Newsticker
RKI meldet 17.855 Neuinfektionen, Inzidenz steigt auf 129
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg Land)
  3. „So schlimm war es noch nie“: In Apotheken fehlen Medikamente

Landkreis Augsburg

19.01.2020

„So schlimm war es noch nie“: In Apotheken fehlen Medikamente

Dr. Franz Willer von der Paracelsus-Apotheke in Schwabmünchen hat wie viele seiner Kollegen im Augsburger Land auch damit zu kämpfen, dass viele Medikamente nicht lieferbar sind.
Foto: Norbert Staub

Plus Immer öfter gibt es auch im Augsburger Land bei einigen Arzneimitteln Lieferschwierigkeiten. Der Engpass betrifft mittlerweile sogar Impfstoffe.

Der Schädel brummt, die Nase läuft und die Glieder schmerzen. Kein Problem. Schnell in die Apotheke, eine Packung Ibuprofen verlangen und schon ist Besserung in Sicht. Von wegen. Der Medikamentenmangel macht auch vor dem Augsburger Land nicht halt. „Und das Problem wird immer größer“, sagt Oliver Teuber von den Apotheken Via Claudia. Teuber hat ein Geschäft in Meitingen und eine Niederlassung in Stadtbergen und steht immer öfter vor der Herausforderung, das gewünschte Medikament im Sortiment zu haben. Und damit ist er nicht alleine.

„Ich bin jetzt schon 30 Jahre im Geschäft, aber solche Probleme hatten wir noch nie“, sagt Dr. Franz Willer von der Paracelsus-Apotheke in Schwabmünchen: „Die Situation hat sich von Jahr zu Jahr verschlechtert, und inzwischen gibt es rund 200 gängige Medikamente, die nicht mehr lieferbar sind, darunter auch Arzneien wie Blutdruck- oder Schmerzmittel.“ Der Schwabmünchner Apotheker spricht von einem „untragbaren Zustand“.

Medikamentenmangel: Sogar Ibuprofen war schon rar

Teuber kann die Aussage seines Kollegen nur bestätigen. Lieferengpässe würden immer öfter auftreten und es sei mittlerweile traurige Realität, dass der Kunde zu hören bekommt, dass verschriebene Arzneien erst in der nächsten Woche wieder verfügbar seien. Der Engpass betreffe dabei das gesamte Sortiment der Medikamente. „Vor einiger Zeit war tatsächlich Ibuprofen nur noch sehr schwer zu bekommen, dann gab es Probleme bei den Sartanen“, sagt Teuber.

Sartane sind blutdrucksenkende und gefäßerweiternde Wirkstoffe, die für die Behandlung von Herz-Kreislauf- und Nierenerkrankungen eingesetzt werden. Also Medikamente, die nicht so einfach abgesetzt werden dürfen. Und das ist nicht das einzige Problem. „Auch Impfstoffe werden teilweise immer knapper“, sagt Teuber.

Viele Medikamente kommen aus dem Ausland

Den Grund für die prekäre Situation sieht der Apotheker unter anderem in der ausgelagerten Produktion. „Pharmahersteller lassen ihre Medikamente mittlerweile überwiegend in Indien, Island oder China herstellen.“ Oft seien die Firmen mit der Produktion einzelner Chargen über Wochen hinaus ausgebucht. Steigt plötzlich der Bedarf an gewissen Arzneimitteln, fehlt unter anderem die Flexibilität, die Produktion entsprechend anzupassen. Auch der finanzielle Aspekt spiele eine Rolle. „Wenn ein Hersteller sieht, dass er beispielsweise in Frankreich für seinen Impfstoff mehr bekommt als in Deutschland, verkauft er ihn natürlich dort“, sagt Teuber. Fazit: Deutsche Apotheken schauen in die Röhre.

Ähnlich sieht es bei der Marien Apotheke in Großaitingen aus. Inhaber Hubert Mayr: „Es gibt zahlreiche Engpässe, vor allem bei Blutdruckmitteln oder Schilddrüsenhormonen.“ Insbesondere bei dem weitverbreiteten Blutdrucksenker Candesartan komme es immer wieder zu Engpässen bei bestimmten Packungsgrößen.

Apotheker über den Medikamentenmangel: Das ist verrückt

Viele Medikamente kommen nur noch in bestimmten Kontingenten in seiner Apotheke an, berichtet der Schwabmünchner Dr. Franz Willer. „Ich komme mir bei den Zuteilungen vor wie in der Planwirtschaft. Das ist schon verrückt, was da so alles abgeht.“ Bestimmte Medikamente seien oft monatelang nicht lieferbar.

Die Versorgung sei chaotisch, und beim Großteil der ausgestellten Rezepte gäbe es Probleme, berichtet Willer. Nicht nur, dass bestimmte Produkte nicht lieferbar sind – den Apothekern machen auch die „Rabattarzneimittel“ zu schaffen. Dabei haben Krankenkassen und Arzneimittelhersteller Rabatte vereinbart, sodass man dem Patienten ein bestimmtes Mittel geben muss. „Und wenn die Rabattarzneimittel nicht lieferbar sind, dann verdienen wir nichts mehr an den Medikamenten“, so Willer. Sein Kollege Teuber fordert daher mehr Flexibilität bei den Rabattverträgen.

Abhilfe schaffen könnte laut Teuber etwa eine zentrale Datenbank für Apotheken. „Bei drohenden Engpässen könnten wir so früher vorgewarnt werden und entsprechend reagieren.“ Dass Kunden sich nun aufgrund fehlender Medikamente verstärkt auf die Online-Apotheken konzentrieren, glaubt Teuber nicht.

„Wir punkten im Vergleich zum Internet mit dem Service vor Ort“, sagt er. Denn eine persönliche Beratung in Zeiten des Medikamentenmangels und die Suche nach medizinischen Lösungen, wenn der Schädel brummt, die Nase läuft und die Glieder schmerzen, sei nach wie vor die große Stärke der Apotheken.

Lesen Sie dazu auch


Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren