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Nachruf auf Robert Koehler

20.05.2015

Der halbe Schwabe aus München: Robert Koehler ist tot

Robert J. Koehler war ein leidenschaftlicher Unternehmer.
Bild: Archivbild, Fred Schöllhorn

Robert J. Koehler war ein visionärer und kantiger Manager. Ohne ihn gäbe es den Kohlenstoff-Riesen SGL so nicht. Auch in Meitingen hat er seinen Teil beigetragen.

Münchnern (zumindest echten) darf man nachsagen, gerne zu granteln und in die Ironie verliebt zu sein. Daraus ergibt sich ein spezielles Gebräu heiteren Diskutierens, Politisierens und Kritisierens, kurz Dischkrierens. Das Ganze natürlich am besten in genussorientierter Umgebung. Robert J. Koehler machte in dieser Disziplin seiner Heimatstadt München alle Ehre. Mit dem Unternehmer und Erfinder des Kohlenstoff-Spezialisten SGL Group ließ sich trefflich und leidenschaftlich über die Weltläufe sprechen. Er sagte einem seine (meist deutliche) Meinung direkt ins Gesicht und ließ sich durch Gegenworte zu neuen Argumenten anfeuern.

Die intensiven Dialoge mit dem kantigen Manager, der einen im Diskussionseifer wunderbar provozierend anlächeln konnte, werden vielen seiner Gesprächspartner fehlen. Koehler, der am Sonntag nach einer Krankheit mit 66 Jahren gestorben ist, war einer der letzten Vertreter einer patriarchalisch orientierten Managerkaste, was positiv gemeint ist. Solche Vatertypen können zwar streng sein, wenn sie Ziele verfolgen, sie stellen sich aber in Krisen vor ihre Mannschaft und kämpfen um Arbeitsplätze. Auch in dieser Disziplin trumpfte der intern „RJK“ genannte Unternehmer auf.

Dabei war Koehler ein Wunder an Zähigkeit, ein Mann ausgestattet mit der Gabe, Rückschläge (und die gab es reichlich) wegzustecken und seine Visionen weiter hartnäckig zu verfolgen. Auf Bayerisch lässt sich ihm das Kompliment machen: „A Hund war a scho.“ So konnte Koehler im Jahr 2009 als SGL-Boss für sich den Titel des Vorstandschefs einer deutschen Aktiengesellschaft beanspruchen, der am längsten amtiert. „Ich bin ein Fossil“, sagte er dazu selbstironisch.

Auch in harten Zeiten war Robert Koehler ein echter Löwen-Fan

Seine Lehr- und Wanderjahre als Manager absolvierte Koehler beim einstigen deutschen Chemie- und Pharmakonzern Hoechst und stieg dort bis zum Leiter der Unternehmensplanung auf. Für den Konzern war der Manager auch in Großbritannien und Kolumbien tätig. Dort wurde der Münchner zum Weltmann, der fließend Englisch und Spanisch sprechen lernte. Dabei verband der Zigarrenraucher und Opernfreund sein globales Bürgertum mit Lokalpatriotismus. Selbst in harten Zeiten blieb er Fan des TSV 1860 München, hatte Koehler doch schon für eine Jugendmannschaft des Vereins gespielt. Auch unserer Region blieb der Manager stets verbunden, schließlich war er als Jugendlicher mit seinen Eltern nach Augsburg gekommen und hatte hier Abitur gemacht.

Koehler hat SGL-Standort in Meitingen stark gefördert

SGL Carbon Standort in Meitingen.
Bild: Tobias Hase (dpa)

So rang sich der Manager zu dem Geständnis durch: „Ich bin ein halber Schwabe.“ Und das war nicht ironisch gemeint. In dem Moment des Outings ließ sich kein Anflug eines Lächelns in seinem Gesicht ausmachen. Als stolzer Halb-Schwabe hat er auch den SGL-Standort in Meitingen nördlich von Augsburg kräftig gefördert. Dass dort heute trotz einer massiven Krise des Unternehmens in den vergangenen Jahren rund 1300 Mitarbeiter tätig sind, ist sein Verdienst. Der vierspurige Ausbau der Bundesstraße B2 von Augsburg nach Donauwörth, die über Meitingen führt, soll auch Koehlers Sturheit geschuldet sein. Der 1860-Fan befürwortete sogar das Engagement von SGL beim FC Augsburg. Dabei ist es seine größte Leistung, die einstige SGL Carbon AG von 1992 an miterfunden, an die Börse gebracht und bis zu seinem Ausscheiden als Konzernchef Ende 2013 durch wechselhafte Zeiten geführt zu haben. „Wir haben mehr Ups und Downs erlebt als manches Unternehmen in 100 Jahren“, meinte er.

Dabei glaubte Koehler trotz aller Widrigkeiten an die Zukunft leichter kohlenfaserverstärkter Kunststoffe, wie sie SGL mit BMW für Elektroautos produziert. SGL will 2015 hier zumindest die Gewinnschwelle erreichen. So könnte der Traum Koehlers in Erfüllung gehen, dass die Firma dank des Zaubermaterials wieder gute Renditen einfährt. Der Manager musste am Ende seiner Laufbahn aber noch ein Sanierungsprogramm mit auf den Weg bringen. Er glaubte jedoch bis zuletzt an die Zukunft von Carbon. Was ihm mehr Sorgen bereitet hat, waren die politischen Verhältnisse. Herrlich grantelnd warnte „RJK“: „Wir sind in Deutschland energiepolitisch der Geisterfahrer Europas.“

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