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29.08.2017

Händeringende Suche nach Azubis

Bewerber für eine Ausbildung sind derzeit begehrt wie selten. In ganz Deutschland suchen Unternehmen händeringend nach Azubis, auf Messen werden erste Kontakte geknüpft. Gleichzeitig beklagen Firmen auch bei uns in der Region, dass wirklich gute Bewerber rar gesät sind.
Bild: Sebastian Willnow, dpa (Symbol)

Viele Betriebe in unserer Region haben ein Problem. Sie verfügen über Lehrstellen, finden aber keine guten Bewerber. Das stellt die Unternehmen vor großen Schwierigkeiten.

In Bayern sind noch zahlreiche Lehrstellen offen. Nicht jede Stelle kann besetzt werden. Es gibt zu wenig Berufseinsteiger, viele Betriebe sprechen von einer angespannten Situation. Nicht zuletzt, weil sie deshalb nicht im gewohnten Rahmen expandieren können. Gehen auch in unserer Region die Azubis aus?

Ja, meint Andreas Reiter von Seal Concept in Bobingen. Das familiengeführte Unternehmen ist spezialisiert auf Dichtungstechnik und Hydraulikkomponenten. „Es wird für uns immer schwieriger, gute Lehrlinge zu finden“, sagt er. Als einen der Gründe nennt er die vermehrte Bereitschaft der Jugendlichen, ein Studium einzuschlagen. Durch den demografischen Wandel gebe es zudem weniger Auszubildende. Ein Problem seien aber oft die Lehrstellenbewerber selbst. „Vielen fehlt die soziale Kompetenz. Es fehlen Werte wie Achtung, Respekt und harmonisches Miteinander“, bedauert Reiter. Hinzu komme eine immer wieder feststellbare Lese- und Rechtschreibschwäche.

Das Handwerk benötigt nicht nur Häuptlinge

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Auch Rainer Naumann von der gleichnamigen Metzgerei, die unter anderem Filialen in Bobingen und Schwabmünchen unterhält, sieht die Zukunft auf dem Ausbildungsmarkt nicht rosig. „Niemand will sich beruflich mehr die Hände schmutzig machen“, berichtet er. Für diesen bildlichen Vergleich nennt er ein Beispiel: „Auf eine Anzeige für eine Bürotätigkeit kamen bei uns rund 100 Bewerbungen, für die Stelle eines Metzgers eine einzige.“ Doch das Handwerk benötige nicht nur Häuptlinge, so der Vorsitzende des Prüfungsausschusses der Metzger in der Region Augsburg.

Auf die Frage, warum sich vor allem das Handwerk so schwer tut, freie Stellen zu besetzen, hat Monika Renner von Metall- und Stahlbau Renner in Schwabmünchen eine klare Antwort: „Das Handwerk hat kein Ansehen mehr und auch keine Lobby.“ Die Industrie genieße mit ihren höheren Gehältern bei den Lehrstellensuchenden Priorität. „Wir haben dann meist das Nachsehen.“ Das seien grundlegende Probleme, die auch der Flüchtlingsboom nicht lösen kann.

Ebenfalls problematisch sieht die Situation Toralf Ewert von der Metallgießerei Franz Dussler in Königsbrunn. Wie Andreas Reiter beklagt er bei den Azubi-Bewerbern „fehlende Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit, Motivation und Kommunikationsstärke“. „Arbeitgeber freuen sich mittlerweile schon, wenn die Lehrlinge pünktlich zur Arbeit kommen“, verdeutlicht er. Grund dafür sei seiner Ansicht nach das Absinken des Schulbildungsniveaus in den vergangenen Jahren. Das alles trage mit dazu bei, dass offene Ausbildungsplätze nicht adäquat oder erst gar nicht belegt werden können.

Mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen

Dabei meldet die Handwerkskammer für Schwaben (HWK) zum Start des Ausbildungsjahres im September für den Landkreis Augsburg eine Steigerung von 7,7 Prozent bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen. 2016 waren es 378, heuer 407. Die Industrie- und Handelskammer für Schwaben (IHK) nennt für das Verbreitungsgebiet unserer Zeitung derzeit 213 neue Ausbildungsverträge, ein Plus von 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Gleichzeitig macht die HWK aber aufmerksam, dass in ihrer Lehrstellenbörse schwabenweit noch über 900, bei der IHK im südlichen Augsburger Land rund zwei Dutzend Stellen offen seien. Vor allem die Bau- und Lebensmittelbranche suche intensiv nach Auszubildenden, erklärt HWK-Hauptgeschäftsführer Ulrich Wagner. Gesucht würden auch Lehrlinge in Berufen wie Metallbauer, Schreiner, Maler und Lackierer, Augenoptiker, Friseur und Feinwerkmechaniker. „Gründe hierfür sind die anhaltend hohe Konjunktur im Handwerk und die rückläufigen Schulabgängerzahlen“, sagt Wagner. Die nicht besetzten Ausbildungsplätze seien ein Dilemma und ein Konjunkturrisiko für die Betriebe, resümiert auch die Leiterin des Fachbereichs Ausbildung bei der IHK Schwaben, Josefine Steiger.

Einen Bewusstseinswandel stellt dagegen Ulrich Wagner (HWK) fest. Immer öfter würden Eltern und Schulabgänger erkennen, dass nicht nur bei einem Studium, sondern ebenso bei einer sofortigen Ausbildung dem Berufsanfänger alle Wege offen stehen.

Auszubildende stellen ihren Beruf vor

Dabei unternehmen die Betriebe bereits eine Menge, um Nachwuchskräfte auszubilden. Viele nutzen flexibel und kreativ regionale Netzwerke, verbessern ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, zeigen Präsenz im Internet und den sozialen Medien, in Lehrstellen- und Praktikumsbörsen, bei Tagen der offenen Tür und Berufsinfomessen. Und: Sie signalisieren guten Azubis frühzeitig die Übernahme. Eine tolle Sache seien auch die IHK-Ausbildungsscouts, schwärmt Josefine Steiger von der IHK. Um wieder mehr junge Menschen für eine duale Ausbildung zu gewinnen, stellen Auszubildende ihre Berufe auf Augenhöhe in Vorabgangsklassen vor. In unserer Region machen hier die Unternehmen Schöffel und Aldi mit.

Trotz der schwierigen Lehrstellensituation für Betriebe gewinnt Metzgermeister Rainer Naumann der Lage etwas Optimismus ab. Der jetzige Zustand werde sich irgendwann wieder ändern, hofft er. Für Toralf Ewert tritt eine ernsthafte Verbesserung bei der Suche nach guten Bewerbern erst dann ein, wenn die Schulbildung sich nachhaltig bessere.

Ins gleiche Horn stößt auch Andreas Reiter. Parallel dazu wünscht er sich eine kompaktere Vorbereitung der Schulabgänger auf das Berufsleben und einen umfassenderen Schulterschluss zwischen Schule und Betrieb. An Eltern richtet er die Bitte, ihren Kindern die Grundformen des Anstands mitzugeben. „Danke, Bitte, guten Tag und Pünktlichkeit sind Grundvoraussetzungen in einer globalen Gesellschaft.“ Fakt ist, dass viele Betriebe derzeit diese Unzulänglichkeiten letztlich hinnehmen. Geschuldet den vielen offenen Lehrstellen und den dafür zu wenigen Auszubildenden.

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