Rekordverdächtige 5,8 Millionen Euro betrug das Defizit der beiden Krankenhäuser Dillingen und Wertingen im Jahr 2019. Doch wer dachte, im Coronajahr 2020 fiele das Defizit noch höher aus, sah sich getäuscht. Dabei mussten in jedem Lockdown geplante Operationen abgesagt werden.
Insgesamt ging in beiden Häusern im vergangenen Jahr die Zahl der Fälle von 16.240 auf 13.135 zurück. Gerade darüber verdienen die Kliniken jedoch Geld: 82 Prozent der Gesamterlöse stammen aus stationären Einnahmen.
Das sagt ein erfahrener Orthopäde
Der Orthopäde Dr. Jürgen Beck vertritt die Freien Wähler im Krankenhausausschuss und berichtete, wie es ihm in den vergangenen Monaten erging. „Die monatelangen Schließungen waren sehr schwierig für uns. Wir mussten Patienten absagen, die nicht nur OP-Termine hatten, sondern auch die anschließende Reha – und das alles beruflich abgesprochen hatten.“
Das sei für die Patienten schlimm gewesen, aber für das ganze Team der Praxis ebenfalls. Man konnte nichts tun – zumal das Krankenhaus Bereiche für Corona-Kranke vorhalten musste. So sei man zum Nichtstun verdammt gewesen. Und nach dem Lockdown habe man nicht einfach einen Schalter umlegen können. „50 bis 100 Patienten sind abgewandert, wir hatten richtige Verluste.“
Was die Wirtschaftsprüfer über die Zahlen aus Dillingen und Wertingen sagen
Trotzdem beläuft sich 2020 das Defizit beider Häuser auf 3,6 Millionen Euro. Knapp 6,5 Millionen Euro hätten durch den Ausfall der Krankenhausleistungen in der Kasse gefehlt. Bund und Freistaat gewährten Corona-Ausgleichszahlungen in Höhe von 7,5 Millionen Euro. Abzüglich des Pflegebudgets in Höhe von einer halben Million Euro blieb so immer noch eine weitere halbe Million Euro mehr übrig als erwartet. Am höchsten sind die Ausgaben für das Personal. Diese beliefen sich im vergangenen Jahr auf fast 49,8 Millionen Euro (2019: 47,9 Millionen Euro).
Landrat Leo Schrell betonte am Montag bei der Vorstellung der Zahlen im Krankenhausausschuss vor allem eines: Die Wirtschaftsprüfer haben einen „uneingeschränkten Bestätigungsvermerk“ für die Finanzen der beiden Kreiskliniken in Dillingen und Wertingen im Jahr 2020 ausgestellt. Die Prüfer haben keine Einwände gegen die Unterlagen der Krankenhäuser – jedoch einen Hinweis zur Liquiditätslage angefügt. Auch Sonja Greschner, Betriebsdirektorin am Dillinger Krankenhaus, sagte bei der Vorstellung der Zahlen: „Die Liquidität bleibt herausfordernd.“
Viele andere Krankenhäuser in Deutschland hätten das gleiche Problem, ergänzte der Landrat. Zur Untermauerung seiner These hatte er an die Kreistagsmitglieder einen entsprechenden Bericht austeilen lassen. Zudem gebe es im ländlichen Raum zu wenige Haus- und Fachärzte. Ohne Krankenhäuser sei es dann schwierig, die medizinische Versorgung aufrechtzuerhalten. Gerade in der Pandemie, erklärte Beck, hätten auch die kleinen Krankenhäuser ihre Bedeutung bewiesen und immer wieder Patienten anderer Kliniken übernommen, die dort wegen des Virus keinen Platz mehr hatten.
Was der Dillinger Oberbürgermeister fordert
Dillingens Oberbürgermeister Frank Kunz (CSU) dankte dem Personal der beiden Krankenhäuser für seinen Einsatz. „Aber man darf nicht vergessen: Seit 2016 stieg das Defizit. Nur 2020 nicht, weil wir rund acht Millionen Euro Unterstützung bekommen haben. Sonst hätte es ganz anders ausgesehen.“ Dafür müsse man Bund und Freistaat dankbar sein. Dankbar, ja, meinte Leo Schrell dazu, doch sei die Unterstützung angesichts der Corona-Lage auch geboten gewesen. Was Dillingens Rathauschef noch wichtiger war: „Wie können wir unsere Kliniken fit machen für die Zukunft? Wir müssen uns breit aufstellen.“ Gemeinsam als Team sollte man die geplanten Maßnahmen – etwa der Linksherzkathetermessplatz in Dillingen und die Geriatrie in Wertingen – zeitnah umsetzen. „Wir sind dafür zuständig, die notwendigen Strukturen zu schaffen“, betonte Kunz.
