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Interview

10.01.2019

Osram-Chef: "Hätten Augsburger Werk viel früher zugemacht"

Auch unter Osram wäre das Augsburger Lampen-Werk geschlossen worden, sagt der Chef des Unternehmens, Olaf Berlien, im Interview.
Bild: Marcus Merk

Plus Chef Olaf Berlien erklärt, warum Osram einst sein Werk in Augsburg verkauft hat, aber den Standort Schwabmünchen zu einem Hightech-Betrieb ausbaut.

Warum setzen Sie auf Schwabmünchen?

Olaf Berlien: Schwabmünchen ist für den ganzen Industriestandort Deutschland ein besonderes Projekt, ja ein Leuchtturm-Projekt. Denn dort gelingt es uns, ein klassisches Werk mit alten Technologien, in dem Glühdrähte für Lampen hergestellt werden, in einen Hightech-Standort mit Reinräumen zur Produktion von Hightech-Plättchen für Leuchtdioden umzubauen. Solche geglückten Beispiele für die Überführung eines Blaumann- in ein Weißkittel-Werk gibt es hierzulande nicht viele. Ich habe früher für Thyssen im Ruhrgebiet gearbeitet. Wo dort Industrie-Betriebe stillgelegt wurden, entstanden in aller Regel keine neuen produzierenden Werke, sondern bestenfalls Logistik- oder Dienstleistungs-Arbeitsplätze.

In Schwabmünchen ist das anders.

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Berlien: Ja, dort stirbt zwar ein Produkt, weil man schlicht keine Glühdrähte mehr braucht. Schließlich hat die EU zunächst Glüh- und dann Halogenlampen verboten. In den letzten drei Jahren haben wir bei Glühdrähten einen Umsatzeinbruch von 50 Prozent erlebt. Dieses Material wird nur noch für Spezialanwendungen gebraucht. Das neue Produkt sind langlebigere und energiesparende LED, also Leuchtdioden, und die haben keinen Draht.

In solchen Fällen machen gerade börsennotierte Unternehmen, wie Osram eines ist, solche Standorte oft dicht. Warum gehen Sie in die entgegengesetzte Richtung?

Berlien: Es wäre nachvollziehbar, wenn wir in Schwabmünchen die Jalousien runtergelassen und das Werk für immer dichtgemacht hätten. Wir hätten uns auf unsere süddeutschen Standorte in Regensburg, Eichstätt und Herbrechtingen konzentrieren können. Und dennoch haben wir es nicht gemacht. Wir wollen nämlich einen Leuchtturm bauen.

Was steckt hinter dem Pathos?

Berlien: Wir wollen mit Schwabmünchen die Botschaft aussenden, dass wir uns dem Technologiewandel stellen und uns zutrauen, diese Transformation von alter in neue Industrie zu vollziehen.

Doch ist das nicht eine Alibi-Aktion? Sie haben tausende Arbeitsplätze im klassischen Lampengeschäft ausgelagert und etwa das Augsburger Energie-Sparlampen- und Leuchtstoffröhrenwerk an einen chinesischen Investor verkauft. Und der hat den Standort dichtgemacht.

Berlien: Durch den enormen Technologiewandel sind wir nicht in der Lage, alle Arbeitsplätze zu erhalten. In Augsburg hatten wir Produkte, die auslaufen. Ein Glaswerk wie in Augsburg braucht man nicht mehr. Und die Energie-Sparlampen aus Augsburg wurden nicht mehr nachgefragt. Verbraucher kaufen LED-Leuchten oder Lampen, in denen in einer Glasbirne LED stecken. Das Werk wäre also auch stillgelegt worden, wenn wir es nicht an Ledvance verkauft hätten.

Warum haben Sie keine Alternativ-Produkte für Augsburg wie in Schwabmünchen gefunden?

Berlien: Weil wir nicht endlos über neue Produkte verfügen. Und auch die für Augsburg vorgetragene Idee, LED in Leuchtstoffröhren einzubauen und so das Werk zu retten, konnte nicht funktionieren. Denn die Verbraucher kaufen eben keine LED-Leuchtstoffröhren aus Glas, sondern aus Kunststoff. Die Kunststoff-Produkte werden aber in China produziert. Die Kunden in den Baumärkten haben also dem chinesischen vor dem Augsburger Produkt den Vorzug gegeben. Weiter auf Glas-Produkte aus Augsburg zu setzen, hätte sich betriebswirtschaftlich nicht gerechnet.

