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Hörspiel

22.12.2013

Eine schöne Bescherung

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2 Bilder
Da sind sie noch nüchtern, aber schon recht lustig: Der amtierende Ministerpräsident Horst Seehofer (von links) und seine Vorgänger Günther Beckstein und Edmund Stoiber, eine Holzeisenbahn aus der „Sammlung Seehofer“ vor sich, eine Christian-Ude-Puppe zum Frotzeln und irdene Krüge samt Inhalt. Alle drei Rollen spielt Wolfgang Krebs.
Bild: Mathias Wild

Kabarettist Wolfgang Krebs liest eine besondere, nicht ganz ernst gemeinte Weihnachtsgeschichte. Mit dabei: Horst Seehofer, Günther Beckstein und Edmund Stoiber.

Kurz vor Heiligabend, rund um das Kloster Irsee ereignen sich ungewöhnliche Dinge. Am letzten Rückzugsort der Sozis im Freistaat treffen sich vier Personen zur besinnlichen Weihnachtsfeier: Es sind der aus Funk und Fernsehen bekannte Kabarettist Wolfgang Krebs sowie seine drei Freunde, der Seehofer, der Beckstein und der Stoiber. Was haben sie vor? Unsere Redaktion wagt einen Blick durchs Schlüsselloch.

Auf einem festlich geschmückten Tisch in der Gaststube sitzt inmitten einer Holzeisenbahn aus der „Sammlung Seehofer“ teilnahmslos wie eine Jagdtrophäe Christian Ude. Rechts davon, als hätte er einen Besenstiel verschluckt – Horst Seehofer. Neben ihm im Protestantensakko Günther Beckstein. Daneben Edmund Stoiber im Bayernjopperl. Sie schauen aus wie die Heiligen Drei Könige. Eine Unterhaltung kommt schwer in Gang. Da hat Stoiber die Idee. Er will Wichteln, also Geschenke verteilen.

Stoiber: Horst, ich hab was für dich!

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Seehofer: Was denn?

Stoiber: Ein wunderbares silbernes Visitenkartenetui. So was braucht so ein wichtiger Politiker wie du.

Was Stoiber nicht sagt: Er hat das versilberte Etui selbst geschenkt bekommen, nämlich von der Jungen Union Niederaltaich, wo er vor einigen Tagen das Referat über die „Entbürokratisierung Europas unter besonderer Berücksichtigung der Abgasregelung bei Tret- und Ruderbooten in Niederbayern“ hielt.

Seehofer: Das ist aber schön! Leider, lieber Edmund, hab ich aber gar keine Visitenkarten, denn ich bin froh, wenn mich die Leute in Ruhe lassen.

Günther Beckstein mischt sich ein. Er spricht in typisch mittelfränkischer Mundart.

Beckstein: Ist ja kein Wunder, weil er immer was verspricht   … Da mecht er nicht angerufen werden. Da würden die Leut’ ihn ja an seine Versprechen erinnern – zum Beispiel an die Augsburger Uniklinik.

Beckstein hat sein Buch „Die zehn Gebote“ mitgebracht.

Beckstein: Für euch. Damit ihr auch auch was über die Grundlagen eines evangelischen Protestanten wisst.

Seehofer: Hört’s endlich auf mit der Schenkerei!“

Beckstein und Stoiber schauen sich verwundert an.

Beckstein und Stoiber: Warum?

Seehofer: Ich hab euch nix mitgebracht. Ganz bewusst.

Beckstein und Stoiber: Warum?

Seehofer: Ja, weil ich doch qua persona ein Geschenk für Bayern bin!

Alle drei lachen und stoßen beherzt mit ihren irdenen Bierkrügen an.

Stoiber: Apropos. Was schenkst du denn deiner Freundin, der Claudia Roth, zu Weihnachten?

Beckstein: Ein Kruzifix.

Stoiber: Ja wieso dann das? Die war doch immer gegen die Kruzifixe.

Beckstein: Ihr glaubt es nicht. Die hat sich vom Saulus zum Paulus verwandelt, seit sie Bundestagspräsidentenvize ist. Die will schon lange kein Dosenpfand mehr zahlen und mag schon gar keinen Veggie Day.

Stoiber: Veggie Day, Veggie Day. Den Veggie Day hat mit dem Gründonnerstag doch die CSU erfunden!

Die drei stoßen an. Beckstein bittet Stoiber die Weihnachtsgeschichte zu erzählen.

Stoiber: Ja also, in einem Land, äh Stadt, ich meine Bethlehem, lag einmal ein Bub in einer Futterkrippe. Zu dem kamen die drei Könige. Und sie kamen nicht mit dem BMW, darum mussten die Römer auch keine Pkw-Maut einführen. Sie waren, wie soll ich sagen: Kameltreiber.

Seehofer: Was für ein Kamel wird denn jetzt schon wieder durchs Dorf getrieben? Edmund, du bist ja schlimmer als diese Frau Slomka!

Stoiber: Stimmt. Ich kenne diese Anne Will auch. Der Journalismus, wenn Sie mich fragen …

Beckstein: Seit wann sind wir per Sie?

