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Airbus

02.07.2020

Stellenabbau bei Airbus: Können doch noch Jobs gerettet werden?

Der Flugzeugbauer Airbus will wegen der Luftfahrt-Krise weltweit 15.000 Stellen streichen.
Bild: Ben Birchall, dpa

Plus Airbus will tausende Stellen streichen. Warum IG-Metall-Vorstand Jürgen Kerner erbost ist über das Vorgehen der Konzernführung - und warum es etwas Hoffnung gibt.

Am Tag nach der Airbus-Schreckensnachricht ist Jürgen Kerner verärgert. Den Gewerkschafter erbost nicht allein, dass der Flugzeugbauer in Deutschland insgesamt rund 6000 von konzernweit 15.000 Arbeitsplätzen im zivilen Bereich hinwegfegen will. Mit einer Nachricht dieser Art musste der IG-Metall-Luftfahrtexperte rechnen. Schließlich ist die Produktion bei dem europäischen Konzern im Zuge der Corona-Krise um bis zu 40 Prozent eingebrochen.

Was den einstigen Chef der Augsburger IG-Metall derart irritiert, ist die Art und Weise, wie die Airbus-Führung die Horror-Meldung kommuniziert hat. Der gebürtige Augsburger bringt kein Verständnis dafür auf, dass die Verantwortlichen des Unternehmens betriebsbedingte Kündigungen nicht ausschließen. Er empfindet die Ankündigung als „Drohung“. Das sieht Augsburgs IG-Metall-Chef Michael Leppek ähnlich. Kerner sagt gegenüber unserer Redaktion zu möglichen betriebsbedingten Kündigungen: „Das ist ein Schlag ins Gesicht der Beschäftigten.“

IG-Metall-Vorstand Kerner: „Das ist ein Schlag ins Gesicht der Beschäftigten.“
Bild: Bernd von Jutrczenka, dpa

Der Gewerkschaftsführer hält der Airbus-Führung vor, zu früh den Entlassungshammer auf den Tisch zu packen. Zunächst einmal müssten andere, „sozial verträgliche“ Werkzeuge eingesetzt werden. Der Gewerkschafter schlägt hier für die deutschen Werke die Verlängerung der Kurzarbeit von zwölf auf 24 Monate vor, um so den wohl noch länger andauernden Absatzeinbruch abzufedern. Zudem könne das Unternehmen Beschäftigten verstärkt Ausstiegslösungen für Ältere anbieten oder die Möglichkeit wahrnehmen, frei werdende Stellen nicht zu besetzen. Ein solcher Job-Abbau wird in der Fachsprache „sozial verträglich“ genannt.

Betriebsbedingte Kündigungen sind das Gegenteil eines derart auf Interessensausgleich setzenden Vorgehens. Der IG-Metall-Vorstand fordert die Airbus-Führung hinsichtlich betriebsbedingter Kündigungen auf: „Die Bedrohung muss weg.“ Und er bittet die Manager nach vergeblichen Anläufen in der Vergangenheit, „nun endlich zu sagen, wie es mit Premium Aerotec als Unternehmen weitergeht: „Ein nochmaliges Hinhalten ist hier nicht akzeptabel. Eigentum verpflichtet. Der Premium-Aerotec-Eigentümer Airbus muss Verantwortung zeigen.“

Airbus-Stellenabbau: Nun soll Ministerpräsident Söder handeln

Der Hintergrund reicht weit in die Vergangenheit zurück. Denn immer wieder war diskutiert worden, ob die in Augsburg sitzende Airbus-Tochter Premium Aerotec, für die dort noch knapp 3500 Beschäftigte tätig sind, wieder in den Airbus-Konzern eingegliedert werden soll oder teilweise, ja vielleicht sogar ganz an einen Investor verkauft wird. Doch eine Veräußerung in Corona-Zeiten mit massiven Umsatzeinbrüchen scheint schwer möglich zu sein. Langfristig würde mancher Augsburger Premium-Mitarbeiter zumindest den Einstieg eines Partners begrüßen, weil das Unternehmen so leichter die Abhängigkeit von Airbus verringern und sich auch weitere Kunden zur besseren Auslastung des Standortes suchen kann.

Auch bei Premium Aerotec sollen Stellen gestrichen werden.
Bild: Ulrich Wagner

Kerner fordert nun Bayerns Ministerpräsident Markus Söder wie Vertreter der Bundesregierung auf, „sich weiter massiv für die Interessen von Premium Aerotec einzuschalten“. Ihm missfällt, „dass in Deutschland 6000 und in Frankreich nur 5000 Arbeitsplätze abgebaut werden sollen“. Dabei stehen in Deutschland laut Airbus 5100 Jobs wegen den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise auf der Kippe. Nach Lesart der Gewerkschaft sind es 6000, weil der Konzern weitere 900 zusätzlich bei Premium Aerotec streichen möchte.

Diese Arbeitsplätze würden dann aber nicht Opfer der Pandemie, sondern eines früheren Sanierungsprogrammes für den Luftfahrtzulieferer. Kerner ist empört über die Summierung der Abbauzahlen: „Dies wurde noch letzte Woche mit dem Airbus-Management anders vereinbart.“ Letztlich steht besonders der Standort Augsburg unter Druck. Die Geschäftsführung von Permium Aerotec hatte in der Vergangenheit dort einen Abbau von bis 1100 Stellen zur Diskussion gestellt. Noch ist unklar, wie viele Jobs nun in Augsburg gefährdet sind.

Vielleicht könnten noch viele Stellen bei Airbus gesichert werden

Hier sorgte auch Airbus–Spitzenmanager Michael Schöllhorn, der Chief Operating Officer des Konzerns ist, auf Nachfragen unserer Redaktion nicht für Aufklärung. Er machte aber eine interessante Rechnung auf: Danach könnte die Höhe des Arbeitsplatzabbaus in Deutschland um 1500 Stellen verringert werden, wenn die Voraussetzung geschaffen wird, die Kurzarbeit von zwölf auf 24 Monate zu verlängern. Dann stünden noch 3600 Stellen im Feuer. Der Manager deutete sogar an, dass bei Airbus weitere etwa 500 Positionen für Ingenieure gesichert werden könnten, wenn der deutsche Staat die Luftfahrtforschung noch großzügiger als bisher unterstützt.

Bei politischem Flankenschutz ist wohl noch einiges drin. Dabei scheint die Airbus-Führung der Bundesregierung auf die Füße getreten zu sein, schließlich werden mehr Jobs in Deutschland als in Frankreich zur Disposition gestellt. Wirtschaftsminister Peter Altmaier verspürt schon einen gewissen Schmerz und warnte den Konzern vor einer Benachteiligung deutscher Standorte. Die Bundesregierung gehe davon aus, dass kein Land beim Airbus-Umbau benachteiligt werde. Die Aktion „Job-Abbau“ ist zum Politikum geworden“. Nicht nur in Berlin, auch in Paris regt sich Widerwillen. In Frankreich glaubt man, Airbus müsse nicht so viele Stellen absägen. Spitzen-Manager Schöllhorn warnt indes eindringlich: „Es ist die schwerste Krise der Luftfahrt seit ihrem Bestehen.“

Lesen Sie dazu auch unseren Kommentar: Airbus-Chef kann Kahlschlag noch verhindern

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