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Aichach-Friedberg

06.05.2020

Zwei Kreisräte, die zusammen über ein Jahrhundert im Amt waren

Rupert Reitberger (links) und Peter Feile waren zusammen insgesamt 102 Jahre im Kreistag .
Bild: Christian Lichtenstern

Plus Am Mittwoch konstituiert sich der neue Kreistag. 25 Kommunalpolitiker sind nicht mehr dabei, darunter mit Rupert Reitberger und Peter Feile zwei politische Urgesteine.

Wenn sich heute der neue Kreistag coronabedingt in völlig ungewohnter Räumlichkeit in der Aichacher Vierfachhalle konstituiert, dann sind 25 Kreisräte der vergangenen Wahlperiode nicht mehr dabei – sie waren zum Teil über zwei oder drei Jahrzehnte lang dabei (siehe Infoartikel). Insgesamt gehen 506 Jahre Kreistagserfahrung. Zehn Kreisräte traten nicht mehr zur Wahl an, und 15 schafften nicht mehr den Sprung ins Kreisparlament. Darunter sind auch zwei kommunalpolitische Urgesteine des Wittelsbacher Landes. Rupert Reitberger ( CSU) und Peter Feile ( SPD) traten Mitte März noch mal weit hinten auf ihren Listen an – es reichte nicht mehr. Die beiden kommen allein auf 102 Jahre im Gremium.

Sie waren insgesamt 41 Jahre als Landrats-Stellvertreter im Amt

Reitberger, 82 Jahre alt, ist länger Kreisrat, als es den Kreistag Aichach-Friedberg überhaupt gibt. Erstmals zog der Igenhausener 1966 in den damaligen Kreistag des Altlandkreises Aichach ein. 54 Jahre war er damit Kreisrat – das ist ziemlich einmalig, manche sagen auch rekordverdächtig. Wie einmalig das in Bayern mit seinen 71 Kreisen oder darüber hinaus in Deutschland ist, lässt sich schwer nachweisen. Reitberger ist aber unter Garantie einer der altgedientesten Kreisräte und Kommunalpolitiker im Freistaat und in Deutschland. Seit der Geburtsstunde des neuen Kreises 1972 war Peter Feile, 81 Jahre alt, im Kreistag.

Feile war Anfang der 80er auch parallel drei Jahre im Bundestag (hier mit Kanzler Helmut Schmidt).
Bild: AN-Archiv

Beide haben im Dezember den Ehrenring in Gold des Wittelsbacher Landes erhalten: Die höchste Auszeichnung des Landkreises wurde in 48 Jahren seit Gründung von Aichach-Friedberg überhaupt erst sechsmal verliehen. Beide waren zusammen 41 Jahre als stellvertretende Landräte im Amt. Reitberger zwölf Jahre lang von 2002 bis 2014 und Feile sogar 29 Jahre von 1991 bis 2020. Wir haben mit den beiden über die 102 Jahre im Kreistag gesprochen:

Hand aufs Herz: Sie haben acht- und neunmal die „Geburtsstunde“ eines neu gewählten Kreistags erlebt. Wären Sie heute noch mal gern dabei gewesen?

Peter Feile: Ja, das ist gar kein Geheimnis. Ich bin ja auch nicht pro forma angetreten. Aber der Wähler hat sich anders entschieden und das habe ich zu akzeptieren.
Rupert Reitberger: Nein, ich wollte ganz bewusst nicht mehr. Noch mal auf Platz 60 anzutreten, war schon ein Zugeständnis. Ich habe mit meiner Zeit im Kreistag abgeschlossen.

Welcher Kreistagskollege in einem halben Jahrhundert ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Feile: Ach, mein Gott: Das waren so viele! Aber das erstmalige Zusammentreffen der Kreisräte aus dem Norden und dem Süden im Jahr 1972 war schon beeindruckend. Da waren richtige Persönlichkeiten dabei, vor allem die Bürgermeister der damaligen Zeit.
Reitberger: Helmut Siedler. Das war der Eigentümer von Schloss Scherneck bei Rehling, den ich als ganz junger Kreisrat kennengelernt habe. Ein ungemein sympathischer Mann mit Format und Stil. Als das Aichacher Krankenhaus Anfang der 70er-Jahre nach einem Kunstfehler in Schieflage geriet, hat er sich ganz stark für die Klinik gemacht.

Sie waren ja 48 Jahre zusammen im Kreistag – nur in verschiedenen Fraktionen. An welche gemeinsame Geschichten erinnern Sie sich?

Feile: Auch an die aus der Anfangszeit. Da herrschte richtige Aufbruchstimmung und da sind so viele wichtige Zukunftsentscheidungen in allen Bereichen getroffen worden. Wir von der SPD waren zwar irgendwie alle gegen diese Fusion, aber wenn’s denn so sein muss, dann machen wir es richtig gut. Das war unser Motto. Und dann ging die Aufholjagd los.
Reitberger: Wir haben uns immer gut verstanden. Nur einmal nicht, als ich als junger Heißsporn bei einer Versammlung die Ostpolitik von Willy Brandt attackiert habe. Heute sehe ich das auch anders. Damals hat der Peter Feile gesagt, „den Reitberger schaue ich nicht mehr an“. Aber wir haben dann bald wieder zusammengefunden.

Welche Entscheidung als Kreisrat hat Sie am meisten umgetrieben?

Feile: Zweimal ging’s für mich als Friedberger dabei um Aichach. Natürlich die hochemotionale Entscheidung über den Sitz der Kreisverwaltung. Und dann der Kampf um ein neues, topmodernes Krankenhaus. Und natürlich die aufreibenden Diskussionen um die Abfallbeseitigung. Zum Beispiel die Stichworte „Arsen im Gallenbacher Berg“ und „Müllhalde am Gumppenberg“.
Reitberger: Ganz klar die Entscheidungen über den Landrat im neuen Landkreis und wo der Kreissitz sein soll. Das war damals unheimlich emotional.