Stoiber: Es ist ja so, dass wir nur noch über die Nebenthemen reden und nicht über die eigentlichen …

Beckstein: Stimmt, Edmund. Aber lass uns doch weitermachen mit der Weihnachtsgeschichte. Ich hab von der Marga ein Lied mitgebracht.

Beckstein: Macht hoch die Tür ...

Stoiber (gepresst): die Tor macht weit, es kommt …

Seehofer: der Herr der Herrlichkeit – nämlich ich! Ha, ha, ha …

Die drei stoßen zünftig an.

Seehofer: Aber eins sage ich euch gleich. Über meine Minister sage ich nichts.

Stoiber: Wobei ich schon finde, dass die Beate Merk …

Seehofer: Die Beeeaaateee Merk. Die glaubt ja immer noch, sie hat den Gustl Mollath persönlich aus der Psychiatrie rausgehauen. Dabei hat sie jahrelang behauptet, der Mann sei verrückt und gehöre eingesperrt – und die bayerische Justiz arbeite gründlich. Ich habe sie dann beiseite genommen und gesagt: „Du, Beate, wenn du mit solchen Wahnvorstellungen irgendwann unter die Gutachter gerätst, dann kann dir auch von unserer Seite keiner mehr helfen.“

Stoiber: Und trotzdem ist sie weiter in deinem Kabinett.

Seehofer: Ja, sie glaubt, sie hat den Mollath rausgehauen. Ich glaube: Sie ist nicht therapierbar. Und solche Leute darf man nicht vorzeitig entlassen – auch nicht aus der Bayerischen Staatsregierung. Am Ende zersticht die in der Tiefgarage am Maximilianeum Autoreifen.

Beckstein: Und, was hast gemacht?

Seehofer: Sie ist jetzt bayerische Europaministerin und hat ein Einzelbüro in der Staatskanzlei. Und …

Stoiber: Was und?

Seehofer: Sie glaubt tatsächlich, dass es das Amt gibt. Ha, ha, ha. (Hält sich vor Lachen den Schmerbauch. Die anderen feixen.)

Seehofer: Und dann sperren wir ihr in der Früh das Büro auf und gleich wieder zu. Und das ist dann fast so etwas wie Einzelhaft! Ha, ha, ha, ha.

Die drei Männer schlagen sich auf die Schenkel. Stoiber hat schon 0,1 Promille intus. Darum stellt er unbedacht die Frage aller Fragen.

Stoiber: Und wer wird denn überhaupt dein Nachfolger?

Seehofer: Divide et impera!

Beckstein: Seit wann kannst du Latein, du warst doch am zweiten Bildungsweg?

Stoiber: Was meinst du damit?

Seehofer: Das bedeutet: Teile und herrsche. Gut, dazu brauchst du zwei ernsthafte Gegner aus den eigenen Reihen, deswegen ist die Haderthauer da nicht dabei. Zurzeit sind es Söder und Aigner. Und du sagst, getrennt voneinander, dass sie Nachfolger werden.

Stoiber: Genau, kenn ich!

Eine schöne BescherungSeehofer: Und im Einzelgespräch sagst du ihnen, dass sie’s ganz sicher werden und der jeweils andere keine Chance hat. Und ab dem Moment können deine Nachfolger nicht anders. Sie müssen dich als Chef lieben und beweihräuchern wie die Heiligen Drei Könige. Und so wird der Chef jeden Tag immer größer und größer (Seehofer steht auf und streckt sich), und die Nachfolger werden immer kleiner und kleiner. Und am Ende wird es sowieso ein anderer.

Stoiber: Und wer soll dann Nachfolger werden?

Beckstein: Genau, sag’s uns!

Seehofer: Es gibt ja so viele Namen, auf jeden Fall wird’s einer, mit dem keiner rechnet.

Beckstein: Wer denn, wer denn?

Seehofer: Was weiß denn ich: Der Marcel Reich, äh Huber oder der Doktor Gerd Müller.

Stoiber: Horst, du kannst doch nicht unsere zweite Ersatzbank …

Seehofer: Vielleicht aber auch die Claudia Stamm?

Beckstein und Stoiber: Wie bitte, die ist doch bei den Grünen!

Seehofer: Ja, das ist sie. Aber ihre Mutter hat schwarze Wurzeln!

Stoiber: Horst, du bist ein Hund!

Beckstein: Ein Hund bist du schon!

Ein Ober kommt und fragt, ob die Herren zufrieden sind. Da hat ausgerechnet Stoiber einen Wunsch.

Stoiber: Haben Sie so einen – äh Whiskey oder so ähnlich? Ich meine, so etwas, wenn man etwas Unanständiges trinken möchte, was man sich nur zur Weihnachtszeit gönnt.

Beckstein: Edmund, du vergisst dich!

Seehofer: Er meint a Kracherl mit etwas mehr Kohlensäure.

Stoiber: Nein, nein! Ich meine schon die richtigen Dinge. Ich habe damals auch mit dem Schüssel von Österreich so einen ...

Ober: Meinen Sie vielleicht einen „Southern Comfort“?

Stoiber: Ja genau.

Beckstein: Seit wann kannst du denn Englisch?

Stoiber: Seit ich mit dem Westerwelle und dem Oettinger in einem VHS-Kurs war. Also „Southern Comfort“, das bedeutet südlicher Komfort.

Inzwischen schaut es auf dem Tisch wüst aus. Von unseren Freunden merkt das keiner, sie haben einen Rausch.

Stoiber: Ach geh weiter! Lass uns doch mal über die Große Koalition, die Groko, reden!

Seehofer: Ja, ja … Groko (schnarch).

(Seehofer ist hundsmüde. Plötzlich ist er eingeschlafen)

Stoiber: Ha, ha – der Horst pennt.

Beckstein: Jetzt ist er weg. Jetzt können wir mal unter uns auskarteln, wie es weitergeht in Bayern.

Stoiber: Also als Erstes brauchen wir einen Bayern-Präsidenten.

Beckstein (ungläubig): Einen Bayern-Präsidenten?

Stoiber: Ja einen, der über Seehofer steht, aber unter Uli Hoeneß. Einer, der die Vormachtstellung Bayerns nach außen verteidigt.

Beckstein: Ja, wieso des denn?

Stoiber: Ja, in Berlin haben wir ja auch zwei. Eine Merkel Bundeskanzlerin und einen Bundespräsidenten. So etwas haben wir nicht.

Beckstein: Wir haben aber eine Landtagspräsidentin.

Stoiber: Geh Günther! Wir haben auch einen Bundestagspräsidenten. Aber das ist was anderes.

Beckstein: Aha.

Stoiber: Ich habe lange mit mir diskutiert, wer das werden könnte.

Beckstein: Und, wer?

Stoiber: Ich hatte ja bei meiner letzten Wahl 60,4 Prozent, das höchste Wahlergebnis außerhalb von Diktaturen. Damals hat mich der Putin angerufen und gesagt: du auch!

Beckstein: Aha? Ich würd’ dich wählen, Edmund. Was würdest denn machen als Bayern-Präsident?

Stoiber (fuchtelt mit den Armen): Jeder, der bei uns in Bayern auf unseren Autobahnen fährt und jeder Holländer und sein Wohnwagen, der nicht im Allgäu Urlaub macht, von dem würde ich 1000 Euro Maut verlangen und 1000 Euro extra für den Wohnwagen.

Beckstein: Edmund, des gefällt mir. Da bin ich dabei!

Stoiber: Und jeder, der in einem Bierzelt einen Aperol Sprizz sauft, wird des Landes verwiesen.

Beckstein: Bravo! Bravo! Ausweisen! Ausweisen!!!

Stoiber: Und deshalb frage ich euch: Seid ihr dafür, dass der Ehrenministerpräsident wieder zum Bayern-Präsidenten aufsteigt?

Beckstein: Ja, ja, ja!!!

Beckstein stößt Seehofer in die Rippen, dessen Kopf kippt nach vorne.

Beckstein: Schau, Edmund, sogar der Horscht hat genickt.

Stoiber: Ich nehme die Wahl an.

Beckstein: Eine schöne Bescherung.

Stoiber (doziert): Nein, die Bescherung kommt erst jetzt. Denn, wenn Sie vom Hauptbahnhof in Irsee… mit zehn Minuten, ohne dass Sie vorher noch in der Schnapskanzlei einchecken, meine sehr versehrten Damen und Herren ...

Jetzt ist auch Beckstein eingeschlafen und unterwegs nach Schlummerland. Edmund Stoiber findet aber das Ende seiner neuen Transrapid-Rede nicht mehr. Und so erzählt er immer weiter, geht auf und ab und wartet auf Weihnachten.

 

Wie es zu dieser Geschichte kam

Als wir in der Redaktion vor Wochen über unsere kleine Weihnachtsserie grübelten, dachten wir zunächst daran, ein Porträt über den bayerischen Kabarettisten Wolfgang Krebs aus Kaufbeuren zu verfassen. Doch schon bei der ersten Kontaktaufnahme wurde eine viel bessere Idee geboren. Statt ihn daheim am Sofa mit seinem Lametta zu beschreiben, sollten sich seine Alter Ego Seehofer, Stoiber und Beckstein in seiner künstlerischen Heimat – dem Altbau in Irsee – zu einer Weihnachtsfeier treffen. Ohne präzise vorgegebenes Drehbuch, nur mit einigen Stichwörtern im Block, traf Redakteur Karg den Kabarettisten Krebs im Café der Irseer Kleinkunstbühne „Altbau“. Dazu kam Fotograf Mathias Wild, der Krebs in drei Rollen präzise ablichtete. Per Bildmontage sitzt der Künstler nun als bayerische Dreifaltigkeit am Tisch.

Ziel des Projekts war es, etwas zu wagen, nämlich gesprochenes Bühnen-Kabarett in Schriftform zu übertragen. (jok)

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