Besucher dort mit Bruchstücken deutscher Sprache konfrontiert, aufgeschnappt während eines Verwandtenbesuchs in Deutschland oder im Kopf behalten seit der Rückkehr von dort.

„Es leben nun mal drei bis vier Millionen Türken in Deutschland"

Nusret hat recht: Bei näherer Betrachtung sind diese Verbindungen so vielfältig, dass der politische Streit dagegen fast nebensächlich wirkt. Ahmet Davutoglu beispielsweise, bis zum vergangenen Jahr Ministerpräsident der Türkei, hat in seiner Jugend eine deutschsprachige Oberschule in Istanbul besucht und spricht bis heute recht gut Deutsch. Aydin Engin, einer der angesehensten oppositionellen Journalisten des Landes, floh vor dem Militärputsch von 1980 nach Deutschland und schlug sich dort bis zu seiner Rückkehr an den Bosporus unter anderem als Taxifahrer durch. Tarkan Tevetoglu, Popsänger und Megastar der Türkei, wurde in Alzey in Rheinland-Pfalz geboren. Umgekehrt wurde der Döner zum deutschen Nationalgericht, und ein Mittelfeld-Genie namens Mesut Özil wurde mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft Weltmeister.

Auch Anhänger der Erdogan-Partei AKP haben diese Dinge im Kopf, wenn sie in diesen Tagen die Zeitungen aufschlagen und die Schlagzeilen von „Skandal“ und „Schande“ über Deutschland sehen. „Den Nazi-Vergleich fand ich schon etwas scharf, das war wirklich übertrieben. Das ist schon unfair, einen alten Verbündeten so anzugehen, das muss wirklich nicht sein“, sagt Faruk Ayaz, ein Reiseführer aus Istanbul, der in Deutschland aufwuchs und vor 25 Jahren mit seiner Familie in die Türkei zurückkehrte.

Sichtbarer Nationalstolz in Istanbul. Aber heißt das in solchen Zeiten gleich, dass diese Türken die Deutschen nicht ausstehen können?
Bild: Yasin Akgul, afp

Bei so einem Lebenslauf hat man viel Verständnis für beide Seiten. „Was wäre wohl los, wenn syrische Politiker in der Türkei Wahlkampfreden halten würden?“, fragt er. Allerdings könnten die Deutschen die türkischen Wahlkämpfer in der Bundesrepublik ruhig gewähren lassen, sagt Faruk, der Erdogans AKP grundsätzlich unterstützt. Erstens gehöre sich das für ein Land, das immerfort über Demokratie und Menschenrechte rede, und zweitens: „Es leben nun mal drei bis vier Millionen Türken in Deutschland, das ist Tatsache.“

Dass sich die Verstimmung zwischen den Regierungen auf die Normalbürger in den beiden Ländern auswirken wird, glaubt Faruk eher nicht. In der Türkei herrscht Wahlkampf vor dem Verfassungsreferendum am 16. April, wenn die Wähler über die Einführung des Präsidialsystems nach Erdogans Wünschen abstimmen sollen, da könne es schon mal hoch hergehen. Aber spätestens danach „wird das alles schnell vergessen sein“, glaubt Faruk.

Ankara will nicht als derjenige dastehen, der klein beigibt

Tatsächlich ist auch bei einigen türkischen Regierungspolitikern der Versuch erkennbar, den Krach mit den Deutschen nicht aus dem Ruder laufen zu lassen. Ministerpräsident Binali Yilidirim etwa betont in seinen Wahlkampfreden stets die Bereitschaft seines Landes, sich mit den Deutschen wieder zu einigen. Allerdings will Ankara keinesfalls als derjenige dastehen, der klein beigibt. Die Wahlkampfbesuche türkischer Politiker in Deutschland werden also weitergehen.

Am Bosporus suchen einige Türken, die der Regierung weniger gewogen sind als Faruk, nach Gründen für das Verhalten der Erdogan-Leute. Ein Finanzmanager, der namentlich nicht genannt werden will, hat den Verdacht, dem Präsidenten und der Regierung gehe es nicht so sehr um die nationalistischen Wähler in der Türkei, die sie mit ihren Protesten gegen die Deutschen für sich gewinnen wollen. Vielmehr schiele Erdogan auf die türkischen Wähler in der Bundesrepublik selbst: „Die wollen die konservativen Wähler in Deutschland mobilisieren.“

Der Grund dafür könnte in den Umfragen liegen, die für den 16. April ein knappes Ergebnis voraussagen. Die Stimmen der türkischen Auslandswähler, bei denen Erdogan wesentlich beliebter ist als bei den Türken in der Türkei, könnten also eine enorm wichtige Rolle spielen. Etwa 70 Prozent Zustimmung zu Erdogans Präsidialplan erwartet der AKP-Politiker Mustafa Yeneroglu bei den türkischen Wählern in Deutschland. In der Türkei selbst könnte Erdogan nach einigen Befragungen dagegen unter der entscheidenden 50-Prozent-Marke bleiben.

Gökhan, ein Musiker aus Istanbul, sieht den Krach mit Deutschland als reine Schaumschlägerei. Erdogan und seine Leute schimpften zwar laut und vernehmlich über die Deutschen, sagt er. Aber: „Dann setzen sie sich in ihren Mercedes und fahren davon.“ mit anf

 

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09.03.2017

wenn wir für die Türken Nazis sind !! sollen sie doch zurück in die Türkei gehen, wir wollen nimanden dazu annemiren bei uns zu Bleiben wenn es ihnen bei uns nichtz gefällt !!!. was wollen die vielen Türken denn bei uns wenn es bei ihren Presidenten Erdogan doch so schön ist !!??

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