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Ökologie in Binswangen

25.05.2018

Kleine heile Welt mit „Bio vom Berg“

Erika Heindel glaubt an eine Bio-Zukunft. Auf dem Kugelberg bei Binswangen hat sie eine Streuobstwiese angelegt, auf einem kleinen Acker baut sie bio-zertifiziertes Gemüse an. Und im Gemeinderat vertritt sie für die Grünen ihre Überzeugung.

Erika Heindel hat sich in Binswangen auf dem Kugelberg ihr eigenes Reich geschaffen. Sie baut biozertifiziertes Gemüse und Obst an. Ihre Überzeugung lebt sie nicht nur für sich selbst, sondern vertritt sie auch im Gemeinderat

Die Mohnblumen schaukeln im Wind hier oben auf dem Kugelberg. Wenn Erika Heindel hinunter schaut, über Binswangen hinweg bis zum Horizont, erkennt sie bei guter Sicht die Kirchtürme, die sich entlang der Donau reihen. Hier oben hat sie sich ein kleines Reich geschaffen, wo sie nach ihrer Überzeugung handeln und das tun kann, was für sie Lebensqualität ist. „Bio vom Berg“ nennt sie ihr Gemüse, das sie hier anbaut auf einem kleinen Acker und die Früchte, die auf der Streuobstwiese wachsen. Eigenhändig zieht sie ihre Grabegabel durch die Furchen zwischen Blaukraut- und Selleriepflänzchen, zwischen Zwiebeln und Kohlrabi. Auf der Wiese nebenan, wo ein zum Geräteschuppen umfunktionierter Bauwagen steht, summt und brummt es. Wildbienen suchen auf den lila Phacelia und violett blühenden Leguminosen nach Nahrung, weiß-gelbe Kamillen versprechen duftenden Tee.

Gemüse und Obst dienen nicht nur der Eigenversorgung – Erika Heindel verkauft ihre Bioprodukte auch kistenweise. Das Bio-Zertifikat hat sie nach zwei Jahren Umstellungsphase bekommen. „Ein Jahr lang habe ich konventionell angebaut, dann kam zwei Jahre Umstellungsbetrieb und jetzt hab ich im dritten Jahr das Zertifikat“, ist sie da gelandet, wo sie sein will. Ihre Produkte sind demnach nach dem EU-Standard biozertifiziert. „Landwirtschaftliche Urproduktion“ nennt die aus Wertingen stammende Binswangerin ihren kleinen Betrieb, eine Biogärtnerei aus Gundelfingen beliefert sie mit Jungpflanzen, die sie großzieht. Für grobe und größere Arbeiten holt sie sich auch mal Hilfe - ihre drei inzwischen erwachsenen Kinder ackern ebenso zwischendurch mal gerne, wie Bekannte. Aber auch örtliche Landwirte kommen zum Mähen oder Eggen von größeren Flächen.

„Mit 19 hat das angefangen“, erklärt Erika Heindel ihre Vorliebe fürs Gärtnern und für biologisches Wirtschaften, „vielleicht habe ich ja das Gen in mir, in der Erde zu wühlen“. Seit dem Alter von 19 Jahren hat sie sich für bio entschieden, wählt sie grün und versucht, ihre Überzeugung zu leben und anderen vorzuleben. Seither sind nahezu 30 Jahre vergangen – „es dauert lange, bis man etwas verändern kann“, sagt Erika Heindel. Inzwischen lebt sie mit Mann und drei Kindern im Holzblockhaus, umgeben vom Ökogarten mit Obstbäumen, wilden Rosen, Wein, Gewächshaus, Gemüsebeeten und ein paar gackernden Hühnern. Etwas zu verändern, neues Bewusstsein zu schaffen, ist ihr nicht nur in der eigenen Familie wichtig, sondern auch im weiteren Umfeld. Seit 2014 sitzt Erika Heindel für die Grünen im Gemeinderat und vertritt dort mit Beharrlichkeit ihre Überzeugung. Im ständigen Austausch mit den Menschen im Dorf zu sein ist ihr wichtig. „Ich bin Kindergärtnerin, Biogärtnerin und Musikgärtnerin“, nennt Erika Heindel scherzhaft ihre Tätigkeiten als gelernte Erzieherin, Ausbilderin im Musikverein und als Ökogärtnerin – „überall ziehe ich meine Pflänzchen heran“.

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Ihre „Pflänzchen“ – dazu zählen alle Menschen, die sie für ihre Sache gewinnen will – auch die Landwirte im Ort. Mit Einfühlungsvermögen, und Geduld bohrt Ökofrau Erika dicke Bretter. Oft sind „meine Landwirte“ nur schwer zu überzeugen, sagt sie, überwiegen die Skeptiker, oft sieht sie sich auch harten Argumenten ausgesetzt. Doch sie gibt nicht auf – zumal sie sich auch gut in die Lage der konventionellen Landwirte hineinversetzen kann. „Die Bauern sind gewissen Zwängen unterworfen“, schildert sie das Gesetz des weltweiten Marktes, das die Bauern zur Großproduktion zwingt und den Saatgutproduzenten ausliefert. Einmal in dieser Schleife gefangen, sei es schwer, sich davon und den damit verbundenen Abhängigkeiten zu befreien. Wer zum Beispiel einen Großstall baue, müsse auch im großen Stil wirtschaften, um die Kredite abbezahlen zu können. Die Biolandwirtschaft habe es da schwer, bedauert die Grünen-Gemeinderätin: „Sie sollte vom Staat ebenso gefördert werden, wie die konventionelle Landwirtschaft, dann würde es schnell anders aussehen.“

Oft und öfter hat sie mit den Landwirten diese Themen schon diskutiert – und hat sich dennoch nicht von ihrer Meinung und ihrem Ziel abbringen lassen. Inzwischen sieht sie kleine Erfolge. Der Grünen-Ortsverband gründete einen Imkerstammtisch, in dem man sich austauscht.

Etliche Landwirte erklärten sich bereit, Blühstreifen am Feldrand anzulegen, um Insekten anzulocken – ein Projekt, das allerdings in seiner Wirksamkeit umstritten ist, wie auch Erika Heindel in Erfahrung brachte. Dennoch lässt sie sich nicht unterkriegen. Beharrlich bleibt sie auf ihrem Weg. „Ich maße mir nicht an, den Landwirten Vorschriften zu machen“, pocht sie weiter auf den Weg der gegenseitigen Toleranz und des Dialogs.

Und sie glaubt an eine Bio-Zukunft – andere Länder wie Österreich zeigten, dass dies auch im großen Stil möglich sei.

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