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Abgas-Skandal

26.03.2021

Volkswagen will jetzt Geld von Stadler und Winterkorn

Rupert Stadler (links) und Martin Winterkorn im Jahr 2014.
Foto: Julian Stratenschulte, dpa

Strafrechtlich hat "Dieselgate" für die beiden Ex-Top-Manager schon ein Nachspiel. Kommen nun auch noch Schadenersatzforderungen auf Stadler und Winterkorn zu?

Der Volkswagen-Aufsichtsrat hat mehr als fünf Jahre gebraucht, um sich durchzuringen, Schadenersatz im Zuge des Diesel-Skandals gegen ehemalige Top-Manager zu erheben. Doch nun, nachdem 65 Petabyte Daten gesichert, mehr als 480 Millionen Dokumente erfasst und gut 1550 Interviews sowie Vernehmungen geführt wurden, steht fest: Der Konzern macht Schadenersatzansprüche allen voran gegen den früheren VW-Boss Martin Winterkorn und Ex-Audi-Chef Rupert Stadler geltend. Beiden wirft der Aufsichtsrat aktienrechtliche Sorgfaltspflichtverletzungen vor. Dabei hätten die Untersuchungen keine Pflichtverletzungen anderer damaliger VW-Vorstände ergeben. Noch macht der Konzern-Aufsichtsrat keine Angaben zur Höhe der Schadenersatzforderungen.

Hinter den Kulissen in Wolfsburg wird aber kräftig spekuliert. So ist die Rede davon, Volkswagen könnte einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag von Winterkorn fordern. Für Stadler kursieren noch keine Summen. Wie verlautet, wolle VW die einstigen obersten Chefs nicht in den finanziellen Ruin treiben, auch wenn die Diesel-Affäre Volkswagen Milliarden kostet und dem Ruf des Unternehmens schweren Schaden zugefügt hat.

Winterkorn gilt als gesundheitlich angeschlagen

Somit ist klar: Der Volkswagen-Aufsichtsrat, in dem die Eigentümerfamilien Piëch und Porsche neben dem Land Niedersachsen vertreten sind, planen keinen Rachefeldzug gegen den 58-jährigen Stadler und den 73-jährigen Winterkorn, zumal Letzterer nach Informationen aus seinem Umfeld gesundheitlich angeschlagen sei und eine Operation benötige.

Dass die VW-Mächtigen ihre so tief gefallenen einstigen Super-Stars nicht in den finanziellen Abgrund stürzen wollen, belegt auch ein Schreiben des Aufsichtsrates an die Belegschaft des Konzerns, das unserer Redaktion vorliegt. Darin heißt es: „Sowohl Herr Professor Winterkorn als auch Herr Stadler haben sich große Verdienste um den Volkswagen-Konzern erworben.“ Auf der Habenseite dieser außergewöhnlichen Persönlichkeiten stehe unbestritten weiterhin eine beeindruckende Lebensleistung, geht zudem aus dem interessanten Text hervor.

Die VW-Kontrolleure wollen also die Erfolge von Winterkorn, der früher nur ehrfürchtig „Wiko“ im Konzern genannt wurde, und Stadler, unter dem Audi einen enormen Aufstieg vollzogen hat, nicht in Abrede stellen. Bei Siemens wurden die früheren Vorstände nach Aufdeckung des Korruptionsskandals und entsprechender Schadenersatzforderungen nicht mit derart vielen wohlwollenden Worten bedacht. Schließlich ist den Aktionären von Siemens wie Volkswagen durch die jeweiligen Skandale ein immenser Schaden entstanden. Die VW-Verantwortlichen haben es sich jedenfalls nicht leicht gemacht, gegen die einstigen Top-Manager Schadenersatzforderungen zu erheben.

Die Motoren wurden zwischen 2009 und 2015 eingebaut

Das zieht sich wie ein roter Faden durch die offizielle Erklärung des Aufsichtsrates. Dort wird darauf verwiesen, dass die jetzt abgeschlossene Untersuchung die mit Abstand aufwendigste in einem Unternehmen in der deutschen Wirtschaftsgeschichte gewesen sei. Der nun im Zuge der konzerninternen Ermittlungen, die sich auch auf Akten der Staatsanwaltschaft stützten, erhobene Hauptvorwurf gegen Winterkorn lautet: Der Manager habe es ab 27. Juli 2015 unterlassen, die Hintergründe des Einsatzes unzulässiger Software-Funktionen in 2,0-Liter-TDI-Dieselmotoren unverzüglich und umfassend aufzuklären.

Foto: Christoph Schmidt, dpa

Solche manipulierten Motoren, die auf der Straße deutlich mehr gesundheitliche Stickoxide als auf Prüfständen ausgestoßen haben, wurden zwischen 2009 und 2015 auf dem US-Markt verkauft. Winterkorn hat bekanntlich alles daran gesetzt, dass VW endlich mehr Fahrzeuge in Amerika absetzt. Das sollte mit dem angeblich sauberen Diesel passieren.

Stadlers Anwälte äußern sich auf Anfrage nicht

Auch Stadler, der derzeit im Zuge des Diesel-Skandals in München vor Gericht steht, verletzte nach Auffassung des Aufsichtsrates seine Sorgfaltspflichten, indem er es ab 21.September 2016 unterließ, Autos auf unzulässige Softwarefunktionen zu untersuchen, in die von Audi entwickelte Motoren eingebaut wurden. Solche Diesel-Motoren fanden sich in der EU in VW-, Audi- und Porschefahrzeugen. Die juristischen Vertreter Stadlers wollten sich am Freitag auf Anfrage unserer Redaktion nicht zu den Vorwürfen und Forderungen des VW-Aufsichtsrates äußern.

Winterkorns Anwälte wiesen die Anschuldigungen zurück. Doch nicht nur Winterkorn und Stadler müssen damit rechnen, Schadenersatz an ihren einstigen Arbeitgeber zahlen zu müssen. VW geht auch gegen die Ex-Audi-Vorstände Professor Ulrich Hackenberg und Stefan Knirsch vor. Der frühere Audi-Technik-Papst Hackenberg wurde im VW-Reich respektvoll „Hacki“ genannt. Mit dem wie Stadler in München vor Gericht stehenden Ex-Porsche-Vorstand Wolfgang Hatz erhebt Volkswagen gegen eine weitere frühere Führungsfigur finanzielle Ansprüche.

Zu diesem Thema gibt es auch einen Kommentar: Warum Volkswagen den Dieselskandal überleben wird

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