Fiel Ihnen die Entscheidung, Augsburg zu verkaufen, schwer?

Berlien: Das fiel mir sehr schwer. Aber wir hatten die Hoffnung, dass der neue chinesische Eigentümer Ledvance mit neuen Produkten den Standort erhalten kann. Ich kann die enttäuschten Mitarbeiter, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, verstehen. Aber unter Osram wäre es genauso gelaufen. Wir hätten das Werk sogar noch viel früher als Ledvance zugemacht.

Sind Sie enttäuscht über die mangelnde Fantasie der Chinesen?

Berlien: Nein. Hier war keinerlei Böswilligkeit am Werk.

Frühere Osram-Beschäftigte aus Augsburg schauen sicher neidisch nach Schwabmünchen. Wie geht es dort weiter?

Berlien: Wir haben die Reinräume bereits aufgebaut. Nun beginnt die Produktions-Testphase. Und was interessant ist: Wir haben uns gegen den ursprünglichen Plan entschieden, unser Werk in den USA, in dem solche LED-Teile produziert werden, zu vergrößern. Diese Produktionsausweitung findet jetzt in Schwabmünchen statt. Das war mir ganz persönlich ein Anliegen. Das ist eine Frage der Glaubwürdigkeit gegenüber den Mitarbeitern, denen wir im Zuge des technologischen Wandels viel abverlangen. Doch am Ende muss sich der Umbau eines solchen Werkes rechnen. Das ist ja nicht mein Unternehmen. Ich bin als Vorstand vor allem auch den Osram-Aktionären verpflichtet, ihre Interessen zu wahren. Aber ich sehe mich auch in der Pflicht, die Interessen der Mitarbeiter zu vertreten. In Schwabmünchen gelingt uns beides.

Können Sie alle 320 Beschäftigten in Schwabmünchen für die neuen Tätigkeiten umschulen?

Berlien: Das wird leider nicht gelingen. Die Herausforderung ist schließlich groß. Menschen, die Glühdrähte gemacht haben, müssen jetzt in einem Schutzanzug komplizierte Maschinen bedienen. Durch die Transformation des Werkes werden wir 100 Arbeitsplätze durch den herben Umsatzrückgang mit klassischen Produkten abbauen. Aber durch die Fertigung der Plättchen für Leuchtdioden wollen wir im Gegenzug bis zu 190 neue Stellen zu Beginn des kommenden Jahrzehnts schaffen. Sollte uns die Konjunktur nicht einen Strich durch die Rechnung machen, haben wir in Schwabmünchen am Ende mehr Mitarbeiter als heute.

Wie läuft die Qualifizierung der Mitarbeiter ab?

Berlien: Wir haben ein Bündnis mit den Arbeitnehmer-Vertretern geschlossen. Der Prozess der Umschulung ist ein Geben und Nehmen. Einen Teil der Qualifizierungszeit erbringen die Mitarbeiter durch unbezahlte Mehrarbeit. Die Mitarbeiter ziehen mit. Das freut mich.

Osram-Chef Olaf Berlien erklärt im Interview, warum er auf Schwabmünchen setzt.
Bild: Marcus Merk

In der Schwabmünchner Fabrik sollen über Mobilfunk gesteuerte, autonom fahrende Roboterfahrzeuge unterwegs sein, die Waren hin- und herbringen.

Berlien: Auch das ist ein Leuchtturm-Projekt. Denn es ist das erste industrielle Projekt für den neuen Mobilfunkstandard in Deutschland, der viel schnellere Daten-Übertragungen möglich macht.

Doch bei aller Technologie-Euphorie wächst weltweit die Angst vor einem konjunkturellen Einbruch. Was ist Ihre Hauptsorge für 2019?

