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24.02.2021

Der Bremsen-Patriarch Heinz Hermann Thiele fühlte sich verkannt

Heinz Hermann Thiele ist tot.
Foto: Bloomberg

Der Unternehmer Heinz Hermann Thiele starb am Dienstag mit 79 Jahren. Er erkannte früh die Chancen der Globalisierung und wurde einer der reichsten Deutschen.

Mit 79 Jahren wollte der Unternehmer Heinz Hermann Thiele noch einmal abheben, als wäre Bob Dylans Lied "Forever Young" ihm auf den Leib geschrieben. In dem gebetsartigen Song des wie Thiele letztlich doch knorrigen Musik-Titanen heißt es ja: "Möge Gott Dich segnen und allzeit halten. Mögest Du aufwachsen. Mögest Du für immer jung bleiben."

So hatte sich der am Dienstag mit 79 Jahren im Kreise der Familie in München gestorbene Milliardär und Mehrheitsaktionär der Münchner Knorr-Bremse AG nach seinem Geburtstag am 2. April vergangenen Jahres noch viel vorgenommen. Als andere in Corona-Zeiten schon von Angst gelähmt wirkten, machte sich Thiele auf, wieder einmal nach den Sternen zu greifen, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, es eben allen zu zeigen, was ein wahrer Unternehmer ist. Er beteiligte sich an der schwer gebeutelten Lufthansa, um zuletzt nach dem Staat als Retter und Großaktionär in der Not 12,42 Prozent der Anteile an der Airline zu halten.

Man sollte denken, dass alle dankbar waren, als Thiele als Investor bei Lufthansa einstieg

Eigentlich, sollte man denken, müssten damals alle dankbar gewesen sein, dass ein deutscher Investor bei der Kranichlinie einsteigt, hat Thiele doch mit Bärenkraft, strategischer Weitsicht und der Erfolgsmenschen oft eigenen Sturheit aus einem angeschlagenen Mittelständler den Weltmarktführer für Bremssysteme mit knapp 30.000 Mitarbeitern geformt. Doch die Begeisterung über das Lufthansa-Abenteuer des Mannes hielt sich in Grenzen. Denn zeitweise bestand die Gefahr, dass er als marktwirtschaftliche Dauer-Kämpfernatur gegen den Einstieg des Staates bei dem Konzern stimmen könnte.

Thiele trauten viele alles zu, hatte er doch sein Unternehmen aus den Tarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie ferngehalten, ja die 42- statt der 35-Stunde-Woche durchgesetzt. Hätte der Patriarch am Ende die Hilfsaktion des Staates für die Lufthansa blockiert und damit vielleicht sogar die Existenz des Unternehmens gefährdet, sein dritter unternehmerischer Frühling wäre zu einem medialen Horror-Trip verkommen, schließlich ist die Lufthansa wie Volkswagen ein nationales Heiligtum.

Am Ende zeigte sich Thiele nach anfänglichem Aufbrausen – wie schon oft zuvor – als Patriot. Er beteuerte fast sanftmütig: "Ich will ein stabiler Ankeraktionär sein. Ich bin zuversichtlich, dass die Lufthansa nach der Krise wieder die stärkste Airline in Europa wird." Dabei wäre es interessant gewesen, wie Thiele seine Rolle als stabiler Anker-Aktionär wahrgenommen hätte, gerade wenn die Lufthansa ab 2023 wieder langsam auf Erfolgskurs einschwenkt. Dann wäre sicher im Patrioten der Marktwirtschafts-Patriarch durchgekommen. Thiele hätte wohl Stress gemacht und ein Ausstiegs-Szenario für den Staat als größter Aktionär der Fluglinie gefordert. Das hätte sich der Unternehmer wahrscheinlich nicht entgehen lassen. In derartigen Momenten sind Härte und die Fähigkeit, Kritik an sich lässig wie Wassertropfen nach einem Frühlingsregenguss abprallen zu lassen, gefragt.  Das war Thieles Kernkompetenz. Dann leuchteten die Augen des Unternehmers hinter der halben Brille vor. Ein entschlossenes Lächeln huschte über sein Gesicht.

