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Coronavirus

17.03.2020

Abschied ins Mobile Office: Die Gedanken spielen Ping Pong

Unser Kollege arbeitet nun – wie viele andere Kollegen auch – im Home-Office.
Bild: Rawpixel, Fotolia

Unser Autor geht ins Mobile Office, erst mal für zwei Wochen, vielleicht auch länger. Ein Text über einen ungewohnten Abschied – und die Tücken einer dezentralen Zeitungsproduktion.

Mir ist nie aufgefallen, wie laut der ehemals weiße, über die Jahre zunehmend ins Grau melierte Lichtschalter ächzt, wenn ich ihn drücke. Vielleicht habe ich es auch einfach nie wahrgenommen, weil nur einen Meter weiter gerade immer mindestens eine Zeitungsausgabe geplant, ein Leitartikelthema besprochen, ein Wochenenderlebnis ausgetauscht werden musste. 

Außergewöhnliche Situationen schärfen die Sinne, in meinem Fall den Hörsinn. In der Chefredaktion der Augsburger Allgemeinen hören und lesen wir viel dieser Tage: Fragen von Kolleginnen und Kollegen: „Klappt das mit der Zeitungsproduktion im Mobile Office auf 15 Zoll–Monitoren?“, „Wie besprechen wir Themen mit Berlin oder München?“, „Können wir sicherstellen, dass unsere Leser die Zeitung am nächsten Tag im Briefkasten haben?“ Antworten von Geschäftsführung und Verlagsleitung: „Ihr könnt die großen Monitore mit nach Hause nehmen“, „Wir haben die Produktion Stand jetzt gesichert“, „Die Zustellung ist aktuell gewährleistet“. Einschätzungen von Experten am Telefon. Und auch Dutzende Sorgen von Angehörigen via WhatsApp. Ich muss mich zwingen, das Gehörte und Gelesene bewusst zu verarbeiten. Längst spielen meine Gedanken Ping Pong. 

Die Redaktion ist leer. Nur noch wenige Kollegen arbeiten im Büro.
Bild: Axel Hechelmann (Symbolfoto)

Mehr als 100 Kollegen arbeiten von zu Hause

Das Krisenmanagement in unserem Haus läuft gut, weil wir uns alle auf die Aufgaben konzentrieren, die anstehen. Das macht es leicht, die eigene Bedeutung richtig einzuschätzen. Jeder ist (temporär) ersetzbar, nicht nur, aber auch in der Krise. Wir als Vorgesetzte müssen seriös nach außen wie nach innen kommunizieren. Das ist unsere Verantwortung. Die eigenen Gedanken stehen hinten an. Sie tauchen auf, wenn nur einen Meter weiter gerade keine Zeitungsausgabe geplant, kein Leitartikelthema besprochen, kein Wochenenderlebnis ausgetauscht werden muss. 

An diesem Montagabend jedenfalls ächzt der Lichtschalter, als ich ihn drücke. Das grelle Neonlicht an der Bürodecke geht aus, das Kopfkino geht an: Habe ich alles mitgenommen, was ich fürs Mobile Office benötige? Ist das Telefon aufs Handy umgestellt? Habe ich allen Bescheid gegeben, dass ich ab jetzt via Mail und Telefon erreichbar bin? Wann sehe ich meine Kollegen wieder? Zwei Wochen Mobile Office: Die Vernunft verlangt es. Wir schicken mehr als 100 Kolleginnen und Kollegen zum Arbeiten nach Hause. Die Fragen, die wir anderen Unternehmen seit Jahren stellen, stellen wir uns dieser Tage selbst. Sie sind auf einen Punkt zu bringen: Sind wir bereit für mobiles Arbeiten? Die kommenden Tage werden es zeigen.

 

Der Aufzug wird mit dem Ellenbogen gerufen

„Alles klar?“ Normalerweise führen wir in der Chefredaktion beim Verlassen des Büros eher heitere Gespräche. Die Frage der Kollegin klingt an diesem Tag nicht heiter. Wir laufen am verwaisten Newsdesk vorbei, wo vor wenigen Minuten noch die Ausgabe vom Dienstag koordiniert und produziert wurde. Die Telefone stehen still, das bläuliche Licht der Displays lässt Computermäuse und Tastaturen schemenhaft erkennen. Die schwarzgrauen Stühle sind leer, die Lichterreihen an der Decke sind dunkel. Nur auf einem Monitor tummeln sich bunte Kreise, bewegen sich aufeinander zu und stoßen sich bei Berührung wieder ab. Abstand halten in Zeiten der Krise. „Social Distancing“, wenn wir doch gerade jetzt Nähe brauchen? Situationskomik kann Microsoft!  

