1. Startseite
  2. Bayern
  3. Sind Fluchtgeschichten von früher und heute vergleichbar?

Königsbrunn

02.10.2015

Sind Fluchtgeschichten von früher und heute vergleichbar?

Kann man die damalige Flucht der Menschen aus der DDR mit den heutigen Flüchtlingsströmen vergleichen? Diese Frage ist durchaus heikel.
Bild: Ungarisches Tourismusamt (dpa) (Archiv)

Darf man die Vertriebenen nach 1945, DDR-Flüchtlinge und die Massen, die jetzt nach Deutschlandströmen, miteinander vergleichen? Hier gehen die Meinungen auseinander.

Kurz vor der innerdeutschen Grenze wird Margot Dieckmann zur Puppe. Ein Schleier bedeckt ihr Gesicht, sie hat Theaterschminke aufgelegt und trägt Requisiten – wie die Plastikfiguren um sie herum. Im Anhänger ist es dunkel. „Ich höre die Grenze kommen, Leute schreien.“ Der Wagen hält an.

Die Klappe geht auf, das Licht einer Taschenlampe huscht über sie und die Theaterausstattung. „Anscheinend war ich in dem Moment so still, dass ich wie eine der anderen Puppen ausschaute.“ Sie ist erleichtert, will schon aufatmen. „Plötzlich ruft ein Russe: Ich will die Requisiten auch sehen!“ Eine Diskussion entspinnt sich zwischen den deutschen Grenzbeamten und dem sowjetischen Soldaten. Eine Autoschlange hat sich gebildet. Die Grenzer wollen die Fahrer nicht warten lassen. Der Soldat dagegen hat wohl etwas gesehen. „Der war verärgert.“ Die Beamten setzen sich durch. Es geht hinaus aus der DDR. Hinaus in die Freiheit.

In der Nachkriegszeit fliehen hunderttausende Vertriebene

Margot Dieckmann lebt heute in Königsbrunn bei Augsburg, im sechsten  Stock eines großen Wohnhauses. Während die 89-Jährige erzählt, knetet sie die Daumen ihrer gefalteten Hände. „Wenn ich jetzt die Flüchtlinge im Fernsehen sehe, fühle ich mit ihnen“, sagt sie. „Ich erinnere mich an früher.“ Früher, das ist für die gebürtige Berlinerin die Flucht aus der DDR. Früher, das ist die Zeit zweier deutscher Staaten, in denen allein bis 1950 etwa zwölf Millionen Menschen zu den Einheimischen stoßen – acht Millionen in der Bundesrepublik, vier Millionen in der sowjetisch besetzten Zone.

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

Es ist die Nachkriegszeit, und Deutschland ist in vier Sektoren unterteilt. Die Alliierten – die USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion – verwalten sie. Die meisten Einheimischen: bettelarm. Die Städte: ausgebombt. Gleichzeitig strömen aus Ostpreußen, Schlesien oder dem Sudetenland hunderttausende Vertriebene ins Land. Auch aus der sowjetisch besetzten Zone flüchten die ersten. Es herrscht Ausnahmezustand.

Heute sind es wohl eine Million Flüchtlinge allein in diesem Jahr, die nach Deutschland kommen. An den Wochenenden drängen zehntausende Syrer, Afghanen oder Kosovaren nach Bayern. Die Behörden arbeiten am Anschlag. Wieder: ein Land im Ausnahmezustand.

Kann man Flucht und Vertreibung von früher mit der heutigen Situation vergleichen?

Bei all den Erinnerungen: Kann, ja darf man Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Situation heute überhaupt vergleichen? Nein, sagen viele empört, das damals waren deutsche Heimatvertriebene, das heute sind vor allem Muslime aus dem arabischen Sprachraum, und nicht wenige unter ihnen Wirtschaftsflüchtlinge. Und wenn das doch geht? Können wir dann etwas daraus lernen?

Margot Dieckmann wächst in Berlin auf. Ihren Heimatort verlässt sie das erste Mal unfreiwillig 1945. Das Haus, in dem sie und ihre Schwester Elisabeth leben, wird zerbombt. Weil sie sich direkt von ihrer Arbeit als Erzieherin in den Luftschutzkeller rettet, hat sie von einem Tag auf den anderen nur noch das, was sie am Leib trägt. Ein Bekannter nimmt sie zu sich nach Oebisfelde in Sachsen-Anhalt.

Das zweite Mal verlässt Dieckmann ihre Heimat in den 50er Jahren. Sie ist verheiratet, mit Bernhard, einem Zugschaffner, und lebt nun in Magdeburg. Die Polizei erwischt ihn auf dem Heimweg – mit ein paar verbotenen Heften. „Was sonst noch passiert ist, weiß ich nicht“, sagt die alte Dame, deren Mann mittlerweile gestorben ist. Jedenfalls: „Er kommt nach Hause und sagt: Die Polizei ist hinter mir her. Ich muss flüchten, nach Westberlin.“ Margot Dieckmann will nicht ohne ihn bleiben. Die Mauer steht zwar noch nicht, aber die DDR erschwert den Grenzübertritt mehr und mehr. Die Flucht gelingt erst Wochen später – im Auto einer Theatertruppe.

Weitere Seiten
  1. Sind Fluchtgeschichten von früher und heute vergleichbar?
Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

02.10.2015

Vergleichbar?

Damals gab es kein Willkommen, keine Psychologen für traumatisierte Kinder, Jugendliche – für Heimatvertriebene. Noch heute geistert es in unseren Köpfen. Wenn der Rosse mit dem Gewehrkolben auf Mutter`s Rücken schlug: "Frau komm mit" . . . wenn nachts ein leise dröhnendes Flugzeug zu hören ist: „Fliegeraalarm“ so denke ich noch heute . . .

Einquartierung war damals das schlimme Szenario nach der Flucht. Mit uns DEUTSCHEN wollte niemand etwas zu tun haben. Mit uns Flüchtlingskindern durfte man nicht spielen. Wir wurden schräg angeschaut. Wir sprachen das reine DEUTSCH – das Württembergische und auch das Bayerische klang in unseren Ohren wie Fremdsprachen.

HUNGER ALLE hatten Hunger. Der Osten (12 Millionen) wanderten in den gebeutelten Westen – und irgendwann hat es dann funktioniert – denn die Flüchtlinge haben erheblich dazu beigetragen, dass der Wiederaufbau gelingen konnte. Sie waren bescheiden, zufrieden und willig.

Meine Meinung zur Völkerwanderung im HEUTE: die Flüchtlinge heute haben es leichter, denn sie sind willkommen - sie sollten aber nicht das Paradies in Deutschland erwarten.

Die Flucht an sich: damals 1944/45 war es nicht weniger schlimm. Das "Ankommen" im Westen war sehr schwer, denn es gab noch keine Willkommenskultur . . .

Permalink
Das könnte Sie auch interessieren