Berlien: Wir spüren den Handelskonflikt zwischen den USA und China, nachdem wir schon 2018 unter dem hierzulande wenig bekannten Handelskonflikt zwischen Südkorea und China gelitten haben. Das führte zu einem zehnprozentigen Rückgang unserer Lieferungen an koreanische Autohersteller. Hinzu kommen die Belastungen für die Industrie durch den bevorstehenden Brexit und die Haushaltsprobleme in Italien. So ist Skepsis für 2019 angebracht. Was mir aber für das neue Jahr am meisten Sorgen bereitet, ist die rückläufige Auto-Konjunktur. Das geht nur zu einem Teil auf den Diesel-Skandal zurück. Denn in den letzten drei Monaten sind in China die Autoverkäufe massiv um bis zu 16 Prozent eingebrochen. Das ist für uns schmerzlich. Auch Apple und Samsung verzeichnen deutliche Einbrüche. Doch Firmen aus der Auto-und Smartphone-Branche sind extrem wichtige Kunden für uns.

Wie ernst ist die Lage?

Berlien: Ich sehe dunkle Wolken für 2019 am Horizont aufziehen. Die Nachfrage nach Leuchtdioden geht spürbar zurück. Wir wissen natürlich auch nicht sicher, wie es weitergeht und fahren Monat für Monat auf Sicht. Wir stehen erst am Anfang des Geschäftsjahres. Doch die ersten Daten deuten darauf hin, dass das vergangene Quartal bei uns noch schwächer ausgefallen ist, als dies manche Finanzexperten und wir noch vor einigen Monaten erwartet haben. Ich schaue mit großer Sorge auf die Entscheidung des britischen Parlaments. Denn sie wird Auswirkungen auf die gesamte Industrie und deshalb auch auf Osram haben.

Müsste nicht Ihre größte Sorge sein, dass Osram 2019 von einem Finanzinvestor übernommen wird? Schließlich haben Sie nach dem Rückzug von Siemens keinen Großaktionär mehr. Auch ist der Börsenkurs von rund 80 auf etwa 38 Euro eingebrochen. Das könnte Angreifer anlocken.

Berlien: Ich sehe den Einstieg eines möglichen Großaktionärs im Grundsatz nicht als Risiko an. Das wäre nicht richtig. Das Unternehmen gehört im Übrigen ja auch nicht mir. Ich bin nur Verwalter fremden Geldes. Wenn es für die Osram-Eigentümer die Möglichkeit gibt, einen guten Preis zu erzielen, weil ein Investor pro Aktie dem Anteilseigner mehr als den aktuellen Börsenkurs bietet, habe ich die Pflicht, das professionell zu bewerten.

Steht der Einstieg eines Großaktionärs bevor?

Berlien: Ich kommentiere grundsätzlich solche Gerüchte nicht.

Aber Sie haben gesagt, dass Sie gerne einen Ankeraktionär hätten, der ankert.

Berlien: Ein solch größerer Aktionär hat grundsätzlich den Vorteil, dass er ein Unternehmen in seiner Strategie unterstützen kann. Wenn wir einen Aktionär hätten, der länger bei uns ankert, können wir langfristige Themen wie etwa den Umbau in Schwabmünchen über mehrere Jahre durchziehen, auch wenn es einmal konjunkturell nicht so gut läuft.

Ihre Technik-Visionen dürften weitere Investoren anlocken. Hier spielt unsichtbares Licht eine Rolle.

Berlien: Ja, denn früher stand Osram für Licht, das man an- und ausmacht. Das neue Osram ist aber ein Unternehmen, das immer mehr Anwendungen für unsichtbares Licht, also Infrarotlicht bietet. Das sind etwa Bio-Sensoren, die nicht nur wie heute schon ihren Puls messen, sondern im Supermarkt via Smartphone herausfinden können, wie viel Zucker oder Wasser eine Melone hat oder wie süß eine Erdbeere ist. Und mit einer entsprechenden Licht-Dosierung wird etwa eine Peperoni schärfer. Licht bestimmt auch den Geschmack: So kann man etwa in Bayern eine Tomate erzeugen, die wie aus Griechenland oder Holland schmeckt. Ja, es wird sogar möglich sein, mit dem Smartphone herauszufinden, wie alt ein Stück Fleisch ist und ob es sich bei einer Tablette um ein wirkliches Medikament oder ein Placebo handelt.

Funktioniert das heute schon?

