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Prozess in Augsburg

24.01.2019

Ankläger fordern harte Strafe für pädophilen Kinderarzt Harry S.

Dr. Harry S. steht zum zweiten Mal in Augsburg vor Gericht.
Bild: Stefan Puchner (Archiv)

Wie soll das Urteil im Augsburger Missbrauchsprozess gegen Kinderarzt Harry S. ausfallen? Staatsanwaltschaft und Verteidiger liegen sehr weit auseinander.

Am Ende des Prozesstages steht Dr. Harry S., 43, auf. Er sammelt sich kurz, dann spricht er in klaren, deutlichen Sätzen. Er sagt: „Ich schäme mich.“ Und er verspricht, alles zu tun, damit von ihm keine Gefahr mehr ausgeht. Es sind die letzten Worte, die jedem Angeklagten in einem Prozess zustehen. Harry S. hat über viele Jahre ein Doppelleben geführt. Er war ein angesehener Kinderarzt. Doch er hat in dieser Zeit auch mehr als 20 Jungen sexuell missbraucht. Nun muss zum zweiten Mal ein Gericht entscheiden, wie er dafür zu bestrafen ist.

In einem ersten Prozess, im März 2016, ist der Kinderarzt von der Jugendkammer des Landgerichts zu dreizehneinhalb Jahren Gefängnis und Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Harry S. hatte bereits in diesem Prozess ein Geständnis abgelegt. Mit dem Urteil, das nahe an der Höchststrafe von 15 Jahren lag, war er aber nicht einverstanden. Seine Anwälte Ralf Schönauer und Moritz Bode legten deshalb Revision ein. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil teilweise auf. Aus Sicht der Bundesrichter ist nicht ausreichend geprüft worden, ob er bei den Taten – wie im Urteil angenommen – wirklich voll schuldfähig war.

Augsburger Staatsanwaltschaft sieht keine Chance für Strafmilderung

In der Neuauflage des Prozesses bewerteten gleich vier Gutachter den Angeklagten. Zwei waren von der Justiz beauftragt, zwei weitere von den Verteidigern des Angeklagten. Allerdings sind alle Gutachter zum Ergebnis gekommen, dass Harry S. voll schuldfähig war. Darauf beruft sich auch die Staatsanwaltschaft. Harry S. habe sein Berufsleben stets im Griff gehabt, und er habe sich so kontrollieren können, dass er bei der Arbeit keine Kinder missbrauchte, sagt Staatsanwältin Tanja Horvath. Eine Strafmilderung komme daher nicht infrage.

Tanja Horvath fordert erneut eine lange Haftstrafe und plädiert für dreizehneinhalb Jahre. Das entspricht exakt dem Strafmaß, welches das Landgericht im ersten Prozess verhängt hat. Die Staatsanwaltschaft hat im ersten Prozess 14 Jahre und sechs Monate beantragt. Dass es nun ein Jahr weniger ist, begründet Tanja Horvath mit der langen Dauer des Verfahrens. Mehr wäre auch unrealistisch. Da die Staatsanwaltschaft nicht gegen das erste Urteil vorgegangen ist, gilt für den Angeklagten ein sogenanntes Verschlechterungsverbot. Das heißt: Das neue Urteil, das von der 3. Strafkammer das Landgerichts gefällt wird, darf nicht strenger ausfallen als das erste. Erneut fordert die Staatsanwaltschaft auch Sicherungsverwahrung, weil von Harry S. weiter „eine Gefahr für Allgemeinheit“ ausgehe. Zudem soll der Arzt ein lebenslanges Berufsverbot bekommen.

Die Verteidiger des Kinderarztes halten die erste Strafe für viel zu hoch

Die Verteidiger sind der Ansicht, dass die erste Strafe deutlich zu hoch war. Ralf Schönauer und Moritz Bode weisen darauf hin, dass das Geständnis des Kinderarztes zu wenig berücksichtigt worden sei. Zudem habe Harry S. schon im Rahmen des ersten Prozesses an mehrere Opfer Schmerzensgeld bezahlt und sich nun auch noch zu weiteren Zahlungen verpflichtet. Die Verteidiger beantragen eine Haftstrafe von maximal acht Jahren – ohne Sicherungsverwahrung.

Harry S. habe sich schon in der Untersuchungshaft intensiv um eine Therapie bemüht, sagen sie. Er sei einsichtig und wolle alles daransetzen, nicht mehr rückfällig zu werden. Auch das lebenslange Berufsverbot lehnen die Anwälte ab. Man dürfe Harry S. die Zukunft nicht komplett verbauen, argumentieren sie. Wenn er eines Tages entlassen wird, würde Harry S. gerne wieder als Mediziner arbeiten. Aber in einem anderen Bereich, sagt Moritz Bode – etwa in der Altersmedizin oder der Pathologie.

Er hat Kinder auf der Straße angesprochen und in Keller gelockt

Harry S. hat in den meisten Fällen Kinder auf der Straße angesprochen, sie in nahe gelegene Tiefgaragen oder Keller gelockt und missbraucht. Er verging sich aber auch an Söhnen von guten Freundinnen. Teils war er für diese Kinder eine Art Ersatzvater. Die gravierendste Tat beging er im Jahr 2014. Damals entführte er in Hannover, wo er zu dieser Zeit arbeitete, einen fünfjährigen Jungen, betäubte ihn mit einem Medikament und missbrauchte ihn. Später setzte er das verstörte Kind wieder auf der Straße aus.

Das neue Urteil will das Gericht am nächsten Dienstag verkünden. Anwältin Marion Zech, die einen missbrauchten Jungen vertritt, fordert den Angeklagten bereits jetzt auf: „Seien Sie Manns genug und nehmen Sie dieses Mal das Urteil an, egal wie es ausfällt.“ Das sei Harry S. den Opfern schuldig.

Lesen Sie hier: Die Lebensbeichte des pädophilen Kinderarztes (Plus+)

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