Den Aufzug rufe ich – wie immer in den vergangenen Tagen – mit dem Ellenbogen. Das Sakko ist schon speckig an der Stelle. Wann ich es wohl wieder in die Reinigung bringen kann? Die Fragen  an mich selbst sind mitunter so leicht wie die Situation schwer ist. Ein Kollege kommt vorbei und bringt Heiterkeit in den Flur. „So häufig wie in den vergangenen Tagen bin ich noch nie im dritten Stock gewesen. Mein Ellenbogen ist offensichtlich für eine solche Situation nicht ausgelegt“, sagt er. Der Newsdesk der Redaktion – und damit der Arbeitsplatz des Kollegen – befindet sich im vierten Stock. Der Kollege mit dem „für eine solche Situation nicht ausgelegten“ Ellenbogen hilft uns seit Wochen aus, weil wir Dienstplannot in einem Ressort hatten. In drei Tagen endet sein Einsatz. Er geht wieder seiner eigentlichen Profession nach.

Vor wenigen Tagen war in Bayern noch Kommunalwahl

 Auf dem Weg zum Parkplatz begegnet uns eine Kollegin aus der Digitalredaktion. Drei Taschen hängen ihr über die Schulter. Sie bemerkt den irritierten Blick. „In der einen habe ich Tastatur und Maus. In der anderen den Dienstlaptop. Und in der dritten den Monitor“, sagt sie. Sie lacht und steckt uns an. Keine Sekunde in den vergangenen Tagen hat sich auch nur eine Kollegin oder ein Kollege bei uns beschwert über die Umstände, unter denen wir seit mehreren Ausgaben arbeiten (müssen). Selbst die herausforderndsten Rahmenbedingungen schaffen es nicht, die Teams in Augsburg wie Nördlingen, in Donauwörth wie Wertingen, in Schwabmünchen wie Günzburg, in Berlin oder München, in den USA oder Italien zu erschüttern. Die Kolleginnen und Kollegen schaffen selbst das vor Monaten aufgestellte, wahnsinnig aufwändige Print- und Digital-Programm zur Kommunalwahl in Bayern. Wahnsinn, wir haben vor wenigen Tagen tatsächlich noch gewählt…

Die Wahlhelferinnen im Jakob-Fugger-Gymnasium - Ira Eue (links) und Tina Grimm - trugen Schutzmasken.
Bild: Peter Fastl

An normalen Tagen fällt die Verabschiedung der Kollegin und mir an den nebeneinander geparkten Autos kurz, knapp und fröhlich aus. Wir wünschen uns einen schönen Abend und verschwinden in den Feierabend. Diesmal ist es anders. Die nächsten Wochen sprechen wir uns nur noch über Telefon oder Videoschalte. Dabei ist uns allen bewusst, dass unsere beruflichen Fragen lächerlich wirken angesichts derer der Kranken, Angehörigen von Verstorbenen, Kassiererinnen im Supermarkt, Krankenschwestern, Ärzten. All jener, denen dieser Virus wirklich existenzielle Fragen stellt.

Wir machen uns Sorgen darum, ob wir dem berechtigten Informationsbedürfnis der Menschen gerecht werden können. Ob wir auf 15 Zoll-Monitoren Zeitungsseiten bauen können. Ob unser Online-Redaktionssystem hält. Ob wir die Kommunikationsmittel der Wahl haben. Wir kämpfen nicht um Leben. Wir kämpfen darum, unsere Arbeit so erledigen zu können, dass Leben geschützt werden können. Wir decken Fake News auf, recherchieren Fakten, berichten umfassend und seriös. Deshalb stellen wir uns diese – lächerlich wirkenden – Fragen. 

Als das AZ-Hochhaus im Rückspiegel immer kleiner wird, verschwinden die beruflichen Fragen. Das mit dem Mobile Office werden wir schon hinbekommen. Aus dem Chef- wechsel ich in den Sohn-Modus – und wähle über Sprachsteuerung die Nummer, unter der mich meine Freunde schon zu Schulzeiten erreicht haben: „Hallo Mama, alles klar?“​​

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