Berlien: Das geht schon mit einem Spezialgerät für rund 200 Dollar, wird aber künftig mit unserer Technik in Smartphones integriert. Wir bekommen immer mehr Anwendungen, die das Leben besser machen. Auch den Blutzucker werden wir wahrscheinlich eines Tages mit dem Smartphone bestimmen können.

Dann darf man sich nicht wundern, wenn Konsumenten sich mit ihrem Handy auch noch über Melonen bücken. Osram-Technologie geht aber auch ins Weltall.

Berlien: Wir kooperieren hier mit der US-Weltraumbehörde Nasa. Die Experten untersuchen, aber noch auf der Erde, wie man im Weltall Salat und Gemüse züchten kann. Dann könnten Astronauten frische Produkte zu sich nehmen. Hier kommen Lichtanwendungen von Osram aus Regensburg zum Einsatz. Künftig will die Nasa unsere Technik auch im Weltraum testen. Die Astronauten hätten dann etwa einen kleinen Gewächsschrank dabei, in den Saatmatten eingelegt werden, mit denen sich frischer Salat und frisches Gemüse züchten lässt. Dank Osram kann man bald frisch im Weltall essen.

Zur Person: Olaf Berlien, 56, ist ein offener und kommunikativer Mensch. Der Manager hat Sinn für Humor. So sagt er schon mal gerne: „Ich komme aus Berlin und heiße auch Berlien“. Der Witz ist erklärungsbedürftig. Denn der Osram-Chef ist in Berlin geboren und sein Name spricht sich auch trotz des „e“ wie die Hauptstadt aus. Seit Anfang 2015 steht er an der Spitze des Licht-Konzerns, der sich im Zuge eines Börsengangs von der einstigen Mutter Siemens abgenabelt hat. Dieser Prozess war lange erfolgsgekrönt. Doch im vergangenen Jahr bekam Osram die zunehmende Krise der Autoindustrie zu spüren. Berlien ist ein erfahrener Manager, hat er doch lange von 2002 bis 2013 in führenden Funktionen für Thyssenkrupp gearbeitet. Zuvor war er für die Carl Zeiss AG, für die Buderus Heiztechnik GmbH und für IBM Deutschland tätig. Der promovierte Ökonom ist verheiratet und hat drei Kinder. Er fährt gerne Motorrad.

Lesen Sie dazu auch unseren großen Schwaben-Check - Wie stark sind die Firmen in der Region?

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11.01.2019

Ich dachte eigentlich das Unternehmensführer neue Jobs aufbauen, und in ihren Forschungsabteilungen neue Produkte mit Zukunft entwickeln. Wenn man aber die Gewinne privatisiert und die Innovation den Chinesen überlässt geht der Standort Deutschland baden. Letztendlich sind es eben doch die Unternehmsmanager die die Fehler gemacht haben und die den Karren an die Wand gefahren haben. Wer im benchmarking vorne sein will muss innovativ sein und neue erfolgreiche Produkte entwickeln. Uns fehlen die wirklich guten Führungskräfte die den Markt kennen die die Branche kennen die die technischen Entwicklungen selber vorgeben und die neue erfolgreiche Produkte entwickeln. Elon Musk ist ein Paradebeispiel dafür wie man das macht. Unfassbar das die deutsche Automobilindustrie die Zeichen der Zeit ( Klimawandel, Umweltbewusstsein der Bürger ) nicht einsehen wollten und wir in Deutschland der Entwicklung hihterher hinken. Die Gewinne sind in den Taschen der Aktionäre und Manger gelandet Forschung war zu teuer.

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10.01.2019

Ich finde die Aussage, "wir (Osram) hätten das Werk Augsburg noch früher geschlossen" für unverschämt.
Osram war es doch, die in Augsburg munter auf veraltete Technologien setzte und keinerlei Zukunftsperspektive aufbaute. Der "Verkauf" an Ledvance war dann offenbar ein kalkuliertes Weitergeben des "Schwarzen Peter" an die "bösen, bösen Chinesen"

"Erst kommt das Fressen - und dann die Moral" der jahrzehnte alte Spruch von Bert Brecht bewahrheitet sich immer wieder.

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10.01.2019

Genau so schaut's aus! Unverschämt ist noch geschmeichelt - Manager und Moral, dass ich nicht lache!

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