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Soziales

13.07.2018

Aichacher Caritas Sammler sind oft auch Zuhörer

Weiß aufgedeckte mit Blumen geschmückte Tische erwarteten die Caritas-Sammler in den Ulrichswerkstätten Aichach. Bedient wurden sie von Beschäftigten, also Menschen mit Einschränkungen.
Bild: Bernhard Gattner/Caritas

Die Haussammler sind für den Wohlfahrtsverband ein wichtiger Faktor bei der Finanzierung. In den Ulrichswerkstätten Aichach erleben sie, wofür sie das tun

Zweimal im Jahr macht sich Anneliese Festl (80) aus Neusäß (Kreis Augsburg) auf durch die Straßen ihrer Pfarrgemeinde. Eine ganze Woche lang ist sie unterwegs, geht von Tür zu Tür, bittet um Spenden für die Frühjahrs- und Herbstsammlung des Caritasverbands der Diözese Augsburg. Seit 30 Jahren macht sie das schon. „Der Pfarrer hat mich damals so gebettelt, dass ich das tue!“ Als Dank für ihren treuen Dienst wurde sie, wie alle Caritas-Sammler im Bistum, vom Caritasverband der Diözese Augsburg e. V. in die Ulrichswerkstätten Aichach der CAB Caritas Augsburg Betriebsträger gGmbH zu einem Mittagessen, einer Führung durch die Werkstätten und Kaffee und Kuchen eingeladen.

130 Sammler hieß Diözesan-Caritasdirektor Domkapitular Andreas Magg willkommen. Es war die zweite Veranstaltung dieser Art. „Wir wollen zeigen, wie dankbar wir für Ihren verantwortungsvollen Dienst an den Menschen sind“, sagte Magg. „Sie sind nicht nur Spendensammler, sondern auch Botschafter, die auf die Not der Menschen aufmerksam machen.“

Der Caritasdirektor spricht dies hinein in eine Zeit, in der die Sammler in den Pfarrgemeinden immer weniger werden. Das Durchschnittsalter ist hoch. Eine Online-Umfrage der Caritas bei den Pfarreiengemeinschaften im Bistum hat jüngst ergeben, dass 55 Prozent zwischen 65 und 80 Jahre alt sind, 37 Prozent zwischen 45 und 65, verschwindend gering der Anteil der noch Jüngeren. Die allermeisten sind Frauen.

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1,4 Millionen Euro werden gesammelt

Die wenigen, die den Dienst noch tun können, nehmen oft noch weitere Straßen hinzu von jenen, die nicht mehr sammeln können oder verstorben sind. „Ich lauf’ zum Teil mit vier Listen“, berichtet Anni Schenk (76) aus dem Meitinger Ortsteil Herbertshofen im Kreis Augsburg, „sonst würde ja in manche Straßen niemand mehr gehen!“ Wen immer man an diesem Nachmittag in den Ulrichswerkstätten fragt – alle tun sie diesen Dienst selbstverständlich, meist schon „seit Ewigkeiten“. Sie sind verwurzelt in ihrer Gemeinde, sie kennen die Leute und die Leute kennen sie. „Ich weiß von etlichen, die jedes Jahr auf mich warten, vor allem ältere Menschen, die niemanden zum Erzählen haben“, meint Roswitha Deller (55) aus Herbertshofen. Da könne es schon mal vorkommen, dass sie zwei Stunden dort verbringt und nur zuhört. Wenn’s sein muss, „jedes Mal dieselbe Lebensgeschichte“.

Zwischen 150 und 300 Euro kommen bei jedem in der Haussammlungswoche im Schnitt zusammen. 1,4 Millionen Euro sind es im Bistum. Spendengeld, das dort hinfließt, wo es notwendig ist: ein Drittel für karitative Zwecke in die eigene Pfarrei, je ein weiteres Drittel an den Kreis-Caritasverband Augsburg und den Diözesancaritasverband für Dienste – etwa Beratungsdienste –, die nicht refinanziert werden.

Was Caritassammler tun, geht jedoch weit über das Spenden sammeln hinaus. Sie sind das Gesicht der Pfarrei, der Kirche. Sie schauen auch mal hin, wo Not ist. „Es kann schon mal vorkommen, dass ich beim Sammeln merke, wenn jemand krank ist. Ich sag’s dann im Pfarrbüro weiter, dass jemand hingeht“, berichtet Theresia Fritz (62) aus Türkheim. Sie ist mit fast 30 Kolleginnen aus Türkheim im Landkreis Unterallgäu nach Aichach gekommen. Dort funktioniert das mit den Sammlerinnen noch gut. Der Trend aber geht woanders hin: Ein Viertel der Pfarreiengemeinschaften unternimmt überhaupt keine Haussammlungen mehr, sondern wählt den Weg über Überweisungsträger. „Dann gibt’s das halt nicht mehr, dass jemand sagt: Weil Du es bist, geb’ ich Dir was“, meint Sammlerin Anni Schenk.

Die Sammler spüren aber auch Gegenwind, kommen an Türen, wo sie abgewiesen werden. Von Leuten, denen die Kirche fremd ist und die deshalb nichts geben wollen. Die Sammler kennen es, wenn sie mit Vorwürfen konfrontiert werden nach dem Motto „Wer weiß, wohin das Geld geht?“ Auch deshalb tut ihnen diese Einladung des Caritasverbands der Diözese nach Aichach so gut. Weil hier jemand Danke sagt und ihr Tun wertschätzt.

Und weil sie bei der Führung durch die Werkstätten beispielhaft erleben dürfen, was die Caritas, in deren Auftrag sie unterwegs sind, so macht. In der Begegnung mit den Menschen mit Behinderungen an ihrem Lebens- und Arbeitsort wurde ihnen ein Menschenbild vermittelt, das jeden Menschen wertschätzt mit dem, was er an eigenen Fähigkeiten mitbringt. Daran mitwirken zu können, und sei es nur als Sammler unterwegs zu sein, erfüllt die meisten mit Freude.

Und oft war es an diesem Nachmittag zu hören: „Ich sammle gerne. Es macht mir Freude, Gutes zu tun.“ (AN)

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