Für die IG Metall war Thiele der "Gewerkschaftsfresser"

Mit seiner sonoren Radio-Stimme konnte der Jurist druckreif sprechen. Thiele erzählte gerne über sich, seine Herkunft und das, was ihn antreibt. Dabei wurde ihm immer wieder unterstellt, er öffne sich zu wenig. Zu solchen Vorwürfen, die ihn empören konnten, sagte Thiele einmal: "Ich weiß, Journalisten sehen in mir lieber den exzentrischen, öffentlichkeitsscheuen Unternehmer." Das treffe jedoch nicht zu. Darauf folgte ein Selbstbekenntnis: "Ich bin viel differenzierter."  Um den Mann, der in Kreisen der IG-Metall schon mal abschätzig als "Gewerkschaftsfresser" gebrandmarkt wurde, besser zu verstehen, hilft eine Reise in seine Kindheit. Thiele war ein Flüchtlingskind. Seine Mutter ist mit der Familie samt Kinderwagen und Handkarren wochenlang auf Straßen aus Ostdeutschland vor den Russen geflohen. Der spätere Milliardär erinnerte sich an die Zeit: "Da mussten wir hungern und waren auf die Hilfe von Landwirten angewiesen." Sein Vater, der 1945 aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, arbeitete wieder als Rechtsanwalt und Notar, starb aber 1963 im Alter von 61 Jahren. Thiele wuchs nach dem Verlust des Familienbesitzes in Berlin in bescheidenen Verhältnissen auf.

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Foto: Michael Kappeler/dpa

Auch hier bewahrheitet sich, wie prägend Kindheitserlebnisse sind. Thiele hat damals "gelernt, in harten Zeiten zu überleben".  Das sei ein wesentlicher Treiber seiner Arbeit. Wenn der Unternehmer über die Erlebnisse sprach, wurde deutlich, dass er in der Lage war, sich selbst mit einer gewissen Distanz zu analysieren: "Ich verlasse mich stark auf mich selbst und meine Durchsetzungsfähigkeit."  Bis zuletzt mischte er bei Knorr-Bremse mit und wechselte 2020, im Jahr seines dritten Frühlings, wieder in den Aufsichtsrat als stellvertretender Vorsitzender, obwohl er sich längst auf den Ehrenvorsitz des Kontrollgremiums zurückgezogen hatte. Thiele konnte wie viele Patriarchen nicht loslassen, gerade, wenn er Gefahr roch, sein Lebenswerk könnte Kratzer bekommen. Daher mussten seine Top-Manager mit dem beständigen Misstrauen des Seniors rechnen. Das muss man als Führungskraft mögen.

Thiele hatte nie vergessen, wo er herkommt - trotz eines Vermögens von 18 Milliarden Dollar

Dem Konzern ist die äußerst aktive Kümmerer-Rolle Thieles gut bekommen. Er konnte nicht anders. In der Mitteilung des Unternehmens zu seinem Tod wird noch einmal ein Satz zitiert, der deutlich macht, wie der Unternehmer zu einem kantigen Dauerschaffer wurde, der als juristischer Sachbearbeiter in der Patentabteilung von Knorr-Bremse anfing, es zum Chef des Unternehmens brachte und mit Hilfe der Banken die Firma übernahm: "Ich habe die äußerst beschränkten finanziellen Verhältnisse und die mir sehr fehlende Vaterfigur genutzt, um aus eigener Kraft etwas zu schaffen."

Am Ende waren es schmerzlich empfundene Defizite, die ihn antrieben, immer weiter nach oben zu streben. Dabei erkannte Thiele schon in den 70er Jahren und damit früher als andere deutsche Unternehmer die Chancen der Globalisierung. Er flog hinaus in die Welt, ob nach Japan, China, die USA, Südamerika oder Indien, um Kunden für Bremsen aus dem Bereich der Schienen- und Nutzfahrzeuge zu gewinnen. Das tat er immer wieder in einer derartigen Intensität, dass die Gesundheit irgendwann nicht mehr mitspielte. Doch  Thiele fand zu alter physischer Stärke zurück. Hätte er sich sonst wieder noch leidenschaftlicher um das seit 2018 an der Börse notierte Unternehmen gekümmert und die Lufthansa aufgemischt? Es müssen noch gute Monate im vergangenen Jahr für ihn gewesen sein. Seine Augen haben sicher wieder über die halbe Brille hinweg Tatendurst ausgestrahlt. Er muss sich jung und nach wie vor "verkannt" gefühlt haben. Denn der Unternehmer sah sich "nicht nur als Kapitalisten", als der er oft beschrieben wurde. In einem schwachen und gnädigen Patriarchen-Moment beichtete er einmal: "Geld ist für mich nicht alles." Thiele sah Knorr-Bremse auch als Unternehmen mit ausgeprägter sozialer Komponente. Wenn gerade etwas bei den kleinen Leuten nicht so richtig in der Firma laufe, dann mische er sich ein.

Das ist eben die gütige Seite eines Patriarchen. Thiele hatte nie vergessen, wo er herkommt und was es für ein harter Weg war, ein geschätztes Vermögen von 18,2 Milliarden Dollar anzuhäufen, was seine Familie auf Platz acht der Rangliste der reichsten Deutschen katapultiert hat.

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