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Corona und Schule

22.02.2021

Ein Blick in die Klassenzimmer: Unterricht zwischen Freude und Furcht

Schüler müssen jetzt auch an ihrem Platz Mund-Nasen-Schutz tragen.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Grundschüler und Abschlussklassen haben wieder Präsenzunterricht. Die Jüngsten jubeln, die älteren kritisieren die Politik. Und ein Mediziner weiß, worauf es jetzt ankommt.

Die Szene erinnert an den Schlussverkauf in einem Spielwarenladen. Wenn die Eingangstüren noch zu sind, aber die Besucher sich davor drängen, um als erste hineinstürmen zu können – mit dem kleinen Unterschied, dass die Fans vor der Tür mit ihren Einhorn-, Astronauten- oder Fußballmasken hier in Bobingen nicht auf Spielzeug zum Supersonderpreis warten, sondern auf Schulleiter Theo Doerfler. Es ist gleich dreiviertel acht am Montagmorgen, als Doerfler mit langen Schritten Richtung Tür schreitet, noch mal durchatmet – und öffnet.

Wo vorher alles leise war, wirken Kindergetrappel und Kindergeschrei besonders laut in der Laurentius-Grundschule im Kreis Augsburg. Nach zwei Monaten Distanzunterricht: Endlich wieder Schule. Draußen balgten sich die Kleinen und ein bisschen weniger Kleinen noch in einem Pulk, drinnen reihen sie sich wie von einer Schnur gezogen hintereinander ein, rennen die Stufen zu den Klassenzimmern hinauf – schön geordnet im Einbahnstraßensystem auf der rechten Seite der Treppe, die „Fahrbahnmitte“ markieren rot-weiße Klebebänder auf dem Boden.

Schulleiter Theo Doerfler lässt um kurz vor acht die Schüler rein.
Bild: Ulrich Wagner

Es sind Bänder, wie sie im Verkehr verwendet werden, um eine Unfallstelle abzugrenzen. Dass es ein böses Ende nimmt mit den Schulöffnungen, alles gegen die Wand fährt, das hofft keiner – und fürchtet doch jeder. Vorbereitet? Doerfler sieht seinen Schülern nach, sein Lächeln wirkt ein wenig gefroren. „Das weiß man immer erst hinterher, nicht?“

Seit Montagmorgen sind 40 Prozent der 1,65 Millionen Schüler in Bayern zurück in den Klassenzimmern – neben den Jahrgangsstufen eins bis vier auch die Abschlussklassen. Die, die den Präsenzunterricht am dringendsten brauchen, glaubt Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler). Wo der Inzidenzwert unter 100 liegt, sperren die Schulen wieder auf – fast überall außer in Teilen der Oberpfalz an der tschechischen Grenze. In der Nähe des Mutationsgebiets, wie Ministerpräsident Markus Söder sagt – und man stellt sich Landschaften vor, wie die Grundschüler sie nur aus der Alien-Version von Lego kennen.

 

Bildungsexperten, die mit wachsender Dauer des Distanzunterrichts gerade die Schwächsten mehr und mehr gefährdet sahen, hatten Präsenzunterricht schon lange gefordert. Genauso Eltern, die merkten, wie sehr ihr Kind die Freunde vermisste, wie es am PC schlechter lernte, oder die sich selbst mit der Doppelrolle zwischen Homeoffice und Lernbegleitung zunehmend überfordert sahen. Doch während die Schüler ihre Jacken ausziehen und ihre Plätze in der corona-konformen Sitzordnung im Klassenzimmer suchen, schallt es aus den Radios der Elterntaxis und Schulbusse: „Die Infektionszahlen steigen wieder.“ Ist es richtig, Schulen zu öffnen? Oder verantwortungslos und ohnehin bald wieder nichtig?

Grundschüler haben ihre Lehrerin und die Freunde vermisst

Im Klassenzimmer der 4c an der Laurentius-Grundschule herrscht dazu Einstimmigkeit – anders als in der Politik. Lehrerin Elisabeth Scholz hat die Plätze der Schüler – auf jeder Bank nur ein Kind, immerhin senkt das den Ratschfaktor – mit kleinen Schokotafeln markiert. Den morgendlichen Begrüßungssong mit Klatschchoreografie können immer noch alle. Dann sprechen die Schüler über ihre Erlebnisse im Distanzunterricht: Was war gut, was war doof? Die Finger preschen nach oben: „Gut am Distanzunterricht war eigentlich alles. Doof war, dass ich nicht in die Schule konnte“, sagt der neunjährige Lennart.