Kreisrat Franz Bürger (CSU) fragte, warum bei weniger Fällen und weniger Einkommen die gleiche Personalstärke notwendig war. „Und wie geht es jetzt weiter?“ Es sei eine gute Nachricht, wenn der Personalaufwand pro Fall sinkt, antwortete der Landrat. Doch die geplante Akutgeriatrie erfordere viel Personal. Daher sei kein Abbau geplant – „ganz und gar nicht“. Bürger ließ nicht nach: Wie könne man den Trend sinkender Fallzahlen denn aufhalten, wollte er wissen.
Meiden die Patienten die Krankenhäuser?
Dazu sagte Greschner: Während die Nachfrage nach stationären Behandlungen sinke, steige sie im ambulanten Bereich. „Die Patienten vermeiden den Aufenthalt im Krankenhaus“, befand sie. Auch Kreisrat Beck hat bemerkt, dass viele Patienten wegen Corona misstrauisch geworden sind und Angst haben vor dem Virus. Die Situation verschärft sich laut Greschner derzeit.
Denn parallel dazu sind die Corona-Hilfen im Juni ausgelaufen. 1,4 Millionen Euro gab es heuer noch, 715.000 Euro stehen noch aus, mit mehr rechnet man nicht mehr. Zudem sei es illusorisch zu glauben, dass die stationären Patientenzahlen mittel- und langfristig wieder auf das Niveau von 2019 ansteigen werden. „Das heißt, wir müssen auch ambulant tätig sein dürfen, um entsprechende Einnahmen zu generieren.“ Daher werde das Zusammenspiel zwischen niedergelassenen Ärzten und den Krankenhäusern immer wichtiger.
Der Dillinger OB habe daher recht, so der Landrat: „Es wird unsere Aufgabe sein, die Strukturen zu schaffen.“ Entsprechende Beschlüsse über notwendige Investitionen seien im Aufsichtsrat bereits gefasst worden. Die Grünen-Kreisrätin Heidi Terpoorten hinterfragte dennoch, ob man schnell genug sei. Ihre Fraktion habe da Bedenken. An den entsprechenden Rahmenbedingungen werde bereits gearbeitet, antwortete Greschner. „Wir geben Gas.“
Wie man das Defizit der beiden Kreiskrankenhäuser vermeiden könnte
Landrat Schrell meinte, man werde sich wie auch in den vergangenen Jahrzehnten weiter intensiv mit der Krankenhauspolitik beschäftigen. Das Defizit sei vermeidbar – „aber dann hätten wir unsere Kliniken so nicht. Es war ja klar, was eine Geburtshilfe und zwei Notaufnahmen kosten – wir wollten beides. Dann dürfen wir jetzt auch nicht jammern.“ Zudem bilde man an der Pflegeschule den eigenen Nachwuchs für Krankenhaus und Altenpflege aus. Für den Neubau der Schule in Wertingen warte man derzeit noch auf Genehmigungen.
Und wie sieht es für 2021 aus? Das sei „Kaffeesatzleserei“, meinte Landrat Schrell. Man hoffe einfach, dass der Betrieb im Rest des Jahres normal laufen kann. Im Wirtschaftsplan ist ein Defizit von 3,6 Millionen Euro für beide Häuser aufgeführt; es werde wohl nicht reichen. Der Erlösausfall in beiden Häusern bis Juni 2021 beläuft sich in Wertingen auf 2,3 Millionen Euro und in Dillingen auf 2,7 Millionen Euro.
Die Rekrutierung und Sicherung hoch qualifizierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Digitalisierung, all das kostet. Immerhin, vermutlich erhalten beide Krankenhäuser rund 2,7 Millionen Euro zur Finanzierung der Digitalisierungsmaßnahmen wie der digitalen Patientenakte.
Ein SPD-Kreisrat zitiert Bundeskanzlerin Angela Merkel
„Die Zahlen werden aber noch schlechter“, befürchtete Beck. „Da können weder die Krankenhaus-Verwaltungen noch der Aufsichtsrat etwas tun.“ Auch der Landrat fürchtet, dass Patienten sich immer wieder bei anderen Krankenhäusern außerhalb des Landkreises behandeln lassen werden.
Deswegen müsse man intensiver mit anderen Einrichtungen zusammenarbeiten. „Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Finanzierungsproblem. Aber wenn wir die Situation objektiv anschauen, sind wir ganz gut aufgestellt.“ Nicht zuletzt, ergänzte Kreisrat Walter Fuchsluger (SPD), sei man den Bürgern den Erhalt beider Häuser schuldig. Man müsse gewährleisten, dass es so bleibt – und dabei die Finanzen in den Griff kriegen. „Wie sagte schon jemand Berühmtes: ‚Wir schaffen das‘.“