Was war das schönste Erlebnis in Ihrer Zeit als Kreisrat?

Feile: Die Wahl zum stellvertretenden Landrat im Jahr 1991. Das war für mich ein Stück weit Anerkennung.
Reitberger: Das ist aus der gleichen Zeit: Dass sich Josef Bestler als Landrat durchgesetzt hat und dass aus Augsburg-Ost Aichach-Friedberg und heute das Wittelsbacher Land wurde.

Landrat Christian Knauer vereidigte seinen Stellvertreter Rupert Reitberger.
Bild: Thomas Goßner (Archiv)

Was war der größte Fehler der Kreispolitiker des Wittelsbacher Landes in Ihrer Amtszeit?

Feile: Vielleicht, dass die Ansiedlung einer Beruflichen Oberschule in Dasing nicht gelungen ist. Das hätte die Landkreismitte sicher aufgewertet. Das war 2009 bei der Entscheidung über den Standort der vierten Realschule ja im Gespräch. Die Gemeinde hat das abgelehnt und wollte die Realschule. Persönlich bedauere ich auch, dass die Idee für eine zivile Nutzung des Flughafens in Lagerlechfeld im Kreistag abgelehnt worden ist. Und die Aufgabe des Kreisguts in Aichach als landwirtschaftlicher Betrieb war eine Fehlentscheidung. Jetzt sind wir Ökomodellregion. Was hätten wir da alles machen können?
Reitberger: Da fällt mir nicht viel ein. Die Abfallverwertungsanlage in Lechhausen zu bauen, war ja sehr umstritten, und auch ich habe meine Zweifel daran gehabt. Im Nachhinein war es aber die richtige Entscheidung.

Fehler? Ablehnung für Zivilnutzung von Lagerlechfeld

Was ist aus Ihrer Sicht der größte Erfolg in der Kreispolitik in Ihrer Zeit?

Feile: Der Stellenwert des Landkreises im Vergleich zu unseren Nachbarn hat sich in allen Bereichen rasant verbessert. Wir sind jetzt überall auf Augenhöhe: bei den Bildungsangeboten, in der Krankenhauslandschaft, bei Gewerbeansiedlungen und der gesamten Infrastruktur.
Reitberger: Das ist die Gesundheitspolitik, aber noch mehr die Schulpolitik. Wir hatten 1966 im ganzen Altlandkreis Aichach noch keine einzige weiterführende Schule. Heute sind wir ein Bildungslandkreis mit allen Angeboten und insbesondere auch bei den Beruflichen Schulen sehr gut aufgestellt. Da gab es ja zwischendurch Bestrebungen, die Berufsschulen ganz nach Augsburg abzugeben. Das wäre für einen Landkreis wie unseren mit der starken mittelständischen Struktur eine Katastrophe gewesen.

Eine Frage an zwei Kommunalpolitiker mit 102 Jahren Erfahrung: Wie kommt das Wittelsbacher Land durch die Corona-Krise?

Feile: Zuallererst: Mit so etwas wie derzeit habe ich mich in fünf Jahrzehnten in der Politik noch nicht mal im Ansatz beschäftigen müssen. Und ich habe auch kein Rezept parat, damit die Räder wieder ins Laufen kommen. 2020 ist für die Kommunen noch beherrschbar, aber 2021 wird es schon sehr schwierig und für den Kreis 2022. Denn der Einbruch der Steuereinnahmen schlägt ja erst im Nachlauf bei der Kreisumlage durch. Mit fällt dazu die erfolgreiche Haushaltsstrukturkommission in schwierigen Zeiten im Jahr 2004 ein und die anschließenden einstimmigen Beschlüsse für die Kreisumlage.
Reitberger: Ich glaube relativ gut. Die Leute hier sind zum Glück alle vernünftig und bodenständig, das hat die Zahl der Infektionen verringert. Unser großer Vorteil ist, dass wir in einem ländlichen Raum leben und sich die Menschen ja trotz Einschränkungen gut frei bewegen können. Das Krankenhaus Aichach ist derzeit kaum ausgelastet. Da bleibt offen, wer diese Verluste für den Landkreis ausgleicht.

Was Feile und Reitberger dem Landkreis Aichach-Friedberg wünschen

Was wünschen Sie dem Landkreis Aichach-Friedberg für die Zukunft?

Feile: Weiterhin eine erfolgreiche Zukunft. Jenseits der aktuellen Krise sehe ich allerbeste Aussichten.
Reitberger: Ich wünsche ihm verantwortungsvolle Kreispolitiker, die eine glückliche Hand haben, die sich erst gründlich informieren, dann abwägen und dann entscheiden.

Glauben Sie, dass es noch mal Kreisräte oder Kreisrätinnen im Wittelsbacher Land geben wird, die 48 oder gar 54 Jahre im Amt sind?

Feile: Glauben heißt ja nichts wissen. Ich weiß es nicht. Bei mir hat es sich so ergeben. Aber wenn ich mir die neu gewählten Kreisräte so anschaue. Da sind ja auch ein paar ganz junge dabei. Der Herr Santa ist ja erst 26 …
Reitberger: Ich hoffe es und ich glaube auch daran. Die jüngsten Kreisräte sind ja aktuell in einem Alter, das ich damals hatte, als ich zum ersten Mal gewählt wurde. Und wenn es mit dem Altern und den medizinischen Fortschritten so weitergeht, dann ist es ganz sicher möglich.

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