Lehrerin Elisabeth Scholz muss Abstand zu den Schülern halten.
Bild: Ulrich Wagner

Was sie an der Schule vermisst hätten, fragt die Lehrerin. „Meine Freunde!“, rufen mehrere Schüler. „Und unsere Lehrerin!“ Trotz FFP-2-Maske sieht man Elisabeth Scholz lächeln. „Ich hab’ dich auch vermisst.“ Auf ihre Freunde müssen manche der Viertklässler immer noch verzichten, die Klasse ist geteilt, die zweite Hälfte kommt erst am nächsten Tag. So ist es an fast allen Schulen, die nicht das Glück haben, dass der Platz im Klassenzimmer für alle plus Abstand reicht.

Die 4c hat ein Ritual. Geburtstagskinder dürfen sich zwei Klassenkameraden aussuchen, die ihnen gratulieren. Das muss nachgeholt werden. Wenn man nicht in Wochen, sondern in Geburtstagen zählt, wie lange die Schulen geschlossen waren, dann kommt man auch zu dem Schluss: verdammt lange. Und wenn ein Grundschulkind dem anderen wünscht, „dass du gesund bleibst und gute Noten bekommst“, dann fasst das die Problematik von Schule in Corona-Zeiten sehr treffend zusammen.

Schüler höherer Klassen streikten Anfang Februar

An den weiterführenden Schulen ist die Begeisterung weit geringer. Abschlussklassen etwa an den Gymnasien, Fach- und Berufsoberschulen sind seit Anfang Februar wieder in Präsenz. Mit der Folge, dass hunderte Schüler streikten. Sich krank melden, um nicht krank zu werden: ein Akt der Rebellion – so wie im November in Solingen, als ein Schulleiter auf eigene Faust den Präsenzunterricht abschaffte. Aber damals lag in der nordrhein-westfälischen Stadt die Sieben-Tage-Inzidenz auch bei 280.

Landesschülersprecher Moritz Meusel aus Bamberg besucht die 11. Jahrgangsstufe – und ist froh, dass er zu Hause lernen darf. Für eine Rückkehr der Mittel- und Oberstufe in den Präsenzunterricht gibt es noch keine Pläne. „Von den 12. Klassen bekomme ich ein überwiegend besorgtes und auch teils verärgertes Feedback“, berichtet Meusel am Montag unserer Redaktion. Die Angst vor der Mutation des Virus sei „allgegenwärtig“, das Hygienekonzept „höchst fragwürdig“. Meusel sagt: „Bis heute wurde noch keine Lösung für den Schulweg gefunden, das Testkonzept lässt viele Fragen offen.“ Zwar könne man bei gesundheitlichen Bedenken einen Antrag auf Beurlaubung stellen. „Aber viele haben Angst, dadurch wieder schulisch benachteiligt zu werden.“

An der Grundschule in Bobingen will kein Kind noch länger zu Hause bleiben. Alle 280 Schüler sind für den Unterricht angemeldet. Das weiß Schulleiter Theo Doerfler aber noch nicht lange. Wann, wo, wer, was und wie der Wechselunterricht laufen soll, war ebenfalls nicht früher klar. Dabei hatte der Kultusminister schon Anfang Februar versprochen, man habe „sämtliche Öffnungsszenarien in der Schublade“.

 

Theo Doerflers Schreibtisch hat gar nicht so viele Schubladen und ein Schreiben des Kultusministers liegt ihm erst seit kurzem vor. Es erreichte sein E-Mail-Postfach am Dienstagabend um 20.30 Uhr. Gibt es Unterricht nur in den Kernfächern wie im ersten Lockdown? Nein, in allen. Müssen in Religionslehre die Klassen nach Konfessionen aufgesplittet werden? Ja, auch wenn das dem Konzept des Wechselunterrichts in festen Gruppen widerspricht.

Schulen nach dem Corona-Lockdown: Was passiert, wenn die Inzidenz steigt?

Als diese Informationen bekannt waren, musste es schnell gehen. Mittwochnachmittag Lehrerkonferenz. Elternbrief am Donnerstagfrüh. Warten auf Rückmeldung bis Freitag. Irgendwie hat Theo Doerfler alles geschafft. „Aber das Schreiben hätte man schon vor zwei Wochen rausgeben können.“

Noch sieht es gut aus bei den Krankmeldungen an der Laurentius-Grundschule.
Bild: Ulrich Wagner

Eine Frage beschäftigt ihn besonders: Was ist, wenn der Inzidenzwert über 100 steigt? Auf 103 zu Beispiel? Deutet man das Papier des Ministeriums richtig, müssten die Schulen wieder in Distanzunterricht wechseln – und alles neu mit den Eltern klären, sobald der Richtwert wieder eingehalten wird. In Nürnberg kletterte er am Montag auf 101,5. Die Schulen schlossen, kaum dass sie aufgemacht hatten. Ein schier unmöglicher Organisationsaufwand. „Man läuft den Inzidenzwerten hinterher, aber man plant nicht auf lange Sicht“, sagt der 52-Jährige. „Wenn man ein niedriges Infektionsrisiko möchte, egal für welche Krankheit, müsste man das System verändern. Man müsste die Klassen dauerhaft verkleinern und mehr Personal einstellen.“

Oft hat Doerfler sich zuletzt so gefühlt, wie es der Schulleitungsverband am Freitag in einem Brandbrief an den Kultusminister formulierte: wie ein Feuerwehrmann in einem Dauerfeuer. Der Brand schwelt seit fast einem Jahr. Das kennt man sonst nur von den Buschfeuern in Australien. Nur dass jetzt das Schulklima leidet. Nicht falsch verstehen, der Bobinger Schulleiter begrüßt es, dass die Schüler zurück sind. „Unsere Schüler stammen zu 40 bis 50 Prozent aus anderen Kulturen. Übers Internet erreichen sie nicht alle zuverlässig.“

Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) kommunizierte spät.
Bild: Sven Hoppe, dpa

Luftfilter haben sie in Bobingen keine bekommen – weil man auch über die Fenster nach jeder Stunde lüften kann. Immerhin aber Masken. „Bei der Maskenpflicht machen die Kinder gut mit“, lobt Doerfler. „Am schwierigsten ist das Abstandhalten. Eigentlich müsste ich deshalb die ganze Zeit schimpfen. Je länger die Schüler wieder da sind, umso normaler kommt die Situation ihnen vor – und irgendwann liegen sie sich in den Armen.“ Kinder halt.

Ob sie die Pandemie befördern oder nicht, in dieser Frage widersprechen sich die Studien wie in keinem anderen Bereich. Fest steht: Im November, kurz vor den Schulschließungen, waren in Bayern zeitweise mehr als 45.000 Schüler in Quarantäne, hunderte Schulen hatten außerplanmäßig geschlossen.

 

Um das zu verhindern, haben Kultus- und Gesundheitsministerium ein Testkonzept entwickelt. An diesem Montag greift es noch nicht. Zwar werden an den Testzentren Lehrern und Schülern Zeitfenster für Reihentests freigehalten. Viele Schulen haben schon vergangene Woche angefangen, auf diese Weise zumindest bei Lehrern eine Corona-Infektion auszuschließen. Schnelltests, etwa in Österreich längst an Schulen angewendet, sollen aber erst im März zugelassen werden. Für Grundschüler sind sie nicht geeignet. Hier kommt Professor Michael Kabesch ins Spiel, ärztlicher Leiter des Krankenhauses Barmherzige Brüder in Regensburg. „Nur zu öffnen, führt uns in den neuen Lockdown“, sagte Kabesch der Katholischen Nachrichtenagentur.

Der Gurgeltest wäre auch für Grundschulen geeignet

Der Kindermediziner forscht an einem Verfahren, das schnell zeigt, ob ein Schüler das Virus in sich trägt – und das auch Grundschüler leicht anwenden könnten: dem Gurgeltest. Den hat er mit den Regensburger Domspatzen perfektioniert. Zweimal in der Woche mussten die Jungen aus den Schulen des Chors von Oktober bis Dezember morgens zu Hause gurgeln. Kabeschs Mitarbeiter holten die Tests ab, mittags hatten die Schüler das Ergebnis. Keine Klasse musste in der Zeit in Quarantäne. Jetzt hofft Kabesch, dass Gesundheits- und Kultusministerium ihm eine Studie an zusätzlichen Schulen genehmigen. „Mit unserem Modell wollen wir den Infizierten erkennen, bevor er weitere Schüler ansteckt, es also zur Kettenreaktion kommt. Es nützt nichts, wenn man drei, vier Tage später weiß, dass ein Infizierter schon so lange in der Schule ist.“

 

Lehrerin Elisabeth Scholz ist im Klassenzimmer zum Abstandhalten gezwungen. „Das macht es natürlich schwieriger, den Kindern zu helfen“, sagt sie, läuft durch die Reihen und linst, so gut es geht, auf die Arbeitsblätter der Viertklässler. Lehrer beim Impfen zu priorisieren und etwas mehr Normalität zu ermöglichen, fände sie gut. „Gerade für die älteren Kollegen.“

Ihr Chef hält Impfungen für „konsequent“. Die Diskussion um das Thema mitzuverfolgen, dafür hat Doerfler aber keine Zeit. In einer Viertelstunde ist Deutschunterricht. „Danach setze ich mich an die Planung für das nächste Schuljahr.“ Die Einschreibung der künftigen Erstklässler kommt. Manche Familien vertrauen offenbar nicht darauf, dass im Herbst wieder alles normal ist. „Die ersten Eltern entscheiden sich schon, ihr Kind noch ein Jahr zurückzustellen.“ Einen Schulstart unter Corona-Bedingungen wollen sie ihren Kindern